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Nach Toren wie diesem! Holtmanns Solo-Lauf verzückt den Pott!

Guido Müller
Dreht nach seinem Wahnsinns-Solo jubelnd ab: Gerrit Holtmann
Dreht nach seinem Wahnsinns-Solo jubelnd ab: Gerrit Holtmann / Frederic Scheidemann/Getty Images
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Ein Tor wie eine Hymne

Ob Herbert Grönemeyer die aus seinem Hit “Bochum” stammende Textzeile (“machst mit nem Doppelpass jeden Gegner nass”) aus gegebenem Anlass noch mal verändern wird, weiß man auch am Tag 1 nach DEM Tor an der Castroper Straße noch nicht genau. Anbieten würde sich ein "reißt mit nem Slalomlauf jede Abwehr auf" auf jeden Fall.

Andererseits wäre “Herbie” nicht zu dem wandlungsfähigen und deutschlandweit beliebten Sangeskünstler geworden, wenn er wegen jeder konjunkturellen Veränderung sein Opus re-launchen und durch eine “2.0-Version” ersetzen würde. 

Nein: “Bochum” (und das ganze gleichnamige Album aus dem Jahr 1984) steht wie ein Leuchtturm qualitativ hochstehender, intelligenter deutscher Pop-Musik im tosenden Ozean der nihilistisch und von der Angst des atomaren Endschlags geprägten Gesellschaft der frühen Achtziger. Und sollte von diesem Platz auch nicht mehr versetzt werden.

Wie sich die Zeiten verändert haben. Die Kumpels von damals, für die Gemeinsinn und Solidarität ihre Lebensversicherung beim tagtäglichen Abstieg in die vor Gefahren strotzenden Schächte bedeuteten, sind schon längst (und nachfolgerlos) in Rente gegangen und erfreuen sich in den Schrebergärten des Potts ihrer kärglichen Bergmannsrente. Gefördert wird hier nur noch der Strukturwandel. Ausgang: ungewiss! Quo vadis, du einstige "Blume im Revier"?

Das kohlegeschwärzte “Wir”-Gefühl von damals (von daher der “Doppelpass”) ist einem postindustriellen und multiethnischen “Ich und die Gesellschaften” gewichen. Was nicht unbedingt schlechter sein muss. Nur anders. 

Historiker werden in ein paar Jahrzehnten über die notwendigen Daten verfügen, um beide Epochen und ihre jeweilige Inzidenz auf die späteren Weltläufte miteinander vergleichen zu können..

Die Fußball-Experten unter ihnen werden sich dann der Doppelpässe aus den Achtzigern, der schrillen Individualität der Neunziger (erinnert noch jemand das quietschbunte und vom Lotto-Faber gesponserte VfL-Trikot der letzten Jahre vor dem Jahrtausendwechsel?) und der Rückkehr des Kollektivs (in neuem, multikulturellem Gewand) in den ersten Jahrzehnten des dritten Jahrtausend annehmen.

Schönheit, die ja immer auch im Auge des Betrachters liegt, werden sie in allen Epochen finden. 

Und dabei feststellen, dass zu Zeiten eines Tenhagen oder Lameck, eines Schreier oder Kuntz (heute würden die Fans dessen Namen bei jedem Ballkontakt mit langem “U” intonieren) ein Tor wie das vom Samstag gar nicht im Repertoire vorgesehen war. 

“Anne Castroper” war Disziplin erste Bürgerpflicht. Und Fehlervermeidung. Und natürlich Kampfbereitschaft bis zum Umfallen. Ein Platzwart wusste damals tatsächlich noch, wofür er bezahlt wurde. Heute werden die Rasen einfach halbjährlich ausgetauscht. Sie heißen auch nicht mehr nur einfach “Rasen” sondern “Hybrid Lawns”. Oder Schlimmeres. Andere Zeiten, andere Sitten.

VfL Bochum v 1. FSV Mainz 05 - Bundesliga
Bochumer Fans freuen sich über die Rückkehr in die Bundesliga und ein Tor, das dem Anlass entsprach! / Frederic Scheidemann/Getty Images

Die für diesen arbeitsorientierten Ansatz des Fußballspielens notwendigen Spieler hatte man in den Achtzigern jedenfalls in rauen Mengen zur Verfügung. 

Für den Hochgenuss der filigranen Kickerkunst wiederum hatte man ja die im Vierjahres-Takt ausgetragene Weltmeisterschaft mit den Ball-Artisten vom Zuckerhut, wie die Brasilianer damals von jedem zweiten deutschen Sportreporter in demütiger Bewunderung umschrieben wurden. Das brasilianische Verständnis vom Fußball war ein anderer als der hiesige. Und es schien damals, als ob dies auch für alle Zeiten so bleiben sollte.

Ein Gerrit Holtmann jedenfalls hätte den Ball, so wie er ihn am Samstagnachmittag in der 21. Spielminute erhielt, vor vier Dekaden noch anders verarbeitet. Vielleicht sogar mit einem Rückpass, dem eventuell ein weiterer gefolgt wäre - bis hin zu einem dankbar das Leder mit den Händen aufnehmenden Torwart Zumdick ("Katzen" waren schon immer opportunistisch!).

Doch vierzig Jahre (und mehrere globale Systemverschiebungen) später wäre das nicht wirklich eine Option für den gebürtigen Bremer (offenbar verschläft nicht nur der HSV die Talente vor der eigenen Haustür!) gewesen. 

Ein bisschen mehr Spektakel, ein wenig mehr Farbe darf es dann heutzutage schon sein. Es muss ja nicht gleich in eine chromatische Explosion wie Ende der Neunziger ausarten. 

Und ja - warum nicht? Warum nicht gleich den Ball-Zauber selbst verbreiten statt für seine Darbietung auf teure Südamerika-Exporte zu warten (für die in 44728 Bochum sowieso meistens kein Geld da ist). 

Ein Tor, Produkt der Reformen

Immerhin hatte die Neuausrichtung des deutschen Fußballs zur Jahrtausendwende ja einen gesamtnationalen, somit auch bis ins strukturell fast schon abgehängte Bochum zu spürenden Wirkungsanspruch. 

Dass sich Holtmann all dieser  Rand-Aspekte in dieser ominösen 21. Minute des gestrigen Heimspiels gegen den FSV Mainz (dem ersten Bundesliga-Kick “anne Castroper” seit elf Jahren) bewusst gewesen sein sollte, ist eher nicht anzunehmen. Wenngleich auch nicht in Gänze auszuschließen. 

Doch wessen er sich bewusst war, als er gestern entschied, den langen Weg vom Ausgangspunkt seines Laufes bis zum Ende mit dem Ball am Fuß zu bestreiten, mit instinktiver Spiellaune statt vorgeschriebener Disziplin, war die Tatsache, dass kleine Umwege bislang schneller zum Ziel führen als die gerade direkte Linie. 

Vor vierzig Jahren wussten sowas nur die Maradonas, Zicos und Co. 

Und so wie heutzutage Väter ihre Söhne, beim ersten gemeinsamen Stadion-Gang, mit Anekdoten über die gute, alte Zeit, über ihre Fußballer und deren Heldentaten (manchmal tatsächlich nicht mehr als ein simpler Dopppelpass!) versorgen, werden auch die Nachkommen irgendwann, in dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren davon schwärmen, wie Gerrit Holtmann für einen Moment zum Bochumer Messi wurde. 

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