Eine Verletzungsmisere lässt sich nicht vollständig vorausplanen. Wenn mehrere Offensivspieler gleichzeitig ausfallen, erreicht auch ein hochwertig besetzter Kader irgendwann seine Grenzen. Beim FC Bayern München stellt sich trotzdem die Frage, ob diese Grenzen nicht unnötig eng gezogen wurden.
Die Ausfälle von Luis Díaz, Serge Gnabry und Ismael Saibari schränken die Möglichkeiten des Trainerteams erheblich ein. Hinter den verbliebenen Stammkräften fehlen Alternativen, die Entlastung schaffen und zugleich auf mehreren Positionen helfen können.
Zwei Spieler, die dieses Profil mitbringen, standen im Sommer noch beim FC Bayern unter Vertrag: Maurice Krattenmacher und Arijon Ibrahimović. Beide abzugeben, war aus heutiger Sicht ein Fehler. Nicht, weil sie die verletzten Stars gleichwertig ersetzen könnten – sondern weil sie dem Kader genau jene zusätzliche Breite gegeben hätten, die jetzt fehlt.
Krattenmacher zeigt, wie wertvoll ein Joker sein kann
Krattenmacher wechselte nach seinen Leihstationen in Ulm und bei Hertha BSC fest zur SV Elversberg. Dort unterschrieb er bis 2030 und schaffte anschließend einen bemerkenswerten Einstieg in die Bundesliga. Nach acht Einsätzen stehen vier Tore und eine Vorlage auf seinem Konto.
Besonders interessant ist dabei, wie er sich diese Bedeutung erarbeitet hat. Im September gelangen ihm drei Treffer als Einwechselspieler. Beim 4:3 in Mönchengladbach traf er doppelt, gegen Bayern erzielte er das Elversberger Tor. Dafür wurde der 21-Jährige zum Bundesliga-Rookie des Monats gewählt.

Das ist für die Münchner Diskussion ein entscheidender Punkt. Krattenmacher musste zunächst nicht über Wochen als unangefochtener Stammspieler aufgebaut werden, um Wirkung zu entfalten. Er nutzte bereits begrenzte Einsatzzeiten für spielentscheidende Aktionen.
Natürlich funktioniert nicht jeder erfolgreiche Joker eines Aufsteigers automatisch auch beim Rekordmeister. Seine Auftritte liefern aber ein starkes Argument dafür, dass Bayern ihm eine echte Rolle hätte anbieten können – über gelegentliche Kadernominierungen hinaus.
Ibrahimovic bringt Bundesliga-Erfahrung und Vielseitigkeit mit
Ibrahimović wurde erst am 1. September für die laufende Saison an den FC Augsburg verliehen. Beim Bundesliga-Auftakt gegen den VfB Stuttgart hatte er noch auf der Münchner Bank gesessen. Er war damit wesentlich näher an einer Rolle im Profikader als ein Nachwuchsspieler, der erst aus dem Jugendbereich herangeführt werden müsste.
Beim FCA kommt der 20-Jährige regelmäßig zum Einsatz. Nach sieben Pflichtspielen steht der U21-Nationalspieler bei zwei Toren und einer Vorlage. Eine spektakuläre Scorerbilanz ist das noch nicht, wohl aber ein weiterer Beleg dafür, dass er auf diesem Niveau mithalten kann.

Augsburg betonte bei seiner Verpflichtung ausdrücklich seine offensive Vielseitigkeit, seine Physis und sein Entwicklungspotenzial. Schon die vorherige Saison in Heidenheim hatte ihm mit 34 Pflichtspieleinsätzen wichtige Erfahrung im deutschen Oberhaus verschafft.
Für Bayern wäre deshalb keine sofortige tragende Rolle nötig gewesen. Als zusätzliche Option auf den offensiven Außenpositionen und im Zentrum hätte Ibrahimović Einsatzzeiten bekommen können, ohne dass die Mannschaft komplett auf ihn zugeschnitten werden müsste.
Der Fehler liegt in der Summe der Entscheidungen
Krattenmacher kann auf den Flügeln und im offensiven Mittelfeld eingesetzt werden. Ibrahimović ist ebenfalls nicht auf eine einzige Angriffsposition festgelegt. Diese Flexibilität macht beide für eine Mannschaft interessant, die mehrere Wettbewerbe bestreitet und regelmäßig rotieren muss.
Bayern braucht hinter seiner ersten Reihe nicht ausschließlich Spieler, die sofort Ansprüche auf einen Stammplatz anmelden. Ebenso wichtig sind entwicklungsfähige Alternativen, denen das Trainerteam gezielt Verantwortung übertragen kann.

Der Fehler war deshalb nicht zwangsläufig Krattenmachers Verkauf oder Ibrahimovićs Leihe für sich genommen. Der Fehler war, beide gleichzeitig ziehen zu lassen und damit auf zwei vergleichsweise weit entwickelte offensive Optionen zu verzichten.
Die aktuellen Verletzungen verschärfen dieses Problem. Sie machen es allerdings nicht erst grundsätzlich relevant: Auch ohne eine solche Häufung von Ausfällen benötigt ein ambitionierter Kader Möglichkeiten, seine wichtigsten Spieler zu entlasten.
Eine Rückkehr im Winter sollte geprüft werden
Sollte die personelle Lage bis Januar angespannt bleiben, müssen sich Max Eberl und Christoph Freund mit einer Rückholung beschäftigen. Dabei sind die Vertragskonstellationen allerdings sauber zu unterscheiden.

Ibrahimović ist bis Saisonende ausgeliehen, Augsburg besitzt anschließend eine Kaufoption. Ein vorzeitiges Rückrufrecht wurde von den Klubs nicht öffentlich bestätigt. Ohne eine entsprechende Vereinbarung müsste Bayern eine Lösung mit dem FCA und dem Spieler finden – Augsburg hätte gute Gründe, auf seinem Verbleib zu bestehen.
Bei Krattenmacher ist dagegen eine Rückkaufoption berichtet. Im Bild-Podcast Bayern Insider wurde sie auf 7,5 Millionen Euro beziffert. Ob sie bereits im Januar gezogen werden könnte und welche weiteren Bedingungen gelten, ist öffentlich jedoch nicht belegt. Eine unkomplizierte Winterrückkehr darf deshalb auch hier nicht vorausgesetzt werden.
