"Die beste WM aller Zeiten" - warum Infantinos Traum von Katar eine skandalöse Illusion ist

Gianni Infantino
Gianni Infantino / ATPImages/GettyImages
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In wenigen Stunden eröffnen Katar und Ecuador die umstrittenste WM aller Zeiten. FIFA-Präsident Gianni Infantino erwartet die "beste WM aller Zeiten". Ein kurzer Faktencheck zeigt jedoch, dass die Endrunde in Katar auf so vielen Ebenen eher die schlimmste WM aller Zeiten wird.


1. Tote Arbeiter und fehlende Menschenrechte

Laut Gianni Infantino sollen im Rahmen der Stadionbaus für die WM lediglich drei Gastarbeiter ums Leben gekommen sein.

Amnesty International hingegen hat erhoben, dass seit Vergabe der WM an Katar - und damit dem Beginn der Vorbereitung auf das Turnier - insgesamt 15.000 Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen ums Leben gekommen sind. Da Katar keine statistischen Todeserhebungen führt, ist unklar, wie viele Menschen tatsächlich bei den Vorbereitungen für die WM ums Leben gekommen sind. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aber deutlich mehr, als die drei Menschen, auf die Infantino verweist.

Fakt ist hingegen, dass die Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen, die mit Aufgaben zur Vorbereitung der WM betreut wurden, systematisch ausgebeutet und menschenunwürdig behandelt wurden. Einfache Recherchen zeigen dabei Erfahrungsberichte sexualisierter Gewalt, fehlender Bezahlung und unwürdigen Unterbringungen für die Arbeiter und Arbeiterinnen.

Ohnehin werden in Katar nicht die Menschenrechte angewandt, die notwenid wären, um eine WM zu rechtfertigen. Frauen sind Männern kulturell wie rechtlich unterstellt; homosexuelle Menschen werden strafrechtlich verfolgt; selbst Pressefreiheit gibt es in Katar nicht.

2. Sportliches Desaster

Auch sportlich verspricht die WM bislang nichts Gutes. Aufgrund der brutalen Temperaturen in Katar, hat die FIFA die WM erstmals in den Winter gelegt. Da sich der europäische Fußball zu diesem Zeitpunkt mitten in der Saison befindet, gibt es ungewöhnlich viele verletzungsbedingte Ausfälle für das Turnier in Katar.

Besonders dadurch, dass die Ligen deutlich mehr Englische Wochen spielen mussten, um den Terminkalender trotz der WM irgendwie zu erfüllen, gab es gerade in den Wochen vor Beginn der WM horrend viele verletzungsbedingte Ausfälle, die eine Teilnahme an der WM unmöglich machen.

Bei der Endrunde darf neben der Fülle an Star-Ausfällen zudem mit vielen müden Spielern gerechnet werden, die nicht nur eine extrem intensive Hinserie hinter sich haben, sondern eine nicht minder intensive Rückrunde erwarten. Neben den sportlichen Belastungen, müssen die teilnehmenden Spieler seit Wochen und Monaten Fragen zur Legitimierung einer WM in einem Land wie Katar über sich ergehen lassen - und dürfen damit auch während des Turnier-Verlaufs rechnen. Dass die Berichte über die Zustände im Gastgeberland spurlos an den Spielern vorbeigehen, wäre überraschend.

Normalerweise befinden sich die Nationalmannschaften zu Beginn der Weltmeisterschaft in Top-Form. Bei der WM in Katar ist damit einfach nicht zu rechnen. Auch sportlich verspricht diese Endrunde bisher also nichts Gutes.

3. Die WM in Katar wird zur Klima-Keule

Katar und die FIFA bemühten sich seit der Vergabe der WM 2022 darum, für eine klimaneutrale WM zu werben. Dass diese Versuche, die bis heute anhalten, nur Greenwashing sind, ist faktisch belegt.

Durch den Bau der WM-Stadien sowie die Tatsachen, dass die Stadien in Katar heruntergekühlt werden müssen und zudem die meisten Zuschauer und Zuschauerinnen per Flugzeug anreisen, ergibt sich schon jetzt die Prognose, dass während dieser WM mit erwarteten 3,6 Millionen Tonnen mehr CO2-Emissionen entstehen, als insgesamt 69 Länder der Welt per Jahr ausstoßen.

Katar rechtfertigte den Bau von gleich neun neuen Mega-Stadien damit, dass die Stadien ohnehin eingeplant und für zukünftige Projekte nutzbar gemacht werden sollen. Bis heute liegen keine dieser Zukunftspläne vor.

Da die Welt sich in einer ernsthaften Klimakrise befindet, kann auch an diesem Punkt nur der Kopf geschüttelt werden.

4. Politisches Debakel

Der Fußball soll keine Werbung für politische Botschaften und Kampagnen sein. Darüber sind sich die Verbände, auch die FIFA, einig. Unfreiwillig wird und wurde das Turnier in Katar schon jetzt aber zu einem Beispiel eines politischen Debakels.

Während das Gastgeberland und die FIFA sich vehement gegen die Demonstration demokratischer Grundwerte - beispielsweise in Form von Regenbogenflaggen - stellen, kündigte Brasiliens Superstar Neymar, eines der größten sportlichen Gesichter der WM, öffentlich an, die WM als Plattform zu nutzen, um für Brasiliens jüngst abgewählten Präsidenten Jair Bolsonaro zu werben.

"Ich bin homophob und stolz drauf", ist nur eine der verbalen Entgleisungen, die sich Bolsonaro bereits öffentlich leistete. Bolsonaro wird als rechtsextrem eingestuft. Bolsonaro würdigte öffentlich ethnische Minderheiten ab, verherrlichte die Anwendung von Folter-Methoden und setzte sich mehrfach für eine Militärdiktatur ein. Neymar will sein erstes Tor dem nun abgewählten brasilianischen Präsidenten widmen.

Während sich die FIFA und Katar also darum bemühen, die Zelebrierung demokratischer Werte während der WM zu verbieten, nutzt einer der Superstars des Turniers die Endrunde als Plattform, um einen rechtsextremen Politiker zu bewerben.

5. Katarische Fettnäpfchen

Bis heute beten alle katarischen WM-Funktionäre, gestützt von der FIFA und deren Präsident Gianni Infantino, das Dogma herunter, dass alle Zuschauer und Zuschauerinnen der WM 'zu Gast bei Freunden' sind. In diesem Kontext forderte Katar zwar Respekt für die Kultur ein, betonte allerdings auch immer wieder, dass homosexuelle Besucher und Besucherinnen erwünscht sind, dass an den Menschenrechten im Land gearbeitet wird.

Kurz vor Beginn der WM leisteten sich aber schon einige Funktionäre Tritte in Fettnäpfchen, die zeigen, wie die Realität im WM-Gastgeberland aussieht. Zu nennen sind da das "Frauen sind wie Süßigkeiten"-Gate, ebenso wie die "Homosexualität ist eine geistige Störung"-Affäre. Zuletzt wurde ein dänisches Kamerateam zudem unter Androhung von rechtlicher und physischer Konsequenzen an öffentlichen Dreharbeiten in Katar gehindert. Die Bedingungen für die Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen, sowie die zahlreichen Toten (auch wenn hier keine genaue Zahl vorliegt) sind ebenso wie das faktisch erwiesene Greenwashing der FIFA und des Gastgeberlandes die Kirsche auf diesem Eisbecher.


Fazit

"Natürlich wird es die beste WM aller Zeiten. Sobald der Ball rollt, konzentrieren sich die Leute darauf. Weil es das ist, was sie wollen, das ist der Zauber des Fußball", sagte Gianni Infantino.

Nun steht die WM unmittelbar vor der Tür und es ist festzuhalten, dass es keinen Zauber gibt, der über die schandhaften Zustände rund um dieses Turnier hinwegblenden kann. Dies wird nicht die "beste WM aller Zeiten" - denn schon jetzt, noch vor dem Anpfiff des Eröffnungsspiels - ist dieses Turnier das wohl skandalöseste in der Geschichte des Welt-Fußballs.


"Natzes Nutmeg" - Der 90min-Talk mit Nadine Angerer zur WM 2022 in Katar


Quellen

https://www.amnesty.at/themen/wm-in-katar-2022/ausbeutung-und-todesfaelle-wie-arbeitsmigrant-innen-fuer-die-fifa-wm-in-katar-leiden/

https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/bolsonaro-rechtsextrem-103.html

https://www.deutschlandfunk.de/klimaeutrale-wm-100.html

https://www.kicker.de/infantino-ueber-katar-es-wird-einfach-die-beste-wm-der-geschichte-896293/artikel

https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/brasilien-warum-neymar-praesident-jair-bolsonaro-unterstuetzt-18410555.html

https://www.zdf.de/nachrichten/video/panorama-katar-wm-salman-homosexualitaet-100.html#:~:text=Der%20WM%2DBotschafter%20von%20Katar,in%20Katar%20per%20Gesetz%20verboten.

https://www.zdf.de/dokumentation/zdfzeit/zdfzeit-geheimsache-katar-100.html