Werder Bremen Frauen

"Hoffentlich werden die Ränge vollgemacht": Bremens Michelle Weiß im Interview

Helene Altgelt
Michelle Weiß vom SV Werder Bremen
Michelle Weiß vom SV Werder Bremen / © Werder Bremen
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Aus Bremen kommen die Effizienz-Spezialistinnen der Bundesliga: Mit neun Toren wurde letzte Saison der Klassenerhalt gesichert, die Torflaute machten die Hanseatinnen aber mit engagiertem Zweikampfverhalten und Laufstärke wett. 90min sprach mit Abwehrspielerin Michelle Weiß über Bremens Stärken und Schwächen, Spiele im großen Stadion und die Schwierigkeit, Ausbildung und Fußball unter einen Hut zu bekommen.



90min: Sie hatten vor Ihrer Zeit in Bremen bei der zweiten Mannschaft von Bayern München gespielt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt, was haben Sie da mitgenommen? 

Weiß: Ich war ja bei der zweiten Mannschaft tätig, drei Jahre lang. Im ersten Jahr haben wir auch schon die Meisterschaft geholt. Natürlich sieht man dann auch die erste Frauenmannschaft, die neben uns in der Kabine war. Man sieht auch zu den Frauen hoch und will das natürlich selbst erreichen. Ich habe mich damals auch persönlich weiterentwickelt, weil ich von zu Hause ausgezogen bin. Ich war nur ein bis zweimal im Jahr zu Hause. Und das hat mich weitergebracht. 

90min: 2021 sind Sie dann zu Werder gewechselt. Wie haben Sie dann Ihre erste Saison in Bremen bewertet und wahrgenommen? 

Weiß: Ich habe eigentlich nicht damit gerechnet, dass ich jetzt schon so viele Spiele auf dem Konto habe. Es sind bereits 15 Bundesligaspiele in der ersten Saison. Das ist für eine junge Spielerin wie mich eben nicht gang und gäbe. Natürlich strebt man immer nach dem Optimum, aber ich bin immer ein Mensch, der sagt, es kommt, wie es kommt. Und so, wie es gekommen ist, ist es eigentlich sehr gut gewesen. 

90min: Wo sehen Sie denn selbst Ihre Stärken auf dem Platz? 

Weiß: Ja, ich würde jetzt mal behaupten, dass ich ganz flexibel bin, von den Positionen her. Außerdem meine Schnelligkeit auf jeden Fall. 

90min: Woran wollen Sie noch arbeiten, um eine bessere Spielerin zu werden? 

Weiß: Wir trainieren natürlich auch mit unserem Trainer in Einzeltrainings und ich mache da viel für die Technik. Also, dass mein erster Kontakt vor allem besser wird. Und typisch ist da auch die Torschuss-Technik, wo man sich eigentlich immer wieder verbessern kann, wo man eigentlich auch nicht aufhören kann zu lernen. 

90min: Haben Sie fußballerische Vorbilder? 

Weiß: Mein persönliches Vorbild ist und bleibt eigentlich Arjen Robben. Mein erstes Trikot damals war von Arjen Robben und seitdem ist er auch mein Vorbild geblieben. Obwohl ich kein Linksfuß bin. 

90min: Ja, und auch nicht immer ganz so offensiv unterwegs… 

Weiß: Ja, die letzten Jahre jetzt nicht. Mal gucken, ob es diese Saison besser wird. 

90min: Waren Sie denn immer schon Abwehrspielerin oder haben Sie erst woanders angefangen?

Weiß: Oh, da muss ich zurückdenken. Ich glaube, in der Jugendmannschaft früher in meinem Heimatverein war ich auch mal auf dem Flügel in der Offensive tätig. Aber irgendwann ging es Richtung Außenverteidigung und Innenverteidigung, und jetzt ist es eigentlich die Außenverteidigung. 

90min: Wie sind Sie denn damals zum Fußball gekommen? 

Weiß: Das war durch meinen Bruder - also es ist ja eigentlich typisch, wenn man Geschwister hat, dass man ihnen gerne etwas nachmacht. Und ich war dann bei seinen Spielen dabei. So bin ich zum Fußball gekommen, und meine Freunde aus der Schule sind alle auch im selben Verein gewesen und da hatte man dann auch dieselben Interessen. 

90min: Machen Sie etwas neben dem Fußball?

Weiß: Ich habe jetzt seit dem ersten August eine Ausbildung angefangen, als Kauffrau im E-Commerce. Das ist jetzt sozusagen mein zweiter Job, ein zweites Standbein. 

90min: Dann blicken wir mal auf Bremen und das Team generell. Wie zufrieden waren Sie als Team mit der letzten Saison? Wie haben Sie das eingeordnet? 

Weiß: Eigentlich ganz gut. Wir haben natürlich unser Ziel erreicht. Wir hatten dann ja eine Phase, wo viele Corona bekommen haben, aber ich glaube, die Personen, die dann auf dem Platz standen, haben es gut gemeistert. Jeder war daran beteiligt, dass wir die Klasse gehalten haben, egal ob Spielerin oder Staff. 

90min: Welche Ziele sind jetzt für diese Saison gesetzt? 

Weiß: Dass wir wieder so früh wie möglich die Klasse halten. Und natürlich auch mal öfters den Ball zu haben und am Offensivspiel teilzunehmen, ein paar mehr Tore schießen. 

90min: Letzte Saison waren es ja nur neun Tore auf Bremens Konto. Woran lag das denn Ihrer Meinung nach? 

Weiß: Es ist immer schwer zu sagen. Wir hatten vielleicht nicht so viele Möglichkeiten oder hatten unsere Schwierigkeiten, in Abschlussaktionen zu kommen. Wir haben mit neun Toren die Klasse gehalten. Und ich glaube, viel effizienter kann man es eigentlich auch gar nicht machen. 

90min: Was war denn Ihr Highlight aus der letzten Saison? 

Weiß: Unser Freiburg Spiel zu Hause, wo ja auch die Ultras da waren. Ich glaube, dafür arbeiten wir eigentlich auch jeden Tag, dass vielleicht mehr Leute den Frauenfußball sehen werden oder auch sehen wollen. Und natürlich war das ein unbeschreibliches Gefühl für uns alle, dass wir so viele Leute nebendran hatten. Wenn es manchmal vielleicht nur 20 laute Fans sind, sind wir auch froh drüber. Aber wenn dann mal 1.300 Leute an der Seitenlinie stehen, ist es natürlich noch mal ein schöneres Gefühl, dass auch Menschen für dich da sind und dich auch als Verein anfeuern.

90min: Diese Saison wird es ja auch ein Spiel im großen Stadion geben… 

Weiß: Ja, da ist die Vorfreude natürlich groß. Wir haben die Nachricht ein bisschen früher erhalten, und da hat es natürlich alle gefreut. Ich glaube, jeder will da jetzt dabei sein. Jeder kämpft dafür, dass er auf dem Platz steht. Und hoffentlich werden hier die Ränge vollgemacht. 

90min: Worauf liegt Ihr Trainer denn besonders Wert, was soll Werder Bremen auszeichnen? 

Weiß: Ich glaube eigentlich, dass es dasselbe ist wie letztes Jahr. Dass wir eine hohe Laufbereitschaft auf das Feld bringen und dass wir in den Zweikämpfen robust sind, auch gegen die stärkeren Mannschaften. Als Verein, der immer um den Klassenerhalt kämpft, ist es ein bisschen so, dass man nichts verlieren kann gegen die Top-Klubs. Und wenn man dann mal punktet, wie damals gegen Eintracht, ist es natürlich für die ganze Mannschaft ein überraschender Gewinn. Und ich glaube, das ist auch der Fokus dieses Jahr, einfach die größeren Vereine zu ärgern und wie gesagt unser Ziel - den Klassenerhalt - zu erreichen.

90min: Wie lief die Vorbereitung aus Ihrer Sicht ? 

Weiß: Wir haben bisher kein Spiel verloren*, auch meist souverän gewonnen. Und auch von dem wie wir spielen als Team, da ist eigentlich alles wirklich gut. Natürlich kann man sich immer weiterentwickeln. Aber wir haben ja jetzt auch noch zwei Wochen bis zum ersten Spiel, im DFB-Pokal. Also ich würde mich jetzt nicht beklagen. 

90min: Diesen Sommer hat ja auch die EM stattgefunden. Was muss passieren, damit das Turnier einen nachhaltigen Effekt hat? 

Weiß: Dass man vielleicht die Spiele nicht nur auf einer Pay-Seite sehen kann, wäre schon mal wichtig, glaube ich. Also es sind zwar ein oder zwei pro Woche im Free TV, aber natürlich wäre es schön für uns, dass mal vielleicht alle Spiele auf Eurosport kommen. Ich glaube, das würde auch viel ändern. 5 Euro im Monat ist für manche Leute dann trotzdem wieder viel, und so könnten die es auch schauen. Und vielleicht auch die Zeiten anpassen von den Spielen. Es gab ja auch mal einen Bericht darüber, dass die Nationalmannschaft an Tagen spielt unter der Woche, um elf oder zwölf. Da sind viele Leute noch in der Arbeit und können das nicht anschauen . 

90min: Der DFB hat ja auch ab nächster Saison Montagsspiele eingeführt. Was halten Sie davon? 

Weiß: Ich glaube, ich bin kein Fan davon. Es gibt bei uns Frauen viele, die nebenher noch arbeiten. Ich müsste jetzt zum Beispiel dafür Urlaub nehmen. Klar ist Fußball das, was ich am liebsten mache. Aber irgendwann ist auch die Grenze überschritten, dass ich deswegen Urlaub nehmen müsste und irgendwann vielleicht nicht mehr die Möglichkeit habe, nach Hause zu fahren, weil ich schon meine ganzen Urlaubstage aufgewendet habe. Deswegen würde ich, glaube ich, lieber keine Montagsspiele haben, weil natürlich dann noch mal ein Wochentag fehlt. 

90min: Freitagabends auswärts ist es vermutlich ähnlich, oder?

Weiß: Ja, aber da war es letztes Jahr so, dass wir nicht so viele Freitagsspiele hatten. Wenn, dann nur zu Hause. Da bin ich gespannt, wie es diese Saison ist. Ich habe auch einen netten Arbeitgeber, aber es gibt viele Leute, die das nicht haben. Ich habe zum Beispiel Donnerstag und Freitag Berufsschule, da muss ich das auch erst mal abklären, wie das überhaupt möglich ist. 

90min: Wissen Sie denn so ungefähr, wie viele Spielerinnen aus dem Kader das betrifft? 

Weiß: Ich würde jetzt mal behaupten, dass vielleicht ein bis drei Leute nur Fußball machen. Alle anderen studieren, arbeiten oder machen hier ehrenamtlich was bei Werder. Also es sind wirklich wenige. 

90min: Wie oft trainieren Sie? Und zu welchen Zeiten?

Weiß: Wir haben fünfmal bis sechsmal in der Woche Training. Wir haben Montag meistens unsere Regeneration nach den Spielen und am Dienstag frei. Dann gibt es Tage mit Früh- und Spättraining. In Richtung Wochenende ist es dann so, dass wir am Freitag nachmittags trainieren und am Tag vor dem Spiel ungefähr zur Anstoßzeit.

* Interview am 1. September geführt


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