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Uwe Seeler: Der Dicke wird 85 - und bleibt einer für alle!

Guido Müller
Denkmal neben Denkmal: Seeler neben dem Hamburger Michel
Denkmal neben Denkmal: Seeler neben dem Hamburger Michel / Tristar Media/GettyImages
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Dicker - ich darf dich so nennen, denn so nannten dich seit Kindertagen schon alle. Dabei bist du gar nicht dick gewesen, sondern einfach nur stämmig gebaut. Aber gegen deinen “Zwillingsbruder” (im Geiste, nicht vom Fleische her), Klaus Stürmer, der eher filigraner Konstitution war, warst du halt der Dicke. 

Zusammen mit ihm hast du schon gegnerische Verteidigungslinien eingerissen, als ich noch in Abrahams Wurstkessel schmorte, wie meine Eltern immer sagten. Flanke Stürmer, Kopfball Seeler - Tor. So einfach ging das damals beim HSV.

Bisweilen wechselte auch die Aufgabenverteilung, und du legtest auf. Lief meistens aufs selbe raus. Und der Torschrei aus zehntausenden Kehlen, anfänglich noch am Rothenbaum, später dann in der kühlen weil viel größeren Arena im Volkspark, war dann die krönende akustische Untermalung des erfolgreichen Spielzugs. 

Ich habe dich nie live spielen gesehen. Die Ungnade der späten Geburt. Dein Abschiedsspiel fand ein ganzes Stück vor meiner Ankunft auf diese Welt statt. Aber präsent warst du trotzdem schon sehr früh in meinem Leben.

A propos Abschiedsspiel: zu dem kamen an jenem 1. Mai 1972 so ziemlich alle Größen des damaligen Weltfußballs. Bobby Charlton, Gianni Rivera, George Best, Franz Beckenbauer, Eusebio - und 60.000 deiner treu ergebenen Fans.

Wenn das Volksparkstadion damals das Fassungsvermögen des Maracaná gehabt hätte (200.000), wär es wohl auch bis auf den letzten Platz gefüllt gewesen. 

Pelé als Bewunderer

Und dass O Rei es terminlich nicht einrichten konnte (denn er wäre ansonsten sicher gekommen), lag daran, dass die damalige Welt noch viel größer und in sich weniger vernetzt war als heute. Mal eben von Santos nach Hamburg jetten - das war vor knapp fünfzig Jahren nicht so leicht. 

Mit Pelé hab ich dann auch einen guten ersten Aufhänger gefunden. Denn dass der für viele beste Fußballer aller Zeiten auch Vorbilder gehabt hat, mag man fast gar nicht glauben.

Hatte er aber - und zwar dich. "Uwe ist Sportgeschichte", sagte der Brasilianer einmal gegenüber einem deutschen Journalisten. "Ich habe immer sein Kopfballspiel und seine Fallrückzieher bewundert. Er ist die Fahne des deutschen Fußballs."

Den vielleicht Größten aller Zeiten als Bewunderer zu haben, kann auch nicht jeder von sich behaupten. Darauf angesprochen, würdest du wahrscheinlich nur in der dir eigenen Bescheidenheit abwinken - und darüber, fast schon abtuend, lächeln. 

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Pelé (3. v.l.) und Seeler (re.) bei einer All-Star-Gala / SAMUEL KUBANI/GettyImages

Was sollte, in deinen Augen, auch schon groß dabei sein, das durch die Luft schwirrende Leder im richtigen Moment mit der Stirn zu treffen und anschließend ins Netz zu wuchten. Dafür hattest du ja das berühmte Kopfball-Pendel auf dem Trainingszentrum Ochsenzoll.

Günther Mahlmann

Aufgestellt hatte es Günther Mahlmann, der damalige Jugendtrainer des HSV. "Er ist der Mensch", hast du in deinem Buch Alle meine Tore geschrieben, "dem ich fast alles verdanke, was ich heute als Fußballspieler bin."

Und das war eine ganze Menge. Viel mehr als nur Kopfbälle. Von denen ich, wie gesagt, nur aus den Büchern lesen konnte.   

Kopfbälle

Natürlich haben Kopfballtore deine Karriere maßgeblich geprägt. Aber eben auch nur, weil dieser unbändige Wille in dir war, dich selbst zu übertreffen. Dich nie mit dem Status Quo zufrieden zu geben. Bei kleinerer Körpergröße muss eben mehr Sprungkraft her.

Und woher kam die? Aus unzähligen Extra-Trainingsschichten am Pendel. Mit der antreibenden Stimme Mahlmanns im Rücken. Und hopp - und komm, und hopp - und komm! Immer und immer wieder - dieser unbändige Wille.

Nur so konntest du diese Facette des Fußballs derart perfektionieren, dass du es irgendwann sogar hingekriegt hast, den Ball mit dem Hinterkopf, ohne das Tor zu sehen, im gegnerischen Kasten unterzubringen. So geschehen bei dem als "Revanche für Wembley" apostrophierten WM-Halbfinale 1970 im mexikanischen León. 

Denn eigentlich war der lang geschlagene Ball von Schnellinger schlichtweg nicht zu verarbeiten. Aber deine Ilka wusste es ja schon damals: 'Wenn einer so einen Ball veredeln kann, dann mein Dicker.' Obwohl ja auch der Bomber der Nation auf dem Platz stand, der dann in der Verlängerung tatsächlich für die Wiedergutmachung für die vier Jahre zuvor erlittene Niederlage sorgte. 

Uwe Seeler, Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Gerd Muller
Uwe Seeler (li, als Kapitän) und die deutsche Elf vor dem Viertelfinale gegen England bei der WM 1970 in Mexiko / Express/GettyImages

Wembley 1966

Und somit ist auch schon das nächste Schlagwort bezüglich deiner Karriere genannt. Das Finale des World Cup 1966 in England, im Londoner Wembley-Stadion, sollte eigentlich die Krönung deiner Laufbahn werden. 

Und auch wenn der Weltmeister-Pokal am Ende in den Trophäenschrank der Engländer wanderte - zum ersten und bis heute letzten Mal -, wurde dieses ominöse und per Phantomtor entschiedene Endspiel tatsächlich zu deiner Krönung.

Nämlich als Sportler. 

So sehr du dich nämlich im Inneren auch über die Fehlentscheidung des sowjetischen Linienrichters Tofik Bahramov geärgert haben magst, auf den der Schweizer Feldschiri Gottfried Dienst die Verantwortung abgeladen hatte, so sehr bewahrtest du in deiner bittersten Stunde die Contenance. 

Denn statt wie einige deiner Teamkollegen wütend-erregt auf den Fahnenträger an der Seitenlinie einzuwirken, die Entscheidung doch noch zurückzunehmen, sorgtest du mit beherztem Einsatz dafür, dass die Situation nicht eskalierte und die Mannschaft in toto das Fehlurteil des gebürtigen Aserbaidschaners hinnahm. 

Immerhin war ja die Queen unter den 80.000 Zuschauern. Und vor einer Königin benimmt man sich halt königlich und nicht wie eine Horde aufgebrachter Fußball-Rowdys.

Britische Etikette - vorgetragen ausgerechnet von einem Deutschen.

Diese Art, auch mit der Niederlage sportlich umzugehen, hat dir und den Deutschen an sich sehr viel Anerkennung im Ausland eingebracht. Viel mehr als es ein schnöder Pokal je zu schaffen vermag. 

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Bobby Moore und Uwe Seeler beim Wimpeltausch vor dem WM-Finale von 1966 / STAFF/GettyImages

Der Riss der Achillessehne

Dass du an jenem 30. Juli 1966 überhaupt auf dem Platz standest, war schon ein Wunder an sich. Denn knapp eineinhalb Jahre zuvor, im kalten deutschen Februar des Jahres 1965, hatte es "peng!" gemacht im Frankfurter Waldstadion.

Deine Ilka saß damals auf der Tribüne und hörte "einen Knall". Entsprungen war er deiner Achillessehne, die in einer harmlos erscheinenden Szene, irgendwo im Niemandsland des Mittelkreises, gerissen war. 

Eine solche Verletzung bedeutete zu deiner Zeit in den meisten Fällen das Aus für eine Fußballer-Karriere. Doch der Fußball-Gott, der auch bisweilen ungerecht sein kann, kannte deine Beharrlichkeit noch nicht. 

In sagenhaften sieben Monaten schafftest du es, nicht nur wieder auf die Beine zu kommen, sondern beim entscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden in Stockholm schon wieder auf dem Platz zu stehen. 

Eine Geschichte, die einem Drehbuchautor wegen zu großer Kitschigkeit um die Ohren gehauen würde, nahm ihren Lauf. Irgendwann in der 54. Minute, es stand 1:1 und somit Spitz auf Knopf, segelte eine Hereingabe in den Strafraum. Und du vertrautest darauf, dass deine gerade erste genesene Ferse halten würde - und setztest zum einen Spreizschritt an, der die Belastbarkeit so ziemlich aller deiner Bänder auf die größtmögliche Probe stellte.

Doch statt eines zu befürchtenden "peng" gab es Bruchteile nach dieser selbstlosen Aktion nur den Torschrei der mitgereisten deutschen Schlachtenbummler (so nannte man die Fans damals noch) zu hören. 2:1 für Deutschland - die Quali für England 1966 war geschafft. Auch weil du wieder einmal das Wohl der Mannschaft über das eigene gesetzt hattest. 

Diese Selbstaufopferung für das kollektive Ziel zog sich wie ein roter Faden durch deine gesamte Karriere. Wie auch deine Gradlinigkeit. Wenn der Weg, auf dem du schrittest, dir als der richtige vorkam, nahmst du keine Abkürzungen oder Schleichwege. Schon gar nicht suchtest du den Zugang zum schnellstmöglichen Ruhm. 

Die Offerte von Inter

Denn den hättest du unter Helenio Herrera, bei Inter Mailand, wahrscheinlich leichter gefunden als im noch semi-professionellen Umfeld des deutschen Fußballs Mitte der Sechzigerjahre. 

Der Eiserne aus Buenos Aires - ihm weniger zugetane Stimmen nannten ihn auch den Totengräber des Fußballs (weil er einst den Catenaccio erfunden haben soll) - konnte es gar nicht fassen, dass ein Mensch auf derart viel Geld verzichtet - und reiste nach drei Tagen vergeblicher Überredungskünste wieder völlig frustriert aus Hamburg ab. 

Helenio Herrera
Konnte "Uns Uwe" nicht von einem Wechsel zu Inter überreden: Helenio Herrera / Norman Quicke/GettyImages

Am nächsten Tag schrieb die Bild nur: "Uwe: Ich bleibe!" Eine ganze Stadt atmete auf - der Dicke blieb eine Rothose. 

In jenen Jahren wurde die Redewendung "Uns Uwe" geprägt. Nun warst du endgültig "Einer von uns". Passenderweise ist dies auch der Titel der sehenswerten Dokumentation von Reinhold Beckmann und Ole Zeisler, die am Mittwochabend ausgestrahlt wurde. 

Und wenn du für die Paulianer auch "nur" "Euch Uwe" bist - so schwingt selbst da noch Bewunderung mit. 

Für den Spieler und für den Menschen Uwe Seeler. 

Bleib wie du bist, Dicker. Einer von uns. Oder fast noch passender: einer für alle.

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