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Warum für den HSV die Saison erst jetzt so richtig losgeht

Oct 22, 2020, 3:55 PM GMT+2
Daniel Thioune
Bleibt auch nach historischem Startrekord wohltuend realistisch: Daniel Thioune | Martin Rose/Getty Images
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Vier Liga-Spiele, vier Siege: der Start des Hamburger SV in seine dritte (und hoffentlich letzte) Zweitliga-Saison hätte nicht besser sein können. Doch starke Saison-Eröffnungen sind in Hamburg nichts Neues. Insofern "beginnt" die Saison eigentlich erst in den kommenden Spielen.

Was mir bitte keinesfalls als Respektlosigkeit gegenüber den bisherigen Gegnern ausgelegt werden soll. Wie käme ich auch dazu? Mit Fortuna Düsseldorf und dem SC Paderborn befanden sich ja auch zwei Absteiger unter den Gegnern. Und die gelten für gemeinhin in der Folgespielzeit immer zumindest als Mit-Favoriten für den Aufstieg.

Und auch ich sehe beide Teams am Ende dieser Spielzeit im oberen Tabellendrittel mitspielen. In Fürth wiederum hatte der HSV zuvor, wenigstens in den beiden bisherigen Zweitliga-Jahren, noch nie gewinnen können. Und das gestrige Spiel gegen Erzgebirge Aue war vom Papier her ja auch ein echtes Spitzenspiel. Von daher bin ich meilenweit davon entfernt, die vier Siege als selbstverständlich abzutun. Man kann nämlich gegen alle vier Gegner auch verlieren.

Auch im Vorjahr gab es früh vier Siege nacheinander

Hat der HSV aber nicht. Er hat sogar viermal gewonnen. Und steht deshalb zu recht ganz oben. Aber was war vor einem Jahr? Zwar gab es zum damaligen Saisonauftakt einen kleinen Dämpfer (mit dem 1:1-Heimunentschieden gegen Darmstadt 98), aber die folgenden vier Spiele (gegen Nürnberg, Bochum, Karlsruhe und Hannover) wurden allesamt (und meistens recht deutlich) gewonnen.

Und schon war die Euphorie wieder überbordend in der Hansestadt. In Hecking sahen alle (auch ich) den Heilsbringer. Und dann kam das Stadtderby - und der erste echte Nackenschlag. Und in der Folge gewöhnte man sich auf einmal an Punktverluste. Zwar gab es noch das berauschende (aber auch trügerische) 6:2 gegen den VfB. Doch nach dieser Gala ging es quasi wöchentlich bergab...

Auch in der laufenden Saison steht das Hamburger Derby am sechsten Spieltag an. Vorher aber gilt es, die Aufgabe Würzburger Kickers zu lösen. Ja, ich sage bewusst: Aufgabe! Denn natürlich hat sich der HSV nun in eine absolute Favoritenrolle gegen den noch sieglosen Tabellenletzten gespielt.

Doch genau da lag ja in den vergangenen Jahren die Problematik. Immer wenn man vom HSV einen Dreier erwartete, bekam man ihn nicht. Und auch am Samstag wird sich der HSV nicht hinstellen und sagen können: "Mal sehen, was wir gegen bisher sieglose Würzburger mitnehmen können." Zumal es sich um ein Heimspiel handelt. Nein, er ist gegen die Kickers der große Favorit - und muss dieser Rolle gerecht werden.

Thioune hat schon einiges bewegt

Doch Hoffnung macht tatsächlich der Trainer. Der so schön unaufgeregt mit dem größer werdenden medialen Hype in der Hansestadt umgeht. Ob er stolz auf die bisherigen vier Siege sei, wurde er im Anschluss an das gestrige 3:0 gegen Aue gefragt. Und verneinte (natürlich!) diese Frage. Worauf soll man auch stolz sein? Mit zwölf Punkten steigst du am Saisonende hundertprozentig ab. Also müssen noch ein paar Punkte mehr dazukommen.

Am besten schon gegen die Kickers aus Würzburg. Unter dem Eindruck des gestern gesehenen, glaube ich auch, dass das gelingen kann. Denn irgendwie wirkt die Mannschaft zum ersten Mal in ihrer gesamten Zweitligazugehörigkeit mit einem Plan ausgestattet. Und mit dem (Selbst-)Bewusstsein, diesen auch eins zu eins (oder gar noch besser) umsetzen zu können. Der Trainer gibt glaubhaft vor - das Team zieht mit. Und fährt die entsprechenden Resultate ein. So einfach ist es manchmal. Was genau Thioune in der Ansprache, im Innenleben der Mannschaft, anders macht als Hecking, kann man nur schwer beurteilen. Doch dass er irgendwas (und zwar besser) gemacht hat, steht außer Frage.

Denn wenn ich sehe, dass jetzt sogar ein Bobby Wood auf einmal wieder eine Option ist, wenn ich sehe, dass der US-Boy nach einer vergebenen Chance (beim Stand von 3:0 und fünf Minuten vor Schluss) wutentbrannt auf den Boden schlägt, dann muss ich sagen: Chapeau, Herr Thioune.

Oder wenn ich sehe, wie er einen fast schon ausrangierten Khaled Narey wieder in die Spur bringt. Oder einen Sonny Kittel. Oder einen Aaron Hunt. Und wenn Spieler, die bislang nicht über den Status eines Versprechens hinausgekommen sind, auf einmal performen, als wären sie seit Jahren Stammspieler (Ambrosius, Wintzheimer), dann sage ich: es liegt halt am Ende doch am Trainer. Eine gute Verzahnung mit den jeweiligen Kollegen (Boldt, Mutzel, Hrubesch) tut dann noch ihr Übriges.

Rückschläge werden kommen

Aber nochmal: es ist nur eine Momentaufnahme. Rückschläge, so realistisch muss man sein, werden kommen. Vielleicht auch schon am kommenden Samstag. Oder beim Derby. Oder noch später. Und wenn nicht, sagen wir auch nicht nein. Aber bis dahin werde ich mich mit vorzeitigen Prognosen den Aufstieg usw. betreffend, tunlichst zurückhalten. Dafür ist man in der jüngeren Vergangenheit einfach viel zu oft am Ende enttäuscht worden.

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