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Xavi macht den Propaganda-Minister für WM-Ausrichter Katar

Guido Müller
Für Xavi ist im kommenden WM-Gastgeberland Katar offenbar alles chico
Für Xavi ist im kommenden WM-Gastgeberland Katar offenbar alles chico / Miquel Benitez/GettyImages
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Die Hand, die einen füttert, beißt man nicht. Unter diesem Motto muss man wohl auch die jüngste Eloge von Ex-Barça-Legende Xavi abtun, mit der der 41-Jährige versucht, das Image des nächsten WM-Gastgeberlandes aufzupolieren.


Denn seit mittlerweile sechs Jahren lebt und arbeitet das frühere Mastermind des wohl besten Barça aller Zeiten in Katar. Zunächst als Spieler, dann als Trainer des Spitzenklubs Al-Sadd.

Den Verdacht, den Klub lediglich als Sprungbrett für glamourösere Engagements in Europa zu benutzen, versucht er im Gespräch mit 20min.es zwar gar nicht von sich zu weisen, lässt dabei aber äußerste diplomatische Zurückhaltung walten.

"Zu allererst muss ich sagen: ich bin sehr stolz, Al Sadd zu trainieren. Es ist nicht nur ein großer Klub in Katar, sondern in ganz Asien. Unser Ziel ist, viele Titel zu holen und um die asiatische Champions League mitzuspielen. Aber es ist offensichtlich erst der Beginn meiner Trainerlaufbahn. Ich fange gerade an. Es ist mein drittes Jahr bei Al Sadd als Trainer und ich bin dabei, Erfahrungen zu sammeln."

Xavi Hernandez, Xavi
Nach dem gewonnen Katar-Cup 2020 lassen Al Sadds Spieler ihren Trainer hochleben / Simon Holmes/GettyImages

Für größere Aufgaben in Europa? Womöglich bei seinem Stammverein? "Mein Ideal ist es, irgendwann einmal den FC Barcelona zu trainieren. Das habe ich auch nie verhehlt. Das ist mein Ziel und mein Traum. Ich weiß nicht, ob es so kommen wird. Ob Barcelona sich überhaupt für mich interessieren wird. Für den Moment fühle ich mich bei Al Sadd sehr wohl."

"Fühle mich sehr wertgeschätzt, und so was vergisst man nicht!"

Gefragt, ob er seine Zukunft, trotz möglicher Anstellungen in Europa, dauerhaft in Katar sieht, wird Xavi fast schon sentimental. "Ich glaube, dass meine Beziehung zu Katar und der Königsfamilie von dauerhafter Natur sein wird, denn sie haben mich gut behandelt. Es wurde mir sehr viel Zuneigung und Respekt entgegengebracht. Ich fühle mich sehr wertgeschätzt, und so was vergisst man nicht."

Vor allem dann nicht, wenn es gilt, das durch die vielen Skandale rund um die Infrastrukturmaßnahmen des Landes (mit vielen toten und verletzten Gastarbeitern auf den Baustellen) ramponierte Image des kommenden WM-Ausrichters aufzuhübschen.

Wie zur Bestätigung fügt Xavi noch hinzu: "Ich bin eine sehr dankbare Person. Ich denke, dass Katar mir und meiner Familie auf sehr vielen Ebenen geholfen hat. Diese Beziehung wird für immer bleiben. Meine Kinder sind hier geboren, meine Frau fühlt sich hier wohl und wir alle sind glücklich."

Der WM 2022, die in etwas mehr als einem Jahr beginnen wird, spricht Xavi jetzt schon historische Dimensionen zu.

"Ich habe es schon häufiger gesagt: es wird eine historische Weltmeisterschaft. Die Leute werden überrascht sein. Zuerst darüber, wie das Land, wie Katar wirklich ist, und dann, an zweiter Stelle, über die Infrastruktur. Es ist ein neues Land, das sich zehn Jahre darauf vorbereitet hat, die WM so auszurichten, dass sie historisch und unvergesslich bleibt."

Einmal in Schwung gekommen, schwärmt Xavi auch vom Stadion Al-Thumama, das heute eingeweiht werden soll. "Es ist eine wunderbare Arena. Wir werden es im Rahmen des Finales des Emir-Pokals [Freitag, 18.00 Uhr] eröffnen. Sein Design ist eine Hommage an die landestypische Kopfbedeckung gahfiya, die für die Kataris eine große symbolische Bedeutung hat."

Previews Ahead of Qatar 2022 FIFA World Cup
Das Al-Thumama-Stadion, das heute eingeweiht wird / Matthew Ashton - AMA/GettyImages

Unbequemen Fragen zu den menschenverachtenden Verhältnissen, in denen viele Tausende von Gastarbeitern auf den Baustellen des Landes für die Errichtung solcher Arenen gesorgt haben, musste sich Xavi dann aber doch noch stellen.

"Es gibt einige falsche Vorstellungen über Katar!"

Man ist geneigt zu sagen, dass er sie ähnlich elegant umkurvt hat, wie früher die Gegenspieler auf dem grünen Rasen.

"Es gibt einige falsche Vorstellungen über Katar. Ich habe den bis hierher realisierten Fortschritt gesehen und selbst mitgemacht. Weder die Führungsschicht von Katar noch das WM-Organisationskomitee haben jemals behauptet, dass die Situation perfekt sei. Aber die Verpflichtung, ein nachhaltiges soziales Erbe zu hinterlassen, ist absolut."

Dafür, so Xavi, sei "eine historische Gesetzgebung geschaffen worden, um die Arbeitsbedingungen für die Gastarbeiter, die zur Entwicklung und Zukunft des Landes beitragen, zu verbessern. Ich habe diese Verbesserungen mit eigenen Augen gesehen."

Ob sich Xavi der Tatsache bewusst ist, dass dieser letzte Satz ähnlich (nur andersrum) klingt, wie jenes berühmt-berüchtigte Zitat von Franz Beckenbauer, der bei einem Ortstermin vor einigen Jahren "nicht einen einzigen Sklaven gesehen" haben wollte?

Xavi jedenfalls fährt fort in einem zwischen Propaganda, Augenwischerei und kühler Diplomatie changierenden Diktus.

"Von Anfang an hat Katar gesagt, die WM dafür zu nutzen, positive Veränderungen im Land herbeizuführen, und genau das tut es gerade. Ich lebe hier seit rund sechs Jahren, habe also den Fortschritt gesehen und weiß, dass sie ihre Versprechen einhalten. Ich habe mit vielen Arbeitern gesprochen, sowohl in den Stadien als auch in ihren Unterkünften, und habe gesehen, wie sich ihre Verhältnisse verbessert haben."

Und dann trommelt der Welt-und Europameister von einst noch mal kräftig die Werbetrommel für sein selbst gewähltes Exil.

"Ich lade alle herzlich ein, sich selbst davon zu überzeugen, wie es um Katar bestellt ist, bevor sie voreilige Urteile fällen. Es wundert mich nicht, dass viele, die noch nie in Katar waren, eine bestimmte Meinung vertreten. Aber ich fordere sie heraus, erstmal hierher zu kommen, um sich ein informiertes und ausgeglichenes Bild zu machen."

Den Angehörigen der zahlreichen Gastarbeiter aus Indien, Nepal, Bangladesch oder Sri Lanka - um nur ein paar Länder zu nennen - , die für den World Cup 2022 in Katar ihr Leben lassen mussten (der englische Guardian spricht von bis zu 6.500) müssen solche Aussagen wie blanker Zynismus vorkommen.

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