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Der Unantastbare ist antastbar - Hat Klopp jetzt ein Kimmich-Problem?

Deutschland kann auch ohne Joshua Kimmich gewinnen - doch ist das nun Problem oder Chance?
VonOliver Helbig
Jürgen Klopp und Joshua Kimmich
Jürgen Klopp und Joshua Kimmich | Stefan Matzke - sampics/GettyImages

Deutschlands erster Länderspielsieg unter der Leitung von Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp ist in der Tasche: Mit einem verdienten 2:0 über Serbien wurden am Donnerstagabend in der Münchner Allianz Arena viele Wogen geglättet, die durch die ersten beiden weniger erfreulich verlaufenen Länderspiele unter dem 59-Jährigen aufgewühlt wurden.

Doch das insgesamt dritte Länderspiel unter Klopp wirft auch ganz neue Fragen rund um die DFB-Auswahl auf. Eine der bedeutendsten ist dabei die Rolle von Kapitän Joshua Kimmich.

Kimmich-Fehlen fällt kaum auf - Und jetzt?

Nach den Spielen gegen die Niederlande und Griechenland war klar, dass Kimmich einer der Spieler aus Kader eins sein würde, der die Nationalmannschaft verlassen und vor dem Duell mit Serbien abreisen muss – und das, obwohl Kimmich öffentlich deutlich gemacht hatte, dass er gerne bleiben würde.

Im Spiel gegen Serbien teilten sich dann seine beiden Vereinskameraden vom FC Bayern München, Aleksandar Pavlovic und Tom Bischof, das deutsche Mittelfeld und hinterließen einen vielversprechenden Eindruck.

Das DFB-Mittelfeld der Zukunft? Aleksander Pavlovic und Tom Bischof
Das DFB-Mittelfeld der Zukunft? Aleksander Pavlovic und Tom Bischof | Christina Pahnke - sampics/GettyImages

Während Aleksandar Pavlovic das Spiel auf physische Art und Weise an sich zog und wie ein Feldherr das Zepter im deutschen Zentrum schwang, war Bischof das dynamische Powerhouse zwischen den Strafräumen, das Druck nach vorne machte und unheimlich viel Energie lieferte. Verdientermaßen machte Bischof auch das 1:0 und feierte sein erstes Tor in der A-Elf.

Das DFB-Team wirkte so in vielen Phasen nicht nur weniger ausrechenbar sondern irgendwie auch harmonischer.

Eine Erkenntnis, die Joshua Kimmich zum Nachteil werden könnte, denn gerade beim Kapitän schwingt die ständige Erkenntnis mit, dass er am liebsten alles selbst machen möchte. Das macht das deutsche Spiel nicht nur in der Theorie ausrechenbarer und schränkt es in vielen Phasen ein.

Ist der Unantastbare jetzt antastbar?

In dieser aktuellen Thematik ist ein Eindruck vielleicht auch ganz besonders interessant: Es steht möglicherweise gar nicht so sehr im Mittelpunkt, wie gut Pavlovic und Bischof ihren Job gegen Serbien erledigten, sondern dass nicht zwingend auffiel, dass Kimmich fehlte.

Und das könnte für den Kapitän nun zum echten Problem werden, denn damit würde der Unantastbare plötzlich antastbar. Wenn Kimmich sportlich nicht mehr hundertprozentig im Sattel sitzt, drängt sich nämlich auch die Frage auf, ob der Münchner Mittelfeld-Maestro dann noch die Kapitänsbinde tragen kann oder wie der Rest des Teams in einem knallharten Konkurrenzkampf steht, in dem es auch für Kimmich um jedes Spiel geht.

Joshua Kimmich
Joshua Kimmich | DeFodi Images/GettyImages

Selbst ein Zurückrudern und ein Ziehen von Kimmich in die rechte Abwehrseite scheint keine Option mehr, denn zum einen sieht sich Kimmich selbst als zentraler Mittelfeldspieler und wurde auch von Klopp klar in diesem Bereich anvisiert und zum anderen tut sich mit Philipp Treu gerade ein zartes Pflänzchen auf, das unter Klopp zum neuen angestammten DFB-Rechtsverteidiger der Zukunft werden soll. Dieses Pflänzchen wird der Bundestrainer, sofern der Freiburger weiterhin überzeugt, nicht kaputt treten wollen.

Das heißt also zwangsläufig, dass sich Kimmich nun in einem unmittelbaren Kampf um seinen Platz im deutschen Team befindet, in dem mit Felix Nmecha vom BVB noch ein weiterer hochklassiger Spieler in diesem Mannschaftsbereich existiert.

Natürlich müssen sich auch die beiden Youngster Pavlovic und Bischof noch etablieren und gegen deutlich namhaftere Gegner beweisen, doch die Erkenntnisse aus dem Serbien-Spiel lassen vermuten, dass es der deutschen Mannschaft zumindest nicht schaden würde, wenn nicht einer alle Aufgaben an sich reißen möchte – ohne dabei die große Qualität von Kimmich infrage stellen zu wollen.

Die Frage wird aber künftig wohl nicht mehr so einfach lauten können "Kimmich und wer noch?". Auch ein Felix Nmecha wäre so einem offenen Konkurrenzkampf ausgeliefert.

Muss das zwingend ein Problem sein? Nein!

Dass eine Eröffnung des offenen Konkurrenzkampfs und der angedeuteten Fragestellung jedoch einen negativen Beigeschmack haben muss, ist damit nicht gemeint. Ganz im Gegenteil.

Zum einen könnte Kimmich auch ohne die Binde der große Anführer sein - allein schon wegen seiner Erfahrung und Errungenschaften. Zum anderen könnte sich das deutsche Team so viel effizienter auf verschiedene Gegner ausrichten und die Stärken des vorhandenen Spielermaterials voll ausschöpfen.

Felix Nmecha und Joshua Kimmich
Felix Nmecha und Joshua Kimmich | DeFodi Images/GettyImages

Bei all der Jammerei, was dem deutschen Team angeblich alles fehlt, wird gerade hier nämlich ganz besonders deutlich, dass Deutschland offensichtlich kein Problem im zentralen Mittelfeld zu haben scheint, das mit mangelnder Qualität zu tun hat, sondern vielmehr mit der Frage, welchen Star man außen vor lassen muss, weil es ein anderer noch in Fall XY besser könnte.

Jeder einzelne dieser Akteure verfügt über andere Stärken und Schwächen. Man muss sich im DFB-Team nur endlich so frei machen, dass man diese auch unterschiedlich gegen Gegner einsetzen kann.

Die Kimmich-Thematik ist vielmehr Chance als Problem

Joshua Kimmich trägt die deutsche Kapitänsbinde mit Stolz und Würde. Auch wenn der Münchner Mittelfeldstar häufig (auch zu Unrecht) in der Kritik steht und zum Gesicht des Misserfolgs gemacht wird, ist er ein würdiger Spielführer.

Doch möglicherweise wäre allen am meisten geholfen, wenn Kimmich von diesem Amt befreit werden würde und man einen anderen Kapitän bestimmt. Damit würde sich Klopp im Mittelfeld von der Problematik befreien, dass er jedes Mal ein Fass aus genau dieser Personalie aufmachen müsste und Erklärungsnöte bekommt, wenn der Kapitän mal nicht spielt oder wenn er spielt, obwohl vielleicht ein anderer spielen müsste.

Zudem könnte sich auch Kimmich aufs Wesentliche konzentrieren: seine sportlichen Leistungen. Ohne die Binde würde viel Last von ihm abfallen und er könnte nicht mehr persönlich für jeden Rückschlag der Nationalmannschaft verantwortlich gemacht werden. Das dürfte eine befreiende Wirkung haben.

Joshua Kimmich
Joshua Kimmich | Jürgen Fromme - firo sportphoto/GettyImages

Außerdem ist ja auch gar nicht gesagt, dass es immer eine "Oder-Fragestellung" geben muss, denn alle drei Münchner könnten auch zusammen im Mittelfeld auflaufen und sich ergänzen.

Mit einem Aleksandar Pavlovic als quasi Holding-Six, einem rechts versetzten und etwas freieren Kimmich als Spielgestalter und links im Zentrum einem Bischof als klassischem Box-to-Box-Spieler für die große Energie zwischen den Sechzehnern. Alternativ mit einem Felix Nmecha für einen der drei Spieler in diesem Modell.

Joshua Kimmich, Aleksandar Pavlovic und Tom Bischof können auch gemeinsam im Mittelfeld spielen
Joshua Kimmich, Aleksandar Pavlovic und Tom Bischof können auch gemeinsam im Mittelfeld spielen | Soccrates Images/GettyImages

Somit würde man aus den Stärken eines jeden Einzelnen ein schlagkräftiges Mittelfeld kreieren, das zum einen klare defensive Aufgaben abdeckt, aber eben auch einen Spielgestalter mit klugen Pässen sowie einen dynamischen Dauerläufer, der die gegnerischen Ketten ins Schwitzen bringt.

Dafür müsste man sich dann aber auch von der Herangehensweise mit einem echten Zehner lösen und einem Mittelstürmer wie z.B. Woltemade, Tresoldi, Undav und Co Jamal Musiala und Florian Wirtz als Flügel- bzw. Halbspurspieler an die Seite stellen.

Eine mögliche Startaufstellung bei DFB-Umbau:

ter Stegen - Treu, Tah, Schlotterbeck, Brown - Pavlovic - Kimmich, Bischof - Wirtz, Musiala - Tresoldi

Dass man nun den ersten Eindruck gewonnen hat, dass es möglicherweise auch mal ohne Kimmich geht, ist für Bundestrainer Jürgen Klopp und den deutschen Fußball in seiner Gesamtheit vielmehr Chance als Problem.

Kimmich kann auch ohne Binde Anführer sein
Kimmich kann auch ohne Binde Anführer sein | Marvin Ibo Guengoer - GES Sportfoto/GettyImages

Das hat nämlich gezeigt, dass Kimmich nicht alles selbst machen muss, um der deutschen Mannschaft am meisten zu helfen, sondern dass er sich auf das konzentrieren kann, was er am besten kann, während er andere Aspekte des Spiels seinen Nebenmännern überlässt.

Und ein Kimmich braucht auch keine Kapitänsbinde, um als Taktgeber von Weltformat zum spielentscheidenden Faktor und anerkannten Leader zu werden. Manchmal ist weniger einfach doch mehr.


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