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Warum die Gladbacher Rettung wahrscheinlicher ist als gedacht

Wer den Traditionsklub jetzt schon für die zweite Liga einplant, übersieht gewichtige Faktoren, die im Abstiegskampf schon bald für die große Wende sorgen dürften.
VonMoritz Jonas
Ernüchterung nach dem verlorenen Rheinderby: Die Gladbacher Profis nach der Pleite in Köln vor dem Fanblock
Ernüchterung nach dem verlorenen Rheinderby: Die Gladbacher Profis nach der Pleite in Köln vor dem Fanblock | Rene Nijhuis/MB Media/GettyImages

Null Punkte aus fünf Spielen, ein ernüchterndes Torverhältnis von 7:18 und die Rote Laterne fest im Griff: Rund um den Borussia-Park herrscht im Oktober 2026 sportlicher Ausnahmezustand.

Nach den Auftaktpleiten in Leipzig (0:3), gegen Elversberg (3:4), in Freiburg (0:5), gegen Mainz (3:4) und dem schmerzhaften 1:2 im 101. Rheinderby beim 1. FC Köln hat Borussia Mönchengladbach den statistisch schlechtesten Saisonstart der eigenen Vereinsgeschichte hingelegt.

Während das Umfeld nach den jüngsten Fan-Ausschreitungen in Köln brodelt, die Auswechslung von Ex-Coach Eugen Polanski bereits verpufft scheint und Experten wie Lothar Matthäus schon einen Überlebenskampf bis zum letzten Spieltag prophezeien, lohnt sich ein nüchterner Blick hinter die Kulissen. Denn wer den fünfmaligen deutschen Meister jetzt schon für den Gang in die 2. Bundesliga abschreibt, übersieht entscheidende Details, die für eine baldige Trendwende sprechen.

Das Gesetz der Bundesliga-Historie und das Wunder von 2015

Fünf Niederlagen zum Auftakt fühlen sich im Fan-Alltag wie ein sicheres sportliches Todesurteil an – die historische Datenlage der Bundesliga zeichnet jedoch ein völlig anderes Bild. Gladbach ist in der laufenden Spielzeit 2026/27 erst das 15. Team der Ligageschichte, das mit einer solchen Nullnummer startet. Das Mutmachende: Von den bisherigen 14 Klubs mit dieser Hypothek stiegen am Ende lediglich fünf Mannschaften tatsächlich ab. Das entspricht einer satten Rettungsquote von über 64 Prozent.

Rechnet man die historisch abweichenden Spielzeiten mit anderer Teamanzahl heraus, holten die betroffenen Fehlstarter an den verbleibenden 29 Spieltagen im Schnitt noch beachtliche 36,7 Punkte – eine Ausbeute, die in der modernen Bundesliga seit fast einem Jahrzehnt ausnahmslos für das rettende Ufer reicht. Selbst Vereine wie der 1. FSV Mainz 05 (2020/21) oder der VfL Bochum (2022/23), die gar mit sechs Pleiten in Serie starteten, liefen am Saisonende auf den sicheren Plätzen zwölf und 14 ein.

Führte die Fohlen nach einem Katastrophenstart sensationell in die Champions League: Ex-Trainer André Schubert
Führte die Fohlen nach einem Katastrophenstart sensationell in die Champions League: Ex-Trainer André Schubert | TF-Images/GettyImages

Dass eine solche Aufholjagd in der Gladbacher Vereins-DNA verankert ist, bewiesen die Borussen im Herbst 2015 zudem höchstpersönlich: Damals übernahm André Schubert nach fünf Auftaktpleiten und einer Derby-Niederlage in Köln für den zurückgetretenen Lucien Favre – und führte das Team über eine historische Serie von zehn ungeschlagenen Spielen noch sensationell auf Platz vier und in die Champions League.

Eine derartige Fabel-Runde erwartet am Niederrhein heute zwar niemand, doch die Historie beweist: Nach dem fünften Spieltag ist noch niemand abgestiegen.

Der "Blessin-Effekt" bringt die defensive Stabilität zurück

Auf der Ergebnistafel ging das Debüt des neuen Cheftrainers Alexander Blessin in der Domstadt zwar verloren, doch der inhaltliche Auftritt lieferte bereits den ersten Beweis für eine strukturelle Besserung. Nachdem die Fohlen in den ersten vier Saisonspielen vogelwild agierten und im Schnitt vier Gegentreffer pro Partie schluckten, stellte Blessin auf eine kompakte Dreierkette um und verordnete dem Team im Training maximale Disziplin im Zentrum.

Der Effekt war sofort messbar: Erstmals in dieser Saison kassierte die Borussia weniger als drei Gegentreffer und ließ gegen den Erzrivalen laut Expected-Goals-Statistik (xG) lediglich einen Wert von 1,31 zu.

Soll beim Traditionsklub die dringend benötigte Trendwende herbeiführen: Gladbachs neuer Cheftrainer Alexander Blessin
Soll beim Traditionsklub die dringend benötigte Trendwende herbeiführen: Gladbachs neuer Cheftrainer Alexander Blessin | Rene Nijhuis/MB Media/GettyImages

Auch abseits des Taktikbretts packt der 53-Jährige die Krise bei den Hörnern: Als die aufgebrachte Fankurve die Profis nach dem Derby-Abpfiff zunächst wegschicken wollte, beorderte Blessin sein Team geschlossen zurück vor den Gästeblock, um Kante zu zeigen und eine Entfremdung im Keim zu ersticken. Zusammen mit Sportchef Rouven Schröder, der vor allem die starke erste Halbzeit in Köln lobte, herrscht in der Führungsetage kein blinder Aktionismus, sondern ein klarer Plan.

Enorme Kraftreserven durch die Rückkehr der Unterschiedsspieler

Ein Blick auf das bisherige Personal offenbart zudem, warum die aktuelle Tabellenplatzierung das wahre Leistungsvermögen des Kaders massiv verzerrt. Kaum ein anderer Bundesligist wurde in den ersten Wochen derart heftig von Verletzungen und muskulären Rückschlägen wichtiger Korsettstangen ausgebremst wie die Borussia.

Ausgerechnet die etatmäßigen Stützen und Unterschiedsspieler konnten ihre PS bislang gar nicht oder nur stark eingeschränkt auf den Rasen bringen: Abwehrchef Ko Itakura fehlt der Defensive als ordnende Hand an allen Ecken und Enden, Nationalstürmer und Kapitän Tim Kleindienst kämpft immer wieder mit muskulären Problemen, und auch Offensivkräfte wie Franck Honorat, Nicolas Kühn, Shuto Machino oder Jens Castrop fielen zeitweise aus oder suchen nach Zwangspausen noch ihren Rhythmus.

Während junge Talente wie der 17-jährige Wael Mohya, Jan Leszczynski oder Neuzugang Zento Uno aktuell ins kalte Wasser geworfen werden, schlummern im Lazarett enorme Reserven. Sobald sich die Krankenakte im Herbst lichtet und die etatmäßigen Leistungsträger wieder im Vollbesitz ihrer Kräfte sind, verfügt Gladbach über eine individuelle Substanz, von der die direkte Konkurrenz im Tabellenkeller um Paderborn, Elversberg oder Union Berlin nur träumen kann.

Schon am kommenden Sonntag bietet sich im heimischen Borussia-Park gegen den ebenfalls kriselnden Tabellenvorletzten TSG 1899 Hoffenheim die perfekte Bühne, um den Bock umzustoßen und die Aufholjagd offiziell einzuläuten.


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