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Pro und Contra: WM-Boykott 2022?

Marc Knieper
Die WM 2022 steht vor der Tür - Brauchen wir einen Boykott?
Die WM 2022 steht vor der Tür - Brauchen wir einen Boykott? / MAXIM ZMEYEV/GettyImages
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Die WM 2022 wird keine WM wie jede andere. Sie ist überschattet von Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen, von Korruption, mindestens 6.500 Toten und vielen weiteren No-Gos. Braucht es einen Boykott? 90min pendelt zwischen Pro und Contra.


Pro WM-Boykott

Vor zwölf Jahren vergeben, halten sich die Korruptionsvorwürfe gegenüber Katar hinsichtlich der WM-Vergabe bis heute hartnäckig. Das Emirat hat sich die Weltmeisterschaft regelrecht erkauft. Eine emotionslose Fußballnation darf dank millionenschwerer Korruption als erstes Land im Nahen Osten die WM austragen.

Als wäre diese Korruption nicht schon schlimm genug, hält sich die katarische Regierung nicht im Ansatz an fundamentale Menschenrechte. Die Benachteiligung von Frauen, eine Unterdrückung von Schwulen und Lesben sowie die moderne Sklaverei der Gastarbeiter auf den WM-Baustellen stehen an der Tagesordnung. Arbeitsrecht ist hierbei ein absolutes Fremdwort.

FIFA President Gianni Infantino in Qatar
Die Arbeitsbedingungen vieler WM-Arbeiter sind brutal / Anadolu Agency/GettyImages

Es gibt keine freie Zivilgesellschaft, keine freien Wahlen und das absurde Kafala-System ist noch immer Gang und Gäbe. Heißt: Viele Arbeitsmigranten können nicht ohne Einwilligung ihrer Arbeitgeber das Land verlassen; sie sitzen quasi in Katar fest.

Abgesehen davon sollte man sich die klare Frage der Verhältnismäßigkeit stellen. Wir leben in 2022, reden über Klimawandel, Ressourcenmangel und Co., plötzlich werden für zig Milliarden Euro all diese temporären Arenen mitten in die Wüste gesetzt - auf der Basis von Korruption, in ein Land, in der Fußballkultur de facto nicht existiert.

All das ist Grund genug für einen Boykott, sagen die einen. Man müsse ein klares Zeichen gegen die Menschenrechtsverletzungen setzen. Noch dazu bedarf es eines klaren Zeichens gegenüber der FIFA. Klar, der Fußball wird immer kommerzieller und auf Moral sowie Ethik wird gerne mal gepfiffen, aber das Zeichen muss klar lauten: Bis hierhin und nicht weiter!

Contra WM-Boykott

Die anderen sagen, ein Boykott würde nicht helfen, sondern vielmehr torpedieren. Ein Boykott würde schaden, denn Fußball rückt die Menschen zusammen, Fußball dient als menschenverbindende Brücke.

Die Menschen werden auf die schon immer existierenden Menschenrechtsverletzungen in Katar überhaupt erst wegen der WM aufmerksam. Die WM rückt das Katari-Problem in das Rampenlicht. Nun muss zusammen dagegen angegangen werden, ein gänzlicher Boykott wäre allerdings kontraproduktiv.

Der WM-Kompromiss

Ein wichtiges Zeichen könnten stattdessen einzelne, gestandene und erfahrene Profis setzen. Ganz einfach, indem sie nicht zur WM fahren. Aber: Ein Boykott eines Profis könnte Folgen auf nationaler und Vereinsebene mit sich tragen.

Dass ganze Nationen der WM fernbleiben, scheint unrealistisch und womöglich auch nicht zielführend. Ein kompletter Boykott ist also illusorisch.

Wie wäre es, wenn während der WM-Spiele die Werbebanden nicht mit Reklame, sondern mit Menschenrechtsbotschaften befüllt werden – natürlich mit Zustimmung der Sponsoren, die dafür auf eine Menge Geld verzichten würden, stattdessen aber ihr Image – Stichwort: Corporate Social Responsibility – aufpolieren könnten?

Natürlich wäre das nur ein Anfang, aber ein Schritt in die richtige Richtung. Denn mit einem bloßen Boykott würde man keineswegs dafür sorgen, dass sich die Bedingungen in Katar verbessern. Man muss die Probleme - wie so häufig - an Ort und Stelle, und damit proaktiv, angehen.


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