Am kommenden Donnerstag steht die zweite Kader-Nominierung von Jürgen Klopp an. Auf den Bundestrainer der deutschen Fußballnationalmannschaft warten damit einige Fettnäpfchen und Gefahren, die der 59-Jährige keineswegs unterschätzen sollte.
Rund um die mit Spannung erwartete erste "richtige” Nominierung des DFB-Kaders gibt es so manche Gefahrenstellen, die Klopp kaum vermeiden, durch die er sich aber geschickt winden und seinen Status beweisen kann.
Andere Problembereiche könnte der Bundestrainer allerdings ganz allein aufmachen und sich damit großen Schaden zufügen. Es gleicht einer Mischung aus brisantem Drahtseilakt und gefährlichem Lauf durch das Labyrinth von Takeshis Castle.
Für Klopp geht es in der anstehenden Länderspielpause, die für ihn bereits mit der Kader-Nominierung am Donnerstag beginnt, schließlich um nicht weniger als seinen erhabenen Status als Hoffnungstrainer des deutschen Fußballs. In diesem Zusammenhang gibt es allerdings einige Gefahren, die Klopp schnell vom gefeierten Helden zum Normalsterblichen werden lassen könnten. Zumindest für eine gewisse Zeit.
Die größten Klopp-Gefahren
Glaubwürdigkeit
Jürgen Klopp machte bei seinem Amtsantritt deutlich, dass die Karten rund um die DFB-Elf neu gemischt werden und sich jeder über Leistung anbieten kann. Der Umbruch der deutschen Nationalmannschaft und der damit verbundene Neuanfang unter dem Hoffnungstrainer sollen allerdings nicht einfach nur eine Verjüngungskur werden, sondern vorwiegend auf Leistungen, Einsatzbereitschaft und Willen abzielen.

Wenn man das Formbarometer potenzieller Nationalspieler als entscheidenden Maßstab nimmt, dann kommt der Bundestrainer am Donnerstag an einem Namen ganz sicher nicht vorbei: Niclas Füllkrug.
Im Vorfeld der Nominierung wurde bereits gemunkelt, dass Klopp den 33-jährigen Stürmer von Werder Bremen möglicherweise nicht berücksichtigen könnte und den Torjäger, der mit neun Treffern nach acht Spielen die Torschützenliste der Bundesliga anführt, zu Hause lässt.

Entscheidet sich Klopp gegen eine Nominierung von Niclas Füllkrug, dürfte die Kacke – um es auf gut Deutsch zu sagen – so richtig am Dampfen sein. Denn damit würde Klopp an seinem eigenen Maßstab vorbeidefinieren und den Profi, der laut kicker-Noten derzeit auf dem siebten Platz der besten Kicker der Liga steht, nicht berücksichtigen. Oder anders formuliert: Den mit Abstand besten deutschen Mittelstürmer, wenn man echte Neuner betrachtet.
Wenn ein potenzieller Kandidat in den letzten Wochen Argumente für eine verdiente Nominierung gesammelt hat, dann ist es Niclas Füllkrug. Es gibt demzufolge kein offensichtliches Argument, das eine Nicht-Berücksichtigung des Bremers erklären könnte.
Für Klopp birgt diese Personalie also echtes Gefahrenpotenzial - vor allem in Sachen Glaubwürdigkeit. Hält der Bundestrainer sein Wort zum Leistungsprinzip, oder werden wie bei seinem Vorgänger Aspekte wie Alter, Teamharmonie und Kaderstruktur vorgeschoben, um strittige (Nicht-)Nomierungen zu argumentieren?
Erwartung
Anders als bei der ersten Nominierungsphase wird die nun bevorstehende zweite Phase nicht mehr zum großen Experiment gemacht. Anstelle eines XXL-Kaders mit zwei verschiedenen Mannschaften muss sich Klopp nun auf seine deutsche Auswahl festlegen und Fakten schaffen.
Die erste Kennenlernphase in Form eines fußballerischen Speed-Datings ist vorbei und Klopp wird nun an handfesten Entscheidungen gemessen. Damit endet auch der Welpenschutz des Bundestrainers und der Vertrauensvorschuss muss ab sofort zurückgezahlt werden.

Jetzt muss Klopp entscheiden, wer einen Platz im Kader verdient hat und aus diesen auserwählten Kandidaten muss er dann (s)eine Mannschaft formen, die den massiven Erwartungen standhält.
Während bei der letzten Länderspielphase noch ein Auge zugedrückt wurde und die ein oder anderen Schnitzer der Experimentierphase zugeschoben wurden, muss sich Klopp für den Kader am Donnerstag bei den anstehenden Länderspielen gegen Serbien und die Niederlande vollends rechtfertigen.
Ab jetzt muss der Großteil der Entscheidungen des Bundestrainers sitzen und dementsprechend auch vertreten werden. Das ist die Erwartungshaltung an Jürgen Klopp - nicht mehr und nicht weniger. Die Messlatte liegt hoch.
Blickwinkel
Für die echte und authentische Beurteilung vor, während und nach der Nominierung sowie während und nach der kommenden Länderspiele wird Klopp ebenfalls einem neuen Maßstab unterzogen werden.
Der 59-Jährige trägt spätestens ab sofort auch öffentlich die Verantwortung für alle Entscheidungen rund um die deutsche Nationalmannschaft. Er wollte diese Aufgabe bewusst nur mit viel Macht annehmen, doch mit viel Macht geht auch viel Verantwortung einher, und genau hier muss Klopp nun auch bei Fehltritten den Kopf hinhalten. Ausnahmslos und ohne Ausreden.

Vor seinem Amtsantritt konnte Klopp als reiner TV-Experte noch aus der Distanz mit dem Finger auf andere zeigen und hatte gut Lachen. Nun ist er es, auf den sich alle Blicke und im schlimmsten Fall Finger richten. Von dieser Rolle kann sich der Bundestrainer nicht mehr befreien.
Dass Klopp der Umstieg vom Experten zum Bundestrainer noch nicht hundertprozentig gelungen ist, zeigte sich zuletzt an seiner Taktikkritik am FC Bayern bei deren Spiel gegen den FC Arsenal in der Champions League.

Klopp lehnte sich damals bei der Live-Übertragung von DAZN in der Halbzeitpause weit aus dem Fenster und kassierte im Anschluss eine breite Medienschelte von zahlreichen Experten, die dem Bundestrainer deutlich machten, dass es ihm nicht zustehe, in dieser Art und Weise über die Taktik eines Trainerkollegen zu sprechen.
Nicht, weil Klopp es fachlich nicht drauf hätte, sondern weil er in seiner neuen Rolle diplomatischere Töne anschlagen sollte und eine gewisse Distanz zu solchen Themen wahren muss. Er ist eben kein Experte mit kritischem Blick mehr, wie noch bei der Weltmeisterschaft, sondern der deutsche Bundestrainer.
Diesen neuen Blickwinkel dürfte der Bundestrainer spätestens seit dem kleinen Bayern-Fauxpas gelernt haben. So klein diese Geschichte auch war, so groß wurde sie am Ende und zeigte, wie zerbrechlich der Posten des Bundestrainers ist, wenn der deutsche Fußball aus dem falschen Blickwinkel beleuchtet wird.
Status
Nachdem Jürgen Klopp lange vor seinem Amtsantritt und unmittelbar danach zum großen Hoffnungsträger des deutschen Fußballs ausgemacht und gehypt wurde, ist mittlerweile auch die Realität etwas eingekehrt und der deutsche Fußball wieder auf dem Boden der Tatsachen angelangt. Schnell wurde klar, dass es weit mehr als nur das reine Handauflegen des ausgemachten Messias benötigt.

Worauf Klopp jetzt aufpassen muss, ist, dass sein Status als ausgemachter Über-Trainer, der weit über den letzten Bundestrainer hinausgeht, nicht schon in diesem Jahr zerbricht und er von einem Helden zu einem ganz normalen Trainer gemacht wird.
Wenn Klopp in der anstehenden Länderspielpause im November nämlich keine stimmigen Lösungen für die hier angesprochenen Probleme findet und die deutsche Nationalmannschaft auch in den Duellen gegen Serbien und die Niederlande weit hinter den Erwartungen zurückbleibt, wird die Zeit bis zur nächsten Länderspielpause durchaus zu einem heißen Pflaster für weitere Fragestellungen.

Dann könnten nämlich schnell Fragen aufkommen, was unter Nagelsmann und Flick beispielsweise besser funktioniert hat als unter Klopp.
Ein solcher Vergleich mit den vermeintlichen Gesichtern des Scheiterns vergangener Jahre und Turniere, im Speziellen zu Nagelsmann, wäre pures Gift für den derzeit noch deutlich erhobenen Status von Klopp. Damit könnte sich das Blatt schnell wenden und plötzlich Nagelsmann gewissermaßen zum Schattentrainer seines Nachfolgers werden lassen.
