Es ist eine Momentaufnahme, die viele Fußballromantiker in Deutschland aktuell in vollen Zügen genießen dürften. Zum ersten Mal seit den dramatischen Tagen im Mai 2023 beendet Borussia Dortmund einen Spieltag als Spitzenreiter.
Wir erinnern uns: Exakt 1.212 Tage ist es her, dass der BVB am letzten Spieltag der Saison 22/23 im heimischen Stadion gegen 1. FSV Mainz 05 auf dramatische Weise die sicher geglaubte Meisterschaft verspielte. Ein fassungsloses 2:2-Unentschieden reichte damals, um die Schale doch noch in letzter Sekunde dem FC Bayern München zu überlassen. Ein Trauma, das den Verein jahrelang verfolgte.
Nun weht endlich wieder ein Hauch von echtem Titelkampf durch die Bundesliga. Vier Spiele, zwölf Punkte, dazu ein starker Start im Pokal und der Champions League. Die Mannschaft von Trainer Niko Kovač beweist aktuell eine Konstanz und defensive Stabilität, die man am Borsigplatz lange vermisst hat.
Ricken mit klarer Kampfansage
Wer sich den jüngsten 1:0-Auswärtssieg beim VfB Stuttgart ansah, sah einen BVB, der brutal effektiv agierte. Eine Elf, die unermüdlich arbeitet, enorm viele intensive Läufe abspult und hinten extrem kompakt steht. Nicht umsonst spielte Torwart Gregor Kobel bereits dreimal zu Null.
Genau diese neuen schwarz-gelben Tugenden sind der Grund dafür, warum man in Dortmund plötzlich wieder träumt vom ersten Meistertitel seit 15 Jahren. BVB-Boss Lars Ricken formulierte bereits eine deutliche Kampfansage in Richtung Säbener Straße: "Für die Bayern wollen wir natürlich auch herausfordernd sein. Es geht auch schon mal darum, die Bayern ein bisschen zu ärgern, dass sie eben noch nicht da stehen, wo sie sich selber sehen."
Die offensiven Zweifel am BVB bleiben

Doch Vorsicht vor zu viel Euphorie. Betrachtet man die Spiele der Dortmunder genauer, lässt sich eine gewisse Skepsis nicht verbergen. Der BVB gewinnt zwar die engen Spiele, die in der Vergangenheit noch allzu oft unentschieden endeten oder gar verloren wurden.
Allerdings mangelt es im Spiel nach vorne noch immer an der absoluten offensiven Genialität und der nötigen taktischen Finesse. Es wirkt oftmals eher wie ein unermüdlicher defensiver Kraftakt als ein spielerischer Rausch, der den BVB aktuell von Sieg zu Sieg trägt.
Matthäus warnt vor dem Bayern-Trauma
Genau auf dieses spielerische Element weist auch TV-Experte Lothar Matthäus hin, wenn er die Dortmunder Meister-Chancen bewertet: "Du musst auch mal gegen Bayern gewinnen. In den letzten Jahren haben sie immer eine Halbzeit ordentlich gespielt, aber nie oder sehr selten einen Punkt geholt."
Zwar lobt auch Matthäus den breiten Kader und Kovačs starkes In-Game-Coaching, betont aber mit Blick auf die Realität in der Liga: "Wenn du den Kader anschaust, ist natürlich für Dortmund die Messlatte irgendwie zu hoch."
Die Münchner Urgewalt ist nicht aufzuhalten

Und genau dieser Kader ist der entscheidende Faktor, warum sich die Bayern am langen Ende durchsetzen werden. Während Dortmund für seine knappen Siege extremen Aufwand betreiben muss, spult der FC Bayern seine Heimspiele – wie das jüngste 7:0 gegen Union Berlin – in einem echten Offensiv-Rausch ab.
Die individuelle Qualität der Münchner ist in dieser Saison schlichtweg erdrückend. Harry Kane und Michael Olise performen derzeit beide auf absolutem Ballon-d'Or-Niveau. Olise verzaubert die Liga und steht im Kalenderjahr 2026 wettbewerbsübergreifend bei unglaublichen 32 Scorerpunkten.
Kane wiederum glänzt tief aus dem Mittelfeld heraus nicht nur als Vollstrecker, sondern auch als genialer Vorlagengeber.
Der Showdown am 31. Oktober als Knackpunkt
Wenn bei den Bayern nun auch noch ein Jamal Musiala zu alter Stärke zurückfindet, rollt eine offensive Urgewalt auf die Gegner zu, die der BVB im Kollektiv auf Dauer nur extrem schwer abfangen kann.
Der BVB hat durch seine neue defensive Stabilität unter Kovač definitiv die Werkzeuge, um diese Saison deutlich spannender zu gestalten. Doch der wahre Gradmesser wartet am 31. Oktober: Dann bittet der FC Bayern in der Allianz Arena zum direkten Showdown.
Genau diese direkten Duelle waren in der jüngeren Vergangenheit der absolute Knackpunkt, bei dem der BVB oft böse unter die Räder kam. Ob wir dieses Jahr wirklich einen echten Meisterschaftskampf erleben, wird sich exakt dort entscheiden. Nimmt Dortmund auswärts Punkte mit, lebt der Traum. Gehen sie wie so oft in München leer aus, wird die individuelle Klasse der Bayern am Ende souverän die Schale holen.
Weitere Bundesliga-News lesen:
