Es ist geschafft: Das Debüt von Jürgen Klopp als Bundestrainer der deutschen Nationalmannschaft ist in einem durchaus rassigen Spiel gegen den Erzrivalen aus den Niederlanden mit einem am Ende nicht ungerechten 1:1-Unentschieden in der Amsterdam Arena zu Ende gegangen. Die Klopp-Elf musste leider spät den Ausgleichstreffer hinnehmen, hinterließ in puncto Neuanfang aber schon erste interessante Eindrücke.
Wir haben die drei wichtigsten Erkenntnisse aus dem ersten Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft unter Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp gegen die Niederlande für euch zusammengefasst.
Erkenntnis Nummer 1: Das F in DFB steht wieder für Feuer
Ab Anpfiff war sofort zu erkennen, dass die DFB-Auswahl etwas beweisen wollte und dementsprechend einsatz- und lauffreudig zu Werke ging.
Ein wesentlicher Aspekt waren schnell erkennbare Stil-Ansätze Klopps, bei dem die deutschen Nationalspieler die Niederländer sofort über den Platz scheuchten und versuchten, aggressiv ins Gegenpressing zu gelangen. Dadurch kam die Oranje nur selten zu klaren Aufbauphasen und kontrolliertem Ballbesitz.

Die DFB-Elf setzte schmerzhafte Nadelstiche und kam vor allem in der Anfangsphase nach schnellen Ballgewinnen immer wieder bis in die Nähe des niederländischen Strafraums. Selbst Karim Adeyemi zeigte sich gegen den Ball lauffreudig und wollte nach Ballverlusten schnell wieder in Ballbesitz kommen.
Zudem war eine freudige Randnotiz, dass die deutsche Nationalmannschaft in Amsterdam zeigte, dass ein Duell gegen die Niederlande kein Kuschelkick ist, sondern ein feuriges Duell zweier alter Rivalen unter dem grellen Rampenlicht der Fußballwelt. Die DFB-Elf nahm diese Herausforderung an.

Klopps Schützlinge bäumten sich den Hausherren mit breiter Brust auf, warfen sich in die Zweikämpfe und scheuten auch keine Konflikte. Zudem zeigte die Mannschaft ihren fußballerischen Killerinstinkt, als sie nach dem Führungstreffer durch Felix Nmecha unbedacht weiterspielte und die Szene trotz Reklamieren der Niederländer, die auf den verletzten Brian Brobbey hinwiesen, zu Ende brachte.
Erkenntnis Nummer 2: Der Klopp-Stil braucht noch Zeit
Allerdings fiel eben auch auf, dass dieser Spielstil noch mehr von reiner Einsatzbereitschaft und dem Willen, etwas beweisen zu wollen, getrieben war als von klaren Automatismen oder eingespieltem Verhalten und der klaren Spielidee.
Die Umsetzung der Idee des Trainers benötigt logischerweise noch Zeit, doch zu sehen waren die große Intensität und Leidenschaft, die am gestrigen Abend einen Neustart erfahren haben. Vermutlich die erfreulichste Erkenntnis beim Duell gegen die Niederlande.

Die deutsche Nationalmannschaft zeigte in vielen Phasen des Spiels ein anderes Gesicht als zuletzt und machte vieles besser, was unter Julian Nagelsmann noch kritisiert wurde. Sie zeigte die Grundtugenden des Fußballspiels und nahm talentfreie Bereiche wie Kampf, Einsatz, Herz und Leidenschaft ernst.
Das wurde auch bei manchen Fehlern im deutschen Spiel deutlich, die nicht, wie in der Vergangenheit, auf Schlafmützigkeit oder Unsauberkeiten zurückzuführen waren, sondern aus dem Mut, etwas riskieren zu wollen.
Umso trauriger ist es, dass der späte Gegentreffer der Niederländer durch Cody Gakpo (90.+2) aus einem Fehler entstand, der von wenig Mut geprägt war. Serge Gnabry verlor den Ball, weil er sich für den Weg nach hinten statt für den ersten Kontakt nach vorne und hinter die niederländische Verteidigungslinie entschied. Das bekam die deutsche Elf dann einfach nicht mehr verteidigt.
Auffällig war jedoch auch, dass noch die klare Struktur mit dem Ball sowie die Automatismen nach Ballgewinn nach vorne fehlten.
Die deutsche Nationalmannschaft benötigt noch Zeit, um auch aus diesen Phasen mehr heraus zu holen und insgesamt klarer und zielstrebiger vor den gegnerischen Kasten zu kommen. Das braucht Zeit und kann nach wenigen Tagen Training unter Klopp noch nicht erwartet werden.

Außerdem war das DFB-Zentrum fast kein Faktor, wodurch das Fehlen von Spielern wie Florian Wirtz oder dem kurz vor Anpfiff verletzten Jamal Musiala besonders deutlich wurde.
Die DFB-Elf kam vornehmlich über die Flügel und agierte damit noch recht eindimensional und variantenarm. Im Vergleich dazu: Die Niederlande kam zu 20 Prozent mehr Angriffen über die Spielfeldmitte (insgesamt 37%, Anm. d. Red.) als die Klopp-Mannen. Deutschland hatte Schlagseite nach rechts, was vor allem an den hoch motivierten Karim Adeyemi und DFB-Debütant Philipp Treu lag, der ein vielversprechendes Spiel ablieferte.
Auch Stürmer Younes Ebnoutalib kam nach seiner Einwechslung für den verletzten Kai Havertz kaum zur Geltung. Er arbeitete sich mit großem Fleiß gegen die bullige niederländische Innenverteidigung um Virgil van Dijk und Jan Paul van Hecke auf. Hier hätte man sich den ein oder anderen Ball hinter die Kette gewünscht, anstelle von Kombinationsspiel, durch die der Frankfurter mit dem Gesicht in Richtung Tor gelaufen wäre.
In den ersten Trainingstagen lag der Fokus letztlich auf der Intensität gegen den Ball, der geschlossenen Einsatzbereitschaft und der Lust, für Deutschland zu spielen. All das war erkennbar. Der Rest wird folgen.
Erkenntnis Nummer 3: Deutschland öffnet der DFB-Auswahl wieder die Arme
Aus persönlicher Sicht war es aber überaus erfreulich, dass sich das Feeling rund um die Nationalmannschaft schon deutlich gewendet hat – vor, während und nach dem Spiel.
Aus meiner Sicht war es seit Langem das erste Länderspiel, bei dem man nicht schon mit Mistgabeln, Fackeln und dem Messer zwischen den Zähnen darauf wartete, enttäuscht zu werden, um anschließend über die vermeintlichen Versager oder Schuldigen des Niedergangs herfallen zu können. Das Misstrauen, das durchaus noch in zarten Zügen im Hinterkopf vorhanden ist, weicht allmählich und öffnet die Arme für die deutschen Kicker aufs Neue.

Klopps Engagement als Bundestrainer hat die Lage um die DFB-Auswahl spürbar entspannt und der 59-Jährige hat neuen Raum für Entwicklung und Fehler geschaffen, was auch den Spielern guttut und ihnen hilft, die kommenden Aufgaben anzugehen. Deutschlands Fußballfans sind wieder bereit, Fehler zu verzeihen. Der Grund dafür ist einfach: Die DFB-Elf fällt mit Mut nach vorne, wenn sie fällt, und verstrickt sich nicht in immer wiederkehrende Muster oder Ausreden. Zumindest war das der erste Eindruck gegen die Niederlande.
Das hat zum einen mit dem Umbruch an sich zu tun, aber eben auch mit der Art und Weise, wie Jürgen Klopp Dinge kommuniziert. Der Bundestrainer redet nicht schön, was nicht schön zu reden ist, verteidigt aber auch, was zu verteidigen ist.

Es ist eine angenehme Mischung aus Transparenz, Verantwortungsgefühl, Offenheit und dem Gefühl, mit im Boot zu sitzen, die auch die Fans wieder mitnimmt und so zu einem lang ersehnten Schulterschluss zwischen Mannschaft und Anhang führen könnte. Das hat das Spiel gegen die Niederlande durchaus schon gezeigt.
Allerdings ist das auch nur ein Vertrauensvorschuss der Fans an die Mannschaft, der zurück gezahlt werden muss.
Fazit: Der Neustart ist spürbar, aber...
Im ersten Spiel unter Jürgen Klopp konnte man ehrlicherweise noch keine Wunderdinge erwarten, so groß die neue Hoffnung auch war – dafür war die gemeinsame Trainingszeit einfach noch zu kurz.
Die DFB-Auswahl ist noch nicht das erhoffte Klopp-Monster, das den Gegnern sein Spiel aufzwingt und mit großem Selbstvertrauen und Selbstverständnis agiert. Die breite Brust muss erst wachsen und die Abläufe müssen sich erst aufeinander abstimmen. Das wird noch Zeit und Geduld brauchen.
Allerdings zeigte die DFB-Elf gegen die Niederlande große Fortschritte in den Bereichen, die in den letzten Monaten oft abgesprochen und vermisst wurden.
Die Lust auf die Nationalmannschaft, das Herz, der Wille und die Leidenschaft waren zu spüren. Auch wenn sich das alles noch in der Anfangsphase befindet, war es spürbar und erkennbar – wie ein junges Pflänzchen, das nun jede Menge Zuwendung und Liebe benötigt.

Nein, Deutschland ist nach dem Spiel gegen die Niederlande noch nicht wieder unter den Top-Nationen des Weltfußballs angekommen, doch der Anfang war vielversprechend.
Diese Entwicklungsansätze müssen sich nun aber auch gegen andere, vermeintlich kleinere Fußballnationen zeigen und beweisen. In einem Neuanfangsspiel gegen den großen Erzrivalen Niederlande ist es einfach, sich zu motivieren bzw. motiviert und mit Ehrgeiz ans Werk zu gehen. Wer das an diesem Punkt nicht hinbekommt, ist ohnehin fehl am Platz.
Die deutsche Auswahl muss sich nun auch gegen Gegner beweisen, gegen die keine Standheizung mitgeliefert wird und gegen die man sich selbst auf Temperatur bringen muss. Diese Gelegenheit bietet sich im Verlauf einer Woche nun zweimal gegen Griechenland sowie gegen die Auswahl Serbiens.
