Wer aktuell das Instagram-Profil von Sébastien Haller öffnet, kommt an einem Moment nicht vorbei. Ganz oben thront, als einziger angepinnter Beitrag, weiter der wohl größte Augenblick seiner Karriere: Der Gewinn des Afrika-Cups 2024, den er mit seinem entscheidenden Treffer im Finale gegen Nigeria selbst perfekt gemacht hatte. Riesiger Jubel, großes Glück. Doch direkt danach wird es schon deutlich nachdenklicher.
Aus seiner neuen Heimat Hiroshima teilte Haller anlässlich des Weltfriedenstages (21. September) Botschaften von der "Friedenswand" am Stadion seines neuen Klubs. "Dank des Fußballs werde ich mich für den Frieden einsetzen und von dieser Insel aus eine Erklärung für den Weltfrieden verkünden!", ist dort abschließend zu lesen.
Es sind zwei Posts, die ziemlich gut zu einer Karriere passen, in der sportlicher Erfolg längst nicht mehr alles ist. Als Haller im Sommer 2022 nach einer überragenden Saison bei Ajax Amsterdam zu Borussia Dortmund wechselte, sollte der bei Eintracht Frankfurt als Teil der legendären Büffelherde ins Bundesliga-Rampenlicht getretene Haller keinen geringeren als Erling Haaland ersetzen. Stattdessen wurde kurz nach seinem Wechsel ein bösartiger Hodentumor diagnostiziert. Haller musste sich einer Chemotherapie unterziehen, wurde zweimal operiert und kehrte erst ein halbes Jahr später zurück.
Gefeiertes Comeback und tragischer Held beim BVB
176 Tage nach der Diagnose stand er erstmals für den BVB auf dem Platz, am Weltkrebstag erzielte er gegen Freiburg sein erstes Bundesliga-Tor für Dortmund. Wenige Monate später folgte die nächste emotionale Extrem-Erfahrung: Am letzten Spieltag verschoss Haller beim 2:2 gegen Mainz einen Elfmeter, der BVB verpasste die Meisterschaft. Verletzungen und der Verlust seines Stammplatzes folgten, ehe Haller Anfang 2024 mit der Elfenbeinküste dann aber seinen vielleicht größten Triumph feierte.

Inzwischen ist Haller 32 Jahre alt. Und nach all diesen Ausschlägen nach oben und unten stellt sich die Frage: Hat der Angreifer mittlerweile einen Ort gefunden, an dem nicht nur das Leben, sondern auch der Fußball wieder leichter fällt?
Hallers letzter Abschied aus Deutschland
Im August 2025 endete Hallers Kapitel Borussia Dortmund endgültig. Bereits in der Vorsaison hatte er für den BVB kein Pflichtspiel mehr absolviert, stattdessen war er zunächst an CD Leganés und anschließend an den FC Utrecht verliehen worden. Der endgültige Abschied führte ihn fest zurück nach Utrecht. "Sébastien hat hier eine besondere Geschichte geschrieben", erklärte der damalige BVB-Sportdirektor Sebastian Kehl.
Damit endete (vorerst) auch Hallers Zeit in der Bundesliga. Seine Bilanz kann sich sehen lassen: In 118 Pflichtspielen für Frankfurt (77) und Dortmund (41) erzielte Haller 45 Tore (33/12) und bereitete 25 (19/6) weitere vor. Mit Frankfurt gewann Haller 2018 den DFB-Pokal, 2024 erreichte er mit Dortmund das Champions-League-Finale.

In den Niederlanden wurde Haller zudem mit Ajax zweimal niederländischer Meister und gewann 2021 den Pokal. In der Champions League sorgte er 2021/22 mit elf Treffern in nur acht Spielen für Aufsehen und wurde am Ende drittbester Torjäger des Wettbewerbs. Über allem steht aber der Afrika-Cup im selben Jahr: Haller traf bereits im Halbfinale und schoss die Elfenbeinküste im Finale gegen Nigeria mit dem Tor zum 2:1 zum Titel.
In Utrecht findet Haller die Ruhe, aber nicht die Tore
Dass er anschließend ausgerechnet zum FC Utrecht zurückkehrte, war kein Zufall. Schon von Januar bis Sommer 2025 hatte Haller auf Leihbasis für den Klub gespielt, bei dem er bereits zwischen 2015 und 2017 eine erfolgreiche Zeit erlebt hatte. Nach seinem endgültigen BVB-Abschied unterschrieb er im August 2025 noch einmal für ein Jahr. Andere Möglichkeiten habe es gegeben, erklärte Haller damals. Für ihn und seine Familie habe es aber nur "ein ideales Szenario" gegeben: Utrecht.
Auf persönlicher Ebene ging die Rechnung Haller zufolge auf. Sportlich dagegen nur bedingt.
2025/26 kam er wettbewerbsübergreifend 33 Mal für Utrecht zum Einsatz, erzielte aber lediglich ein Tor und bereitete vier weitere Treffer vor. Hallers Einjahresvertrag lief anschließend aus, seine sportliche Zukunft war mit 32 Jahren allerdings erneut offen.
Die Antwort liegt mehr als 9.000 Kilometer entfernt
Sie führte Haller nach Japan. Anfang Juli gab Sanfrecce Hiroshima die Verpflichtung des Angreifers bekannt. Haller erklärte dem japanischen Fußballmagazin footballista, dass er sich bereits in seinen letzten acht Wochen in Utrecht körperlich immer besser gefühlt habe. Gleichzeitig habe ihn Hiroshima mit der Art der Gespräche überzeugt. Die Werte des Klubs, insbesondere Respekt und Ehrlichkeit, würden zu den Vorstellungen von ihm und seiner Familie passen. Für das neue Abenteuer sei deshalb der richtige Zeitpunkt gekommen.
Und plötzlich funktioniert auch das Sportliche wieder. In seinen ersten sechs Spielen in der J1 League erzielte Haller drei Tore und bereitete einen weiteren Treffer vor. "Es wird besser", sagte er gegenüber dem offiziellen Sanfrecce-Kanal zu seinem körperlichen Zustand, der zunächst nur für rund eine Stunde Spielzeit reichte. Er müsse nun langsam wieder 90 Minuten spielen und komme "Schritt für Schritt" in einen guten Zustand. Wenige Tage später, am 6. September, absolvierte er dann erstmals die komplette Spielzeit.
Ganz ohne Rückschlag verläuft aber auch dieses Kapitel bislang nicht. Nach seinem Treffer und den 90 Minuten gegen Okayama fehlte Haller sowohl beim spektakulären 6:1 gegen Cerezo Osaka als auch eine Woche später beim 1:0 gegen Avispa Fukuoka im Kader. Vor dem Cerezo-Spiel hatte Trainer Bartosch Gaul Hallers Ausfall bereits bestätigt, lokale Berichte nannten eine Verletzung als Grund. Eine konkrete Diagnose oder Ausfalldauer veröffentlichte der Klub bislang allerdings nicht.
Ob Haller sein Glück damit endgültig gefunden hat, lässt sich nach wenigen Wochen in Japan kaum beantworten. Aber die Voraussetzungen sind andere als in den Jahren zuvor. In Utrecht fand er nach eigener Aussage die ersehnte Ruhe für sich und seine Familie. In Hiroshima spricht er nun von einem Klub, dessen Werte zu seinen eigenen passen. Und erstmals seit längerer Zeit folgen darauf auch wieder regelmäßig Tore. Nach einer Karriere, in der Haller viel häufiger über Comebacks sprechen musste, als ihm lieb sein dürfte, ist das zumindest ein bemerkenswerter Anfang.
Was macht eigentlich?
