Frauen-EM

Vivianne Miedema: Die Rekordtorschützin, die nie eine sein wollte

Helene Altgelt
Holland  v Cyprus -World Cup Qualifier Women
Holland v Cyprus -World Cup Qualifier Women / Soccrates Images/GettyImages
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Kopfbälle, Freistöße, Fallrückzieher, Abstauber: Tore wird es bei der EM 2022 reichlich geben. Aber wer kann sich am Ende die Torjägerkrone aufsetzen? 90min wirft einen Blick auf die vielversprechenden Kandidatinnen, von Kunstschützinnen über kreative Köpfe bis hin zu Kopfballmonstern. Den Auftakt macht die niederländische Rekordtorschützin Vivianne Miedema, die eigentlich nie eine Stürmerin sein wollte

Kurzvorstellung

Ihr Name, Anna Margaretha Marina Astrid „Vivianne“ Miedema, ist lang, die Liste ihrer Erfolge ist länger: Vivianne Miedema ist mit ihren 25 Jahren nun schon seit sieben Jahren die holländische Hoffnungsträgerin. Sie ist bekannt für ihre herausragende Torquote (für die Nationalmannschaft in 108 Spielen 92 Tore), ihre kreative Spielweise und ihre Vielseitigkeit.

" Ich war im Grunde nur eine 9, weil wir in unserer Nationalmannschaft niemanden sonst hatten und sie sagten: 'Du kannst Tore schießen, also geh und spiel dort', und verstehen Sie mich nicht falsch, ich spiele gerne die 9 und ich spiele gerne die 10, aber ich liebe es wirklich, den Ball im Mittelfeld aufzunehmen und Dinge für andere zu kreieren, und einfach mehr am Ball zu sein. "

Vivianne Miedema

Eigentlich wollte sie nie Torjägerin werden, sondern fühlt sich auf der 10er Position zu Hause - ihre Torquote macht es ihr aber selbst schwer, dort eingesetzt zu werden. Bei dem letzten großen Turnier, den Olympischen Spielen in Tokio, war sie trotz des Viertelfinal-Aus der Niederlande die überragende Torjägerin, mit 10 Toren in 4 Spielen. Mit der Mischung aus dem Spielstil einer offensiven Mittelfeldspielerin und dem Torinstinkt einer wahren Nummer 9 will Miedema ihr Land diesen Sommer zur Titelverteidigung führen.

Karriere

Rekordspielerin seit Kinderschuhen

Dank ihres unübersehbaren Talents für das Toreschießen wurde Miedema von Anfang an auf der Mittelstürmer-Position eingesetzt. Schon in jungen Jahren sorgte sie in ihrem Heimatklub im 50000-Einwohner Städtchen Hoogeveen für Furore. Im Jugendbereich spielte sie, wie ihr Vater, als Nummer 10, war aber trotzdem immer die beste Torschützin des Teams. Ihr Talent blieb nicht verborgen, und bereits im Alter von 14 Jahren unterschrieb sie ihren ersten Profivertrag und debütierte bald darauf mit einem Doppelpack als jüngste Spielerin in der holländischen Liga. Kein schlechter Einstand, und in der Nationalmannschaft sollte es ähnlich kommen: Zwei Jahre später folgte das erste Spiel im Oranje-Trikot, in ihrem zweiten Spiel erzielte sie einen Hattrick. Seitdem, ab dem Alter von 17 Jahren, ist sie Stammspielerin in der Elftal.

All dies - eine Torquote von 1,13 Toren pro Spiel für den SC Heerenveen, Torschützenkanonen bei Junioren-Turnieren und ein massenweise Treffer für die "Oranje Leeuwinnen", brachte Miedema schnell den Ruf eines Jahrhundertetalents ein. 39 Klubs wollten sie verpflichten, der FC Bayern hatte die besten Argumente für sich. Bald wurden Vergleiche mit Arjen Robben, ebenfalls niederländisch und mit der Nummer 10 bei Bayern, oder mit ihrem Idol Robin van Persie, laut.

Erfolg mit dem Nationalteam, Legende bei Arsenal

Miedema ließ sich von dem medialen Rummel nicht beirren und traf einfach weiter, ob in der Bundesliga oder international. Der vorläufige Karrierehöhepunkt war die Heim-EM 2017, wo sie im Finale zwei Tore erzielte und den Titel sicherte.

Nach dem Turnier folgte der Schritt auf die Insel zu Arsenal, wo sie bereits jetzt den Status einer Vereinslegende inne hat. Kein Wunder bei mehr als 100 Toren für den Verein, dazu zahlreichen Assists. Was bei all den Quoten auch noch angemerkt werden muss: Miedema schießt nie Elfmeter, was die Zahlen noch beeindruckender macht. Nach Ende der 2021/22 Saison gab es angesichts ihres auslaufenden Vertrages einen großen Wirbel um einen möglichen Wechsel, am Ende entschied sie sich für den Verbleib. Ein ausschlaggebender Grund dafür war laut ihr die Möglichkeit, unter Trainer Jonas Eidevall im offensiven Mittelfeld statt als Sturmspitze zu spielen.

Für die Niederlande ist Miedema seit ihrem Hattrick mit 17 Jahren fast nie mehr als Nummer 10 eingesetzt worden, zu unersetzlich ist sie als Mittelstürmerin. Sie ist Rekordtorschützin des Landes, auch bei den Männern hat niemand ihre 92 Tore überboten. Bis zu den 100 kann es nicht mehr lange dauern

Offen über Druck und Erschöpfung

Bei all den Zahlen und Daten scheint es, als hätte es in Miedemas Karriere nur eine Richtung gegeben: nach oben. Sie hat aber auch ausführlich über den Druck, den der Medienhype und die Erwartungen an sie ausgelöst haben. Die Rekordtorschützin hat öffentlich über ihre Einsamkeit bei großen Turnieren, mentale Probleme und Erschöpfung gesprochen:

"Ich war körperlich erschöpft und fühlte mich geistig so leer. In meinem ersten Jahr bei Arsenal, nach der EM, habe ich mich sogar gefragt: Warum spiele ich noch Fußball? ""

Vivianne Miedema

Gerade im niederländischen Nationalteam ist Miedema der absolute Star, die Last der Tore liegt auf ihren Schultern. Sie hat ihre Rolle angenommen und bringt in großen Turnieren konstant sehr gute Leistungen, trotzdem wird es bei der EM für die Niederlande auch darauf ankommen, dass andere Spielerinnen Verantwortung übernehmen. Wenn Miedema als Spielmacherin und Spielentscheiderin zugleich fungiert, ist es ein großer Trumpf, sorgt aber auch für Abhängigkeit.

Spielstil

Stärken: Technik, Übersicht und Vielseitigkeit im Abschluss

Vivianne Miedema kann alles, was von einer modernen Stürmerin erwartet wird. Ihrem Spiel ist es anzusehen, dass sie am liebsten weiter hinten spielt, um ihre Technik und Übersicht noch besser einzusetzen. Für Arsenal spielte sie diese Saison viele Bälle hinter die Abwehrkette, wie dieses Beispiel gegen Manchester United zeigt (Minute 3:40)

Miedema hat eine exzellente Technik, sie kann dribbeln, sich im 1:1 durchsetzen und beherrscht so gut wie jede Art von Torschuss. Von Volley oder Distanzschuss über Kopfball bis hin zum Stochern aus kurzer Entfernung: Auch was ihre Art, Tore zu erzielen, angeht, ist sie sehr vielseitig. Selbst mit ihrem "schwachen" linken Fuß hat die 25-Jährige diese Saison 10 Treffer erzielt. Mit ihren 1,75 ist Miedema auch in der Luft, gerade mit Flugkopfbällen, eine Gefahr.

Schwäche: Abhängigkeit von Nebenspielerinnen

Kritiker werfen Miedema gerne vor, sie sei in großen Spielen oft unsichtbar. Auf Klubebene war das teilweise der Fall, denn in der Champions League kamen in acht Spielen nur zwei Tore zusammen. Für das Nationalteam allerdings ist davon auszugehen, dass sie wieder in den wichtigen Spielen zur Stelle ist. So war es auch etwa bei der EM 2017, als die Vorrunde für sie persönlich eher enttäuschend verlief, sie aber dann in den K.O-Spielen glänzte.

Richtig ist aber, dass Miedema, selbst wenn es ihr Anspruch ist, auch das Spiel zu leiten, in manchen Spielen mangels Hereingaben etwas in der Luft hängt. Lieke Martens und Jill Roord haben bereits viele Spiele mit ihr bestritten und kennen ihre Laufwege intuitiv, dieses Zusammenspiel wird auch diesen Sommer wichtig sein.

Einzigartiges Profil

Als Hybrid von effizienter Stürmerin und technisch begabter Mittelfeldspielerin - also eine Nummer 9,5 - weist Miedema ein einzigartiges Profil auf. Falls sie die Freiheit hat, sich auch von hinten einzuschalten und dabei vorne ihre Qualitäten als vielseitige Torjägerin einzubringen, kann die EM ein weiteres Turnier werden, dem Miedema ihren Stempel aufdrückt.


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