Mit Alexander Blessin zieht der pure RB-Pragmatismus bei Borussia Mönchengladbach ein. Der 53-Jährige, der bis Sommer noch den FC St. Pauli trainierte, übernimmt das Team in der Länderspielpause und soll einen Aufschwung herbeiführen.
Doch woher kommt die neue Philosophie am Niederrhein? Blessin wurde acht Jahre lang (2012 bis 2020) im Nachwuchs von RB Leipzig ausgebildet und geprägt. Dort verinnerlichte er die klassische Red-Bull-Schule: Aggressives Gegenpressing und pfeilschnelles Umschaltspiel.
Künstlerische Freiheit und gemütlicher Ballbesitzfußball gehören der Vergangenheit an – stattdessen sind nun Kilometerfresser und taktische Disziplin gefragt. Diese radikale Systemumstellung bringt im aktuellen Kader klare Gewinner und Verlierer mit sich.
Die fünf Gewinner unter Blessin
Wer unter Alexander Blessin bestehen will, muss vor allem eins mitbringen: eine brutale physische Präsenz und die Bereitschaft, bis zum Umfallen gegen den Ball zu arbeiten. Spieler, die ihre Stärken in der Intensität, im Zweikampf und in der taktischen Disziplin haben, werden in seinem System unweigerlich aufblühen. Die Rückkehr zum aggressiven Gegenpressing eröffnet besonders jenen Akteuren neue Chancen, die unter dem alten ballbesitzorientierten Ansatz gelitten haben oder schlichtweg besser in ein klares Umschalt-Konstrukt passen.
1. Fabio Chiarodia

Der junge Italiener spielte in der bisherigen Viererkette keine Rolle. Da Blessin jedoch fast ausnahmslos auf drei Innnenverteidiger setzt, wird im Zentrum ein zusätzlicher Platz frei. Chiarodia ist der einzige echte, spielstarke Linksfuß im Abwehrzentrum und besitzt eine exzellente Spieleröffnung. Er passt perfekt auf den linken Part der neuen Dreierkette.
2. Tim Kleindienst

Obwohl der Kapitän zuletzt deutlich in der Kritik stand und noch immer auf sein erstes Saisontor wartet, wird sein Wert unter Blessin noch einmal massiv steigen. Der neue Coach verlangt von seinen Angreifern ein intensives Anlaufen des gegnerischen Spielaufbaus. Kleindienst ist statistisch einer der lauf- und kopfballstärksten Pressing-Stürmer der Liga und wird zum wichtigsten taktischen Trigger im neuen Defensiv-Konstrukt.
3. Jens Castrop

Der Südkoreaner erlebt aktuell einen extrem bitteren Saisonstart, da ihn eine schwere Schulter-OP noch monatelang zur Pause zwingt. Dennoch ist er der absolute Prototyp eines "Blessin-Spielers". Seine immense Giftigkeit, Laufarbeit und Aggressivität passen wie die Faust aufs Auge zum geforderten Gegenpressing. Sobald Castrop fit ist, wird er zur wichtigsten defensiven Zukunftsaktie im Zentrum.
4. Philipp Sander

Er spulte zwar in allen vier Bundesligaspielen die vollen 90 Minuten ab und lief oft über 11,5 Kilometer, stand im bisherigen offenen System aber meist auf verlorenem Posten. Unter Blessin bekommt der laufstarke Box-to-Box-Spieler nun ein klares, engmaschiges Defensivkonstrukt. Mit seiner Intensität wird er für die neue Mittelfeldzentrale unverzichtbar.
5. Robin Hack

Im alten System fehlten dem Außenstürmer oft die tiefen Räume. In Blessins 3-4-3-System spielen die Flügelspieler jedoch nicht an der Außenlinie, sondern rücken eng in die Halbräume. Nach Ballgewinnen ist Hack mit seiner Explosivität und seinem extremen Zug zum Tor der ideale Abnehmer für vertikale Umschaltpässe.
Die drei Verlierer unter Blessin
Auf der anderen Seite wird die Luft für die spielerischen Feingeister im Kader plötzlich extrem dünn. Wer seinen Rhythmus nur mit dem Ball am Fuß findet, das Spiel gerne verlangsamt oder Defensivaufgaben vernachlässigt, hat in Blessins laufintensivem System keinen Platz. Die Abkehr von der spielerischen Eleganz hin zum robusten Arbeiter-Fußball bedeutet für einige etablierte Kreativköpfe eine knallharte Bewährungsprobe – wer nicht mitzieht, landet unweigerlich auf der Bank.
1. Florian Neuhaus

Der feine Stratege stand eigentlich schon auf dem Abstellgleis, ehe er am Wochenende überraschend in der Startelf stand und prompt das emotionale 1:0 gegen Mainz erzielte. Dennoch droht ihm unter Blessin ein schwerer Stand. Neuhaus braucht den Ball, um das Spiel zu beruhigen. Blessin fordert jedoch physische "Zerstörer", die Meter machen. Wenn Neuhaus gegen den Ball nicht deutlich aggressiver wird, nützt ihm auch sein jüngster Treffer wenig.
2. Kevin Stöger

Zu Saisonbeginn war er noch der kreative Fixpunkt, verlor gegen Mainz jedoch seinen Stammplatz. Stöger ist ein genialer Freigeist für tödliche Pässe aus dem Halbraum. In Blessins System gibt es diese von Defensivaufgaben befreite Zehner-Rolle jedoch schlichtweg nicht. Das kompakte Mittelfeld muss stattdessen unermüdlich Löcher stopfen – eine Rolle, für die sich Stöger komplett neu erfinden müsste.
3. Franck Honorat

Der Franzose lieferte zwar schon drei Vorlagen in dieser Saison, baute defensiv aber zuletzt massiv ab. Seine größte Waffe ist sein Spiel direkt an der Außenlinie. Im 3-4-3-System von Blessin besetzen jedoch die Außenverteidiger die komplette Außenbahn alleine. Honorat müsste stattdessen nach innen in die engen Halbräume rücken, wo ihm der Platz für seine Läufe fehlen würde.
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