Die deutsche Nationalmannschaft hat die ersten beiden Länderspiele unter Hoffnungsträger und Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp hinter sich gebracht und ist vieles von dem, was man sich im Vorfeld erhofft hatte, schuldig geblieben.
Klopp hat sein Amt angetreten, um den deutschen Fußball wieder auf Vordermann zu bringen, doch was sowohl das Unentschieden gegen die Niederlande als auch die Niederlage gegen Griechenland deutlich in den Vordergrund schoben, ist die bittere Erkenntnis, dass es mehr benötigt, als einen neuen starken Mann auf der Trainerbank und neuen Gesichtern im deutschen Team.
DFB-Umbruch steckt in den Kinderschuhen
Bevor hier aber die große Welle losgetreten wird, sei gesagt, dass die ersten beiden Länderspiele unter Klopp mit durchaus nachvollziehbaren Ergebnissen zu Ende gingen und die aktuelle Ist-Situation als solche auch vollkommen nachvollziehbar ist.
Denn was Klopp beim DFB vorantreiben muss, ist ein umfassender Neuanfang, bei dem sich das deutsche Team über mehrere Wochen und Monate erst zu einer schlagkräftigen Einheit finden und formen muss.

Das zeigt auch der XXL-Kader des Bundestrainers, bei dem er sich ein möglichst umfassendes Bild aus alten Leistungs- und neuen Hoffnungsträgern machen muss. Auch die taktische Herangehensweise und Ausrichtung der deutschen Nationalmannschaft muss neu aufgezogen werden und sich eine neue Identität aneignen. All das braucht jede Menge Zeit, Geduld und harte Arbeit. Und dann kommen wir auch schon zum großen ABER.
Die bittere Erkenntnis aus den Klopp-Debüts
Was in den beiden Länderspielen gegen die Niederlande und dem Heim-Debüt gegen Griechenland bisher deutlich wurde, ist, dass es eben nicht ausreicht, nur einen großen Namen wie Klopp mit einem unheimlichen Erfahrungsschatz und Charisma an die Seitenlinie zu stellen, um wieder zu den Top-Nationen des Weltfußballs zu gehören.
Zwar begannen Klopps Schützlinge vor allem gegen die Niederlande mit teils überaus dynamischen Ansätzen, die an den Powerfußball des 59-Jährigen aus Liverpooler Tagen erinnerten, jedoch nur in Ansätzen. Was fehlte, waren Struktur und eingespielte Abläufe, die zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vorhanden sein können.
Das für mich offensichtlichste Problem zeigte sich aber bereits in Amsterdam und wurde am gestrigen Sonntag in Augsburg noch viel deutlicher.

Der deutsche Fußball hat ganz offensichtlich wirklich ein Grundsatzproblem in Sachen Mentalität. Denn was mir in beiden Länderspielen in vielen Phasen und großen Teilen des Teams abging, war der absolute Wille, sich gegen das, was da kommt, zu stemmen und Fußball mit Herz und Brechstange auf seine Seite zu ziehen.
Ein Punkt, der auch schon unter Julian Nagelsmann deutlich fehlte und der auch nicht einfach so von Hoffnungsträger Klopp aus dem Hut gezaubert werden kann.
Der deutsche Fußball scheint ein Mentalitätsproblem zu haben, bei dem man als Fan oft das Gefühl hat, dass die hoch veranlagten Kicker einfach nicht wissen, was zu tun ist, wenn es nicht rund oder nach Plan läuft.
Was gegen die Niederlande in Ansätzen als flammender Funke von Leidenschaft, Herz und Freude fürs Nationalteam erkennbar schien, verglomm gegen die tief stehenden und unangenehm agierenden Griechen wieder im Keim.

Genau daraus sollte der DFB auch endlich seine Schlüsse für die Zukunft ziehen und den Mentalitätsfaktor wieder deutlich stärker in den Vordergrund rücken.
Die einst so gepriesenen deutschen Tugenden sind eben nichts, was der größte Motivator per Fingerschnippen hervorbringen kann, sondern Charakterzüge, die sich durch jahrelanges Überwinden von Hindernissen und Hürden in einem Spieler intrinsisch bilden und formen müssen.
Es sind Attribute, die man an Gegnern aus Südamerika hasst, die man im eigenen Nationalteam aber kläglich vermisst.
Und vielleicht gehört dazu dann einfach auch mal, dass man sich deutlich offener auf vermeintliche Problemcharaktere einlässt und in der Trainerausbildung weniger Wert auf den Umgang mit Laptops und Analysen legt, sondern viel mehr auf Menschen, die in den Spielern den Menschen treffen und den Willen wecken, mehr zu tun als andere - vor allem in talentfreien Bereichen.

Ein erfolgreicher Hoffnungstrainer reicht nicht
Der frühere American-Football-Trainer und NFL-Legende Vince Lombardi sagte einst: "Gewinnen ist nicht alles, aber gewinnen wollen schon."
Die Umsetzung dieses Kernproblems im deutschen Fußball muss nun endlich in Angriff genommen werden und Jürgen Klopp kann dabei nur der Stein des Anstoßes sein, der diese Entwicklung bis weit in die Zukunft hinein in Gang setzt.

Noch ist das "neue" DFB-Team ein zartes Pflänzchen, doch Jürgen Klopp wird sicherlich seinen großen Teil dazu beitragen, dass man in Zukunft wieder deutlich mehr Freude an der deutschen Auswahl hat. Sicherlich werden damit auch die gewisse Erfolge oder zumindest erfolgreiche Phasen einhergehen, doch große Titel kann man eben nicht nur mit Talent und einem neuen Hoffnungstrainer allein gewinnen. Das wurde auch in den ersten beiden Auftritten unter Klopp deutlich. Auf lange Sicht braucht der deutsche Fußball mehr als eine erfolgreiche Klopp-Amtszeit.
Die deutschen Tugenden sind etwas, das man sich im deutschen Fußball offenbar über Jahre selbst abtrainiert hat – und genau diesem Problem sollte man nun endlich entgegenwirken. Der DFB braucht in seiner Gesamtheit wieder ein starkes Fundament aus Charakter und Resilienz, auf dem die technischen und taktischen Feinheiten aufbauen können.
Klopp ist nur der Anfang, doch er alleine wird aus dem Stegreif nicht lösen, was in Deutschlands Fußball-DNA fehlt. Eine Schwalbe macht eben noch keinen Sommer.
