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90min-Nostalgie: Werder vs HSV - oder: als eine Papierkugel Schicksal spielte!

Guido Müller
Ein enttäuschter Mladen Petric kauert auf dem Rasen
Ein enttäuschter Mladen Petric kauert auf dem Rasen / JOHN MACDOUGALL/Getty Images
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Als Schiedsrichter Florian Meyer am 10. Mai 2009 um kurz vor halb sechs das Bundesliga-Spiel zwischen dem SV Werder Bremen und dem Hamburger SV, korrespondierend mit dem 31. Spieltag der Saison 2008/09, abpfeift, haben die Hamburger mehr als nur ein Spiel und drei Punkte verloren. 


Denn die hochverdiente 0:2-Niederlage im Weserstadion beschließt einen ganz besonderen Reigen von insgesamt vier Duellen der beiden Nordrivalen binnen 19 Tagen. 

Etwas bis heute Einmaliges in der deutschen Fußball-Geschichte. 

Der Anfang vom Ende

Im Rückblick gilt das Ende dieser hanseatischen Derby-Wochen als letzte große Wegmarke in der jüngeren Geschichte des Traditionsklubs vom Volkspark. 

Denn mit ihm begann ein bis heute andauernder Prozess des stetigen Abstiegs, der den Klub zunächst in die Niederungen der Bundesliga-Tabelle und schließlich, neun Jahre später, ins Unterhaus führen sollte.

Drei Wettbewerbe - vier Duelle

Begonnen hatte in jenem Frühling 2009 alles mit einem DFB-Pokalhalbfinale, dem ersten dieser Art zwischen beiden Erzrivalen.

Fortsetzen sollte sich der vierfache Vergleich im noch prestigeträchtigeren Rahmen eines Semifinales im UEFA-Cup (als Europa League firmierte dieser Wettbewerb ab der folgenden Saison), dessen Verlauf eine banale Papierkugel, heute an exponierter Stelle im Werderaner Vereinsmuseum aufbewahrt, entscheidend beeinflussen sollte. 

Als der HSV, bis zu diesem Zeitpunkt durchaus noch mit Titelchancen versehen, dann auch noch im Liga-Duell den Kürzeren zog, war in Hamburg weitaus mehr verloren als eine theoretische Dreifach-Titelchance. 

Denn dem aus Hamburger Sicht fatalen Ausgang auf dem Platz folgte ein Nachbeben, dessen Dynamik die fragile Harmonie zwischen Sportdirektor (Dietmar Beiersdorfer) und Trainer (Martin Jol) endgültig zerstören sollte.  

Martin Jol
Schmiss nach der Vierfach-Enttäuschung gegen Werder die Brocken hin: Martin Jol / Ryan Pierse/Getty Images

Doch der Reihe nach, in diesem Drama in vier Akten.

DFB-Pokal: Wiese wird zum Elfmeter-Killer

57.000 Zuschauer füllen am 22. April 2009 das Volksparkstadion, das zu diesem Zeitpunkt HSH Nordbank Arena heißt. Eine Aufbruchstimmung wie selten zuvor in den vorangegangenen Jahren hat den Klub erfasst.

Martin Jol hatte den Cheftrainer-Posten im Sommer des Vorjahres von seinem Landsmann Huub Stevens übernommen - und den HSV binnen kürzester Zeit zurück in die Elite des deutschen Fußballs geführt. 

Zum Zeitpunkt des Showdowns im heimischen Pokalwettbewerb - der HSV hatte drei Tage zuvor Hannover 96 mit 2:1 besiegt - lagen die Hamburger in der Liga noch mehr als aussichtsreich auf dem dritten Rang, punktgleich mit den Bayern und nur drei Punkte vom Tabellenführer (und späterem Meister) VfL Wolfsburg entfernt. 

Alles schien in diesen Wochen möglich in Hamburg. Nach Jahrzehnten der sportlichen Bedeutungslosigkeit, nur unterbrochen durch sporadische Ausreißer nach oben, lechzte man in der Elbmetropole, zumindest im schwarz-weiß-blauen Sektor, wieder nach großen Triumphen. Und die Zeit schien nun endlich reif dafür. 

Doch der Pokal brachte statt des ersehnten Einzugs ins Berliner Finale den ersten großen Rückschlag in der Ära Jol. Am Ende gewann Werder in einem dramatischen Elfmeterschießen (Tim Wiese hielt dabei drei Strafstöße der Hausherren). 

Werder Bremen's goalkeeper Tim Wiese (R)
Elfer-Killer Wiese und Naldo bejubeln den Einzug ins DFB-Pokalfinale / JOHN MACDOUGALL/Getty Images

UEFA-Cup: Eine Papierkugel spielt Schicksal

Wer weiß, was ohne besagte Papierkugel am Ende rausgekommen wäre. Immerhin schien sich die Jol-Elf vom Pokal-Schock, dem drei Tage später eine 0:2-Niederlage im Punktspiel beim BVB folgte, wieder einigermaßen gut erholt zu haben, als es in den internationalen Vergleich (ebenfalls dem ersten dieser Art) zwischen den beiden Vereinen ging. 

Der HSV revanchierte sich beim Hinspiel-Sieg im Weserstadion (1:0 durch einen Treffer von Piotr Trochowski) zumindest teilweise für den nationalen Pokal-K.o. acht Tage zuvor. Aber noch stand ja das Rückspiel im Hamburger Volkspark an.

In diesem konnten die Gäste das Gesamtergebnis bis zur 66. Minute zu ihren Gunsten drehen. Diego und Pizarro hatten die frühe HSV-Führung von Ivica Olic in ein 2:1 umgewandelt. 

Und dann entschied der Fußball-Gott, oder wer oder was auch immer, eine schnöde Papierkugel Schicksal spielen zu lassen. HSV-Verteidiger Gravgaard wollte das auf ihn zurollende Leder eigentlich ganz locker und lässig zu seinem Torwart Frank Rost spielen. Doch zwischen Ball und Dänen lag eben diese auf den Platz geworfene Papierkugel, von der ungefähren Größe eines Tennisballs. 

Der Ball wurde von selbiger abgelenkt, sprang dem Verteidiger dadurch unglücklich ans Schienbein - und von dort zur Ecke für die Gäste. Und diesem Standard entsprang das letztlich vorentscheidende 3:1 für Werder.

Zwar konnte der HSV durch Olic in den Schlusssekunden noch mal Ergebniskosmetik betreiben - doch das zweite Ausscheiden im zweiten K.o-Turnier für die Hamburger war da schon besiegelt. 

HSV kraft- und mutlos im Liga-Duell

Eine mental völlig entleerte HSV-Mannschaft versuchte dann noch mal, im Punktspiel-Vergleich drei Tage nach dem europäischen Aus, sich irgendwie hochzufahren - ohne Erfolg.

Zu tief saß der Frust der vorangegangenen Wochen, als dass die Hamburger der Bremer Führung durch Hugo Almeida (34.Minute) etwas Substanzielles hätten entgegenhalten können. Abermals Almeida, nur vier Minuten nach Wiederanpfiff, machte früh den Deckel drauf.

Der HSV hatte somit auch im dritten Wettbewerb das Nachsehen gegen den ungeliebten Rivalen. Und das alles innerhalb von nicht einmal drei Wochen. Ein absoluter Albtraum für den Klub, die Verantwortlichen, die Spieler und natürlich die Fans. 

Wieses Häme über Megafon

In deren Erinnerung bleiben, bis heute, die Bilder eines exaltierten und im Triumph leider nicht die Etikette wahrenden Tim Wiese, der nach dem Schlusspfiff ein Bad in der grünweißen Fan-Menge nahm und sich offenbar veranlasst fühlte, per Megafon jede Menge Häme und Spott über den dreifach geschlagenen Nordrivalen (“Sch...HSV!”) auszugießen. 

In einem historisch weiter reichenden Kontext bleibt zudem der große Krach zwischen dem Führungstrio (Beiersdorfer, Jol und Klub-Präsident Bernd Hoffmann), der letztlich in den Rücktritt des Trainers (ein Fehler, wie der Holländer Jahre später eingestand) mündete - und einen Scherbenhaufen hinterließ, den in Gänze aufzusammeln der bis ins Mark getroffene Klub bis heute nicht vermocht hat. 

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