Das Kapitel Jonas Boldt bei Hannover 96 ist nach gerade einmal fünf Monaten schon wieder beendet. Am vergangenen Samstag gaben die Niedersachsen die Freistellung des Sport-Geschäftsführers bekannt. Der Aufsichtsrat hatte sich einstimmig für die Trennung vom 44-Jährigen ausgesprochen.
Dabei war Boldt erst im Sommer mit großen Ambitionen nach Hannover gekommen. Er sollte den Verein sportlich neu aufstellen und die Rückkehr in die Bundesliga vorantreiben. Stattdessen steckt 96 nach einem misslungenen Saisonstart im Abstiegskampf. Vor allem die umstrittene Trennung von Trainer Christian Titz, die Verpflichtung von Sandro Wagner und die enttäuschende Transferpolitik wurden Boldt zunehmend angelastet.

Kind spricht von einem Irrtum und kritisiert Boldts Transferpolitik
Schon vor der Entlassung hatte sich angedeutet, dass das Verhältnis zwischen Boldt und Klub-Patron Martin Kind schwer beschädigt war. Nun hat der 82-Jährige im Gespräch mit der SPORT BILD nachgelegt und dabei deutliche Kritik an seinem ehemaligen Geschäftsführer geübt.
"Es war zum Schluss ein Irrtum", erklärte Kind rückblickend über die Zusammenarbeit. Offenbar habe es bereits früh unterschiedliche Vorstellungen über Boldts Aufgabenbereich gegeben. Während der ehemalige HSV-Boss eine umfassendere Führungsrolle angestrebt und sich perspektivisch als CEO gesehen habe, sei er nach Kinds Darstellung zunächst ausdrücklich als Geschäftsführer Sport verpflichtet worden. Daraus hätten sich die ersten Missverständnisse ergeben.

Besonders kritisch bewertet Kind allerdings die sportliche Bilanz des 44-Jährigen. Die Kaderplanung sei nicht reibungslos verlaufen. Nach Einschätzung des 96-Patrons sei die Mannschaft durch die Transferentscheidungen sogar schwächer geworden. Diese Bewertung hätten ihm auch externe Fachleute bestätigt.
Laut SPORT BILD soll es bei der Zusammenstellung des Kaders zudem erhebliche Differenzen zwischen Boldt und Ex-Trainer Christian Titz gegeben haben. Dessen Transferwünsche seien teilweise wirtschaftlich nicht realisierbar gewesen. Gleichzeitig sei es Boldt nicht gelungen, die offensiven und zentralen Positionen ausreichend zu verstärken. Die Verantwortung für die sportliche Talfahrt sieht Kind damit zu einem wesentlichen Teil beim inzwischen freigestellten Geschäftsführer.
Boldts Reise bringt Kind auf die Palme
Für zusätzlichen Ärger hatte zudem eine mehrtägige Reise Boldts unmittelbar vor dem wichtigen Niedersachsen-Derby gegen Eintracht Braunschweig gesorgt. Der ehemalige Sportchef hatte sich offiziell Urlaub genommen, um an einer Hyrox-Veranstaltung auf einem Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer teilzunehmen. Nach Informationen der SPORT BILD nutzte Boldt den Aufenthalt allerdings nicht ausschließlich privat, sondern auch zum Austausch mit Kontakten aus der Fußballbranche.
Für Kind offenbar keine ausreichende Rechtfertigung. Gerade in einer sportlich derart angespannten Situation müsse ein Geschäftsführer aus seiner Sicht mit besonderem Einsatz vorangehen und eine Vorbildfunktion erfüllen. Die Reise passte für ihn nicht zu diesem Anspruch.
Auch persönlich scheint das Verhältnis zwischen beiden endgültig zerrüttet. Seit der Trennung habe es keinen Austausch mehr gegeben. Mit einer baldigen Aussprache rechnet Kind ebenfalls nicht. Für ihn seien Ehrlichkeit und gegenseitiges Vertrauen die entscheidenden Voraussetzungen einer funktionierenden Zusammenarbeit. Was genau er Boldt in dieser Hinsicht vorwirft, ließ Kind allerdings offen.
Wagner bekommt Rückendeckung - und wohl auch neue Spieler
Während Boldt bei Kind offensichtlich sämtlichen Kredit verspielt hat, darf sich Sandro Wagner weiter auf die Unterstützung des Klub-Patrons verlassen. Kind sieht die Mannschaft trotz der schwierigen Ergebnisse unter Wagner auf einem positiven Entwicklungsweg und spricht dem 96-Trainer ausdrücklich das Vertrauen aus.

Das übergeordnete Ziel hat sich inzwischen allerdings drastisch verändert. Statt der erhofften Bundesliga-Rückkehr geht es für Hannover nur noch darum, den Klassenerhalt zu sichern. Dafür will Kind notfalls tief in die Tasche greifen. Ein Abstieg in die 3. Liga hätte aus seiner Sicht derart gravierende wirtschaftliche Folgen, dass zusätzliche Investitionen in den Kader das kleinere Übel wären.
Dabei belasten bereits die Trennungen von Titz und Boldt die Finanzen. Beide besitzen weiterhin gültige Verträge und erhalten vorerst ihre Bezüge. Während Titz bis zum 30. Juni 2027 unter Vertrag steht, läuft Boldts Arbeitspapier sogar noch bis zum 31. Mai 2029.
Neben Verstärkungen im Winter soll deshalb auch die sportliche Führung neu aufgestellt werden. Kind wünscht sich dabei einen Sportdirektor vom Format des ehemaligen 96-Managers Marcus Mann, der den Verein im vergangenen Winter in Richtung RB Salzburg verlassen hatte. Für Hannover beginnt damit einmal mehr die Suche nach einem sportlichen Neuanfang. Und für Boldt dürfte die öffentliche Abrechnung seines ehemaligen Vorgesetzten die ohnehin turbulente Trennung noch unangenehmer machen.
