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Unterstützungs-Video des HSV für Sonny Kittel verkennt den Kern des Problems

Guido Müller
Sonny Kittel bei seinem Platzverweis gegen Hannover 96
Sonny Kittel bei seinem Platzverweis gegen Hannover 96 / Cathrin Mueller/Getty Images
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In der aktuellen Krise des Hamburger SV (übrigens als solche auch mittlerweile von den Verantwortlichen bestätigt) stellt Sonny Kittel eine Art Kristallisationspunkt dar. Ob die jüngste Aktion des Klubs daran etwas ändert, erscheint zweifelhaft.

Steigt man in die Tiefen des Netzes und liest sich, auch nur stichprobenartig, die Meinungen der User in den einschlägigen Foren durch, fällt ein Name in letzter Zeit immer häufiger: Sonny Kittel.

Diskrepanz zwischen Potential und realer Leistung ist zu groß - leider nicht nur bei Sonny Kittel

Von nicht wenigen als der beste Fußballer im Kader ausgemacht, ist das Problem des 27-Jährigen weniger sein Potential - als vielmehr das, was er daraus macht. Denn das ist auf Strecke eindeutig zu wenig.

In zu vielen Spielen ist das Spiel des Offensivspielers zu sehr von der inneren Handbremse geprägt. Aggressives Anlaufen beim Spiel ohne Ball, ständiges Anbieten (mit den dafür notwendigen Gängen in die freien Räume) bei eigenem Ballbesitz, um den nächsten Angriffszug einzuleiten - all das vermisst man seit zu langer Zeit bei Kittel.

Wenn dann auch noch fehlende Basics hinzukommen (schlampige Pässe, mangelhafte Ballverarbeitung), und diese Vakanzen durch übermäßig geschmücktes Beiwerk (wie Versuche, mit der Hacke weiterzuleiten oder Gegner per Tunnel lächerlich machen zu wollen) ebenfalls nicht kompensiert werden, entflammt schon mal der Zorn der Fans.

Da bringt auch eine sicherlich nett gemeinte Unterstützung nichts, wie sie der Klub seinem Spieler nun hat zukommen lassen wollen. Wohl auch aufgeschreckt durch die massive Kritik unter den Fans, hielt es der HSV für eine gute Idee, einfach mal fünf der schönsten Kittel-Tore im Dress des HSV zu tweeten. Versehen mit dem Hinweis "Fehler macht jeder - solche Tore machen nicht viele".

HSV-Tweet verkennt den Kern des Problems

Damit gibt der Verein zu verstehen, dass er nicht bis zum Kern der Vorwürfe der Anhänger gedrungen ist. Denn darüber, was Kittel potentiell zu leisten im Stande ist, brauchen wir nicht diskutieren. Ein fitter und bis in die Haarspitzen motivierter Kittel würde - nebenbei bemerkt - auch nicht nur dem HSV gut zu Gesicht stehen. Denn dann macht er auch Tore, wie in dem kurzen Best-of-Video vorgestellt.

Das Problem ist, dass Kittel momentan meilenweit weg von Fitness und Motivation zu sein scheint. Wobei dieses Problem keines ist, das Kittel exklusiv hat. Es ist vielmehr ein strukturelles Problem dieses Vereins, dass zu viele Spieler zu oft zu wenig aus ihren zweifellos vorhandenen Mitteln machen.

Die letzten fünf Spiele der aktuellen Spielzeit sind da nur ein Beispiel von vielen, die man aus der Vergangenheit als Beweis für diese These heranziehen kann. Der Begriff "Wohlfühloase" hat nicht zufällig in den letzten Jahren immer mehr Verwendung gefunden, wenn es um eine Analyse der grundlegenden Probleme in diesem Verein ging.

Hinter verschlossenen Türen muss auch mal Tacheles geredet werden

Als message nach außen - Stichwort: Wagenburgmentalität - mag der Vorstoß des Klubs sogar seinen Charme haben. Doch nur wenn ad intra, also hinter verschlossenen Türen, mit den Spielern auch mal Tacheles geredet wird. Denn ansonsten könnten auch die Fans ein Video mit dem zur Rote Karte gegen Hannover führenden Absurd-Foul Kittels tweeten. Unter der Überschrift: "Solche Fouls begeht auch nicht jeder!"

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