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ZDF-Dokumentation über Dietmar Hopp: Ein grüner Apfel für den reichen weißen Mann

Oscar Nolte
Dietmar Hopp (l.) steht erneut im Fokus
Dietmar Hopp (l.) steht erneut im Fokus / DANIEL ROLAND/Getty Images
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In der investigativen ZDF-Dokumentation "Der Prozess. Wie Dietmar Hopp zur Hassfigur der Ultras wurde" werden die Hintergründe zum Dissenz zwischen Dietmar Hopp, Mäzen der TSG Hoffenheim, und den Ultras verschiedenster Bundesliga-Vereine aus ganz neuen Blickwinkeln gezeigt. Neben der fundierten Vermutung, dass das geschichtsträchtige Drumherum beim Spiel der TSG gegen den FC Bayern im Februar 2020 inszeniert war, geben uns die Recherchen des ZDF einen Einblick, wie entrückt die Fußball-Blase mittlerweile von der Gesellschaft ist.


Jochen Breyer und Jürn Kruse haben mit ihrem Dokumentarfilm ganz hohe Wellen geschlagen und dabei tief geschürft. In einer bemerkenswert differenzierten Berichterstattung ließen Breyer und Kruse handelnde Personen, Ultras und Beteiligte zu Wort kommen, um die Hintergründe der Fehde zwischen Dietmar Hopp und den Ultras zu beleuchten.

Hopp-Drama 2020 nur inszeniert: Hoffenheim, FC Bayern und DFB wussten Bescheid

Besonders pikant: die Darstellung des Hopp'schen Schmelztiegels im Februar 2020 beim Bundesliga-Spiel zwischen dem FC Bayern und der TSG. Damals hatte der DFB die BVB-Fans mit einer Kollektivstrafe sanktioniert, was den Konflikt um Hopp eskalieren ließ. In der Folge kündigte der DFB die Einhaltung des 3-Stufen-Plans an, sollte Hopp erneut in einem Stadion öffentlich geschmäht werden; dieses Modell dient eigentlich der Unterbrechung und dem Abbruch eines Spiels bei rassistischen oder diskriminierenden Vorfällen.

Dass der DFB diesen Plan nutzte, um Dietmar Hopp die Plattform zu geben, die er jahrelang anstrebte, ist eklatant. Noch dramatischer wird die Geschichte allerdings dadurch, dass sowohl der FC Bayern, als auch die TSG Hoffenheim, als auch der DFB und sogar Sky-Moderator Kai Dittmann vor dem Spiel darüber Bescheid wussten, dass es Bundesliga-weite Schmähungen gegen Hopp geben würde. Die auf die Spitze getriebenen Steh-auf-gegen-Hass-Maßnahmen des DFB, Dietmar Hopps und des FC Bayern waren im Februar 2020 inszeniert!

Da laufen also Karl-Heinz-Rummenigge und Dietmar Hopp durch den Sinsheimer Regen, Rummenigge versucht Hopps Hand zu ergreifen, während sie das Spielfeld betreten und würdevoll klatschen. Hasan Salihamidzic und Hansi Flick, die zuvor wutentbrannt zur Kurve der Bayern-Fans gerannt waren und mal nachgefragt haben, was denn bitteschön mit den Fans los sei, nehmen Hopp kollegial in den Arm. Die Welt steht auf für den Mann, der geschmäht wurde - ein Schauspiel in vielen Akten.

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Bewegende Szenen - aber eigentlich nur ein Schauspiel? / DANIEL ROLAND/Getty Images

Wer nun Schuld ist, was Fans dürfen und wo die Grenzen sind, darüber muss sich jeder ein eigenes Bild machen. Was allerdings auffällt, ist die erneute Zurschaustellung davon, wie entrückt der Fußball-Zirkus von der Gesellschaft ist. Festzumachen ist das an der herzzerreißenden Geschichte, die Uli Hoeneß Jochen Breyer über seinen Freund Dietmar Hopp erzählt, um herauszuarbeiten, wie sozial veranlagt Hopp sei.

Auf dem Golfplatz - ja, wirklich, die Geschichte des Wohltäters Hopp entspringt dem Golfplatz -, bestelle Hopp immer einen grünen Apfel. Und für das Mädchen oder den Bub, der ihm diesen Apfel bringt, lässt Hopp dann 20 oder 50 Euro (indirektes Zitat Hoeneß, bei diesen ganzen Geldnoten kann man ja mal durcheinander kommen) Trinkgeld springen.

Zugegeben: da fehlen mir die Worte. Hopps Star-Anwalt Christoph Schickhardt findet sie dann doch: "Dietmar Hopp ist ein Mann des Volkes und der vielleicht letzte echte Fußball-Fan." Unterstützend dazu bläst DFB-Vizepräsident Rainer Koch zum Angriff: Laut dem ehemaligen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel wollte Koch Undercover-Agenten in die Blocks schicken, um die Strippenzieher der Ultras zu markieren und dingfest zu machen.

Mit der Gesellschaft hat der Fußball nicht mehr viel am Hut

Der FC Bayern kooperiert mit Katar, einem Land, das einen Dreck auf Menschenrechte gibt. Rassismus und Homophobie sind im Fußball weiterhin Themen, die von den Verbänden nur mit der Kneifzange angefasst werden. Und dass Frauen noch immer nicht angemessen bezahlt werden, ist halt nunmal so.

Nein, zu schützen gilt es den reichen weißen Mann, der in Fußballstadien als "Hurensohn" beleidigt wird. Das ist unterste Schublade, keine Frage. Das ist allerdings nicht ein auf Hopp gemünztes Problem, sondern eine Unart (deutscher) Fußball-Fans im Allgemeinen.

Eine Auflösung des Konfliktes zwischen Dietmar Hopp und den Fans wird es wohl nicht geben. Vonseiten der Fans garantiert nicht. Und dass Hopp den ersten Schritt geht - über diesen Punkt sind wir hinaus.

Hopp, der den Pöblern im öffentlichen Fernsehen die Hand reichte und sich bereit erklärte, das Geschehene zu vergessen. Breyer und Kruse fanden jedoch heraus, dass Hopp zur gleichen Zeit massenweise Anklagen an schmähende Fans herausprügelte.

Die inszenierte Entrüstung der High Society des deutschen Fußballs über den Umgang mit Mäzen (übrigens auch des DFB und des FC Bayern) Dietmar Hopp zeigt vieles, doch vor allem eines: mit der Gesellschaft hat der Fußball nicht mehr viel zu tun, wenn der reiche weiße Mann Rassismus als Schutzschild benutzt und Heiligenscheine mit 50-Euro-Scheinen bezahlt.

An der Entrückung des Fußballs von der Gesellschaft kann mittelfristig nicht nur die Beziehung Hopps zu den Fans, sondern auch die des Fußballs zu den Fans zerbrechen. Und das ist der beunruhigende Zwist, der aus dem Drama Dietmar Hopps zu entwachsen scheint.

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