Werder-Profi Friedl im Interview - Warum er den Sprung zum Profifußballer beinahe verfehlte

Einst Bayern-Hoffnung, nun Werder-Stütze: Marco Friedl (22) übernimmt beim SVW immer mehr Verantwortung
Einst Bayern-Hoffnung, nun Werder-Stütze: Marco Friedl (22) übernimmt beim SVW immer mehr Verantwortung / DeFodi Images/Getty Images
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Am Herd ein Noob, auf dem Platz echt gut: Marco Friedl debütierte kürzlich in der österreichischen A-Nationalmannschaft, sprach im FUMS BOX2BOX-Interview über seinen Weg in den Profifußball, über die aktuelle Situation beim SV Werder und gab auch persönliche Eindrücke in sein Leben an der Weser.

Natürlich sei er jetzt glücklich und zufrieden, dass es geklappt hat, entgegnet Friedl der ersten Frage von Sportmoderatorin und -reporterin Caroline Labes. Immerhin habe er sich das Ziel bereits als kleiner Junge gesteckt. Die Rede ist von seinem Länderspieldebüt für Österreich. Beim 2:1-Testspielerfolg gegen Griechenland am vergangenen Mittwoch lief der bodenständige Mann aus dem beschaulichen Kirchbichl erstmalig für die A-Mannschaft seiner Nation auf. Zuvor durchlief Friedl sämtliche Jugendnationalmannschaften und kam unter anderem 24 Mal für die U21 zum Einsatz.

Marco Friedl (22) bei seinem Debüt für die österreichische A-Nationalmannschaft
Marco Friedl (22) bei seinem Debüt für die österreichische A-Nationalmannschaft / JOHANN GRODER/Getty Images

Das Trikot seines Nationalelfdebüts möchte er seinem Opa schenken. Weitere Debüttrikots, wie jenes vom FC Bayern München, befinden sich ebenfalls im Kreise der Familie. An sein erstes Spiel für den deutschen Rekordmeister erinnert sich Friedl besonders gerne zurück. Trainer Jupp Heynckes warf den damals 19-jährigen Friedl aufgrund von Verletzungssorgen ins eiskalte Wasser und stellte ihn im November 2017 kurzerhand über die vollen 90 Minuten in der Champions League gegen RSC Anderlecht auf. Der Jungspund feierte sein Profidebüt nicht etwa in den letzten zehn Minuten eines langweiligen Bundesligaspiels, sondern ausgerechnet in der europäischen Königsklasse. Kein Wunder, dass da im Anschluss Freudentränen flossen!

Dabei hatte der Ösi bis dato bereits eine Menge für diesen Werdegang geopfert. Als 10-Jähriger wechselte Friedl aus der Jugend des FC Kufstein zum FC Bayern. Genau 100 Kilometer pendelte er als Kind beinahe täglich zwischen seinem Heimatort Kirchbichl und München hin und her. Vor Augen der Traum, eines Tages zu den ganz Großen zu gehören. Mit voller Unterstützung der Eltern: "Ich bin sehr froh, dass meine Eltern sehr viel Freizeit für mich geopfert haben." Die Schule zog er weiterhin brav in Österreich durch. Das Auto diente als Ort zum Lernen, Hausaufgaben erledigen und Essen. Erst spät abends fand Friedl im heimischen Kinderzimmer seine Ruhe.

"Als Stürmer hätte ich es glaube ich nicht in den Profifußball geschafft."

Marco Friedl via FUMS

Ein riesiger Aufwand, der sich lohnen sollte. Mittlerweile bildet Friedl eine feste Größe des SV Werder. Dabei hätte seine Karriere auch nach hinten losgehen können: Bis zur U17 kickte er im Sturm. Nach zweijähriger Torflaute war es schließlich Coach Heiko Herrlich, der ihn in München zum Linksverteidiger umfunktionierte. "Darüber bin ich heute sehr froh, da ich es als Stürmer glaube ich nicht in den Profifußball geschafft hätte", spekuliert Friedl, dem die Laufwege in der Spitze heutzutage zu kompliziert sind.

Friedl erklärt Werders Abstiegskampf

Bei den Grün-Weißen ist der 22-Jährige seit Januar 2018 für die Torverhinderung verantwortlich. Das funktionierte in der Vergangenheit mal mehr, mal weniger gut. Die zwischenzeitliche Kritik der Fans steckte der noch junge Kicker allerdings sehr gut weg. "Ich habe mir gesagt: Ich weiß, dass ich besser bin, als in den Spielen, die ich absolviert habe. Ich habe mich nicht beunruhigen lassen, sondern einfach weiter gemacht." Mit Erfolg! Gen Ende der Seuchensaison hatte auch er mit starker, kämpferischer Leistung erheblichen Anteil am Klassenerhalt. Grund dafür war auch Trainer Kohfeldt: "Flo ist ein Trainer, der jeden einzelnen Spieler schützt. Er hat sich immer hinter mich gestellt. Ich konnte so besser mit der Kritik umgehen, da ich wusste, dass ich einen Trainer habe, der seine Spieler unterstützt."

Die zwei Hauptgründe der Bremer Bredouille lassen sich laut Friedl schnell festmachen:

  1. war es das große Verletzungspech von Anfang bis Ende der Saison. Viele Spieler aus der Jugend mussten nachrücken, viele Profis haben gefehlt. "Wir hatten zwar gute Spieler, aber die Qualität hat dann doch einfach ein Stück weit gefehlt."
  2. waren es die vielen (Standard-)Gegentore, die erst nach der Corona-Pause besser verhindert wurden. Dadurch konnte glücklicherweise unterm Strich dennoch die Klasse gehalten werden, so Friedl.

Wer schließt die Klaassen-Lücke?

Dass sich die Fans - insbesondere nach dem Abgang von Leistungsträger Davy Klaassen - einen weiteren Spieler für das Mittelfeld gewünscht haben, sei zwar verständlich, "aber wir haben eine super Mannschaft, mit der wir das auf jeden Fall ausgleichen können." Für die künftige Klaassen-Position gebe es mehrere Möglichkeiten: "Bittencourt, Möhwald oder auch junge Spieler wie Schmid und Woltemade. Da gibt es viele Optionen, die der Trainer treffen kann. Wichtig ist, dass die Jungs im Training zeigen, dass sie dort spielen wollen."

Coach Kohfeldt und Friedl pflegen ein vertrautes Verhältnis
Coach Kohfeldt und Friedl pflegen ein vertrautes Verhältnis / DeFodi Images/Getty Images

Friedl jedenfalls hat Bock auf die neue Saison und möchte sich weiter beweisen: "Ich habe eine gute Vorbereitung gespielt und bin zum Schluss der letzten Saison im Standing nach vorne gerutscht. Ich will mehr Verantwortung übernehmen und der Trainer gibt mir diese Chance. Ich will mein Bestes geben und dieses Vertrauen zurückzahlen." Sein großer Wunsch ist es, mit den Bremern einen Titel zu gewinnen. Der Vertrag des Linksfuß läuft im Sommer 2022 aus. Bis dahin wird es schwierig mit der grün-weißen Meisterschaft, von der Friedl zum Abschluss des Gesprächs träumt.

Gut möglich aber, dass Friedl über seine Vertragslaufzeit hinaus am Osterdeich bleibt. Er hat sich gerade erst richtig eingelebt, mag die Stadt und die Fans. Mit Maximilian Eggestein, Leo Bittencourt und Davie Selke hat er drei sehr gute Freunde auch außerhalb des Spielfeldes gefunden. Nun ist es an der Zeit, das Kochen zu lernen. Toast, Brot mit Butter und Nudeln mit Pesto schaffe er so gerade. Seinen liebsten Nachtisch Kaiserschmarrn bekommt er leider noch nicht selbst zubereitet. Vielleicht gibt es diesen ja im Anschluss des Gesprächs in der Bremer Kantine. Guten Hunger und weiter viel Erfolg, Marco!