Der Wechsel zum FC Barcelona sollte für Karim Adeyemi der nächste große Karriereschritt werden. Ein Klub mit internationalen Ambitionen, Hansi Flick als Trainer und die Chance, sich neben einigen der besten Offensivspieler Europas zu behaupten: Die Voraussetzungen für einen dauerhaften Platz in der Nationalmannschaft schienen günstig.
Einige Wochen später ist die Situation komplizierter. Während andere Angreifer ihre Chance erhalten, fehlt Adeyemi in Jürgen Klopps Aufgebot für die Nations-League-Spiele gegen Serbien und die Niederlande.
Eine ausführliche persönliche Begründung für Adeyemis Nichtnominierung liegt nicht vor. Aus seiner sportlichen Situation und den Aussagen rund um die Kaderbekanntgabe lassen sich aber vier Gründe ableiten, die Klopps Entscheidung nachvollziehbar machen.
1. Vor dem Tor fehlen zuletzt die entscheidenden Aktionen
Adeyemis Tempo bleibt eine außergewöhnliche Qualität. Der 24-Jährige kann sich Chancen erarbeiten, die mit anderen Spielern gar nicht erst entstehen. Nur muss aus diesen Situationen auch häufiger etwas Zählbares werden.
Beim Länderspiel gegen die Niederlande ließ er eine große Möglichkeit liegen, an die Roman Weidenfeller nun in der Sky-Sendung 'Triple' erinnerte. Der frühere Nationaltorhüter lobte Adeyemis Beginn, verwies aber auf dessen vergebenen Abschluss als mögliche Chance zum Siegtreffer.

Auch im Verein fehlte zuletzt die Konsequenz. Adeyemi erzielte sein bislang letztes Ligator am 13. September gegen Levante. Beim jüngsten 6:1 gegen Alavés bot sich ihm erneut eine gute Gelegenheit: Dort schoss er nach Vorarbeit von Fermín López aus kurzer Distanz allerdings über das Tor.
Ein einzelner Fehlschuss erklärt keine Nichtnominierung. Die wiederholt fehlende Belohnung für seine Offensivaktionen schwächt jedoch seine Argumente – gerade dann, wenn Konkurrenten ihre Möglichkeiten nutzen.
2. In Barcelona fehlt ihm eine feste Rolle
Adeyemi kommt bei Barça regelmäßig zum Einsatz, ist aber bislang kein gesetzter Stammspieler. Nach elf Partien in La Liga bringt es der 24-Jährige auf 418 Einsatzminuten und vier Startelfeinsätze. Im Schnitt sind das rund 38 Minuten pro Begegnung. In der Champions League blieb er gegen Aston Villa zuletzt sogar gänzlich ohne Minuten.
Das ist ein wichtiger Unterschied: Adeyemi fehlt nicht jegliche Spielpraxis, ihm fehlt vor allem die Kontinuität einer tragenden Rolle. Kurzeinsätze können einem schnellen Angreifer zwar entgegenkommen. Sie bieten aber weniger Gelegenheit, über längere Phasen Einfluss auf ein Spiel zu nehmen und sich auch gegen den Ball zu bewähren.

Seine komplette Spielzeit gegen Alavés war deshalb ein positives Signal. Sie änderte allerdings noch nichts am bisherigen Gesamtbild: Unter Flick muss sich Adeyemi seinen Platz weiterhin erarbeiten.
Für die Nationalmannschaft entsteht daraus kein automatisches Ausschlusskriterium. Es macht eine Nominierung aber schwerer zu begründen, wenn andere Kandidaten gerade mit prägenden Auftritten auf sich aufmerksam machen.
3. Die Rückwärtsbewegung könnte Klopp gestört haben
Der taktisch interessanteste Erklärungsansatz kommt von Weidenfeller. Der langjährige Klopp-Spieler beobachtete bei Adeyemi im Länderspiel gegen Griechenland verspätete Reaktionen beim defensiven Umschalten.
"Karim hat zu spät reagiert, immer wieder den Rückwärtsgang einzuschalten", sagte Weidenfeller bei Sky. Er vermutete, dass solche Nachlässigkeiten den Bundestrainer gestört haben könnten – und die Nichtnominierung möglicherweise auch als kleiner Denkzettel zu verstehen sei.

Adeyemis Schnelligkeit wäre dafür eigentlich eine hervorragende Voraussetzung. Wird sie vor allem für Angriffe eingesetzt, während die Reaktion nach hinten zu spät kommt, bleibt ein Teil seines Potenzials aber ungenutzt.
4. Weniger Plätze und Konkurrenten mit frischen Argumenten
Klopp hat seinen Auswahlkreis deutlich verkleinert. Nach dem ersten Aufgebot mit 44 Spielern stehen diesmal nur 24 Profis im Kader. Damit reicht es nicht mehr, grundsätzlich interessant zu sein: Die Konkurrenz um die verfügbaren Rollen wird enger.
Wael Mohya lieferte beispielsweise zuletzt besonders sichtbare Argumente. Gegen Hoffenheim traf er, beim 3:2 in Stuttgart steuerte der Gladbacher ein Tor und eine Vorlage bei. Trainer Alexander Blessin hob außerdem ausdrücklich seine Defensivläufe hervor. Mohya verband damit offensive Wirkung mit jener Arbeit für die Mannschaft, die bei Adeyemi zuletzt diskutiert wurde.

Auch Brajan Gruda empfahl sich unmittelbar vor der Nominierung: Gegen Manchester City bereitete er Leipzigs zwischenzeitlichen Ausgleich vor. Anders als Mohya war er bereits für die vorherige Maßnahme vorgesehen gewesen, hatte jedoch verletzungsbedingt absagen müssen. Seine jetzige Berufung ist deshalb eine Rückkehr in Klopps Auswahlkreis.
Beide Personalien beweisen nicht, dass Adeyemi im direkten Vergleich grundsätzlich schlechter ist. Sie zeigen aber, dass Klopp Alternativen mit aktuellen sportlichen Argumenten hat.
Nachvollziehbare Pause, kein endgültiges Urteil
Adeyemis Nichtnominierung lässt sich somit erklären, ohne ihm die Qualität für die Nationalmannschaft abzusprechen. Fehlende Konstanz vor dem Tor, eine noch nicht gefestigte Rolle bei Barcelona, mögliche taktische Nachlässigkeiten und der Konkurrenzdruck ergeben zusammen ein schlüssiges Bild.

Für den Weg zur EM 2028 ist die aktuelle Entscheidung ohnehin kein abschließendes Urteil. Klopp betonte bei der Nominierung grundsätzlich, keine Türen schließen zu wollen. Findet Adeyemi zu mehr offensiver Verlässlichkeit und arbeitet konsequent in beide Richtungen, kann er sich erneut empfehlen. Einen Anspruch auf die nächste Einladung muss er sich allerdings wieder auf dem Platz erarbeiten.
