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FC Chelsea

Thomas Tuchel im Interview über Frank Lampard und seine Chancen im Profi-Bereich

Christian Gaul
Thomas Tuchel kam unglaublich schnell in London an
Thomas Tuchel kam unglaublich schnell in London an / Michael Regan/Getty Images
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Bevor Thomas Tuchel das Amt beim FC Chelsea übernahm, vergewisserte sich der Trainer bei den Londoner Entscheidungsträgern, ob sein Vorgänger Frank Lampard tatsächlich nicht mehr der richtige Mann sei.


Im Januar 2021 übernahm der deutsche Trainer Thomas Tuchel das Ruder beim FC Chelsea, nur wenige Monate später stemmte er den Henkelpott in die Luft. Im Jahr zuvor hatte er mit seinem Ex-Klub PSG das Finale der Champions League noch gegen den FC Bayern verloren. Doch mit den Blues triumphierte er in diesem Sommer gegen Manchester City - durch ein Tor von Landsmann Kai Havertz.

"Auf den Fußball bezogen war das natürlich der größte Moment meines Lebens", erinnerte sich Tuchel im Gespräch mit dem britischen Portal Soccer AM.

Dabei hätte er am Anfang seiner Trainer-Karriere gar Bedenken, es überhaupt in die Bundesliga zu schaffen.

"Als ich als Jugend-Trainer anfing, hätte ich nicht einmal davon geträumt, im Profi-Bereich arbeiten zu können. Damals waren gefühlt fast ausschließlich bekannte Ex-Profis und Ex-Nationalspieler als Trainer in der Bundesliga akzeptiert. Und jetzt stehe ich hier", beschrieb Tuchel, der zu seiner aktiven Zeit lediglich acht Spiele für die Stuttgarter Kickers in der 2. Bundesliga bestreiten durfte, die Lage der Liga zum Jahrtausend-Wechsel.

German first division Bundesliga footbal
Jung und aufstrebend - Tuchel als Mainzer Chefcoach / THOMAS LOHNES/Getty Images

Nach fast fünf Jahren als Jugendtrainer beim VfB Stuttgart übernahm Tuchel ab dem Sommer 2005 die U19 des FC Augsburg, wo er in der Folge auch als Nachwuchskoordinator und Trainer der zweiten Mannschaft aktiv war.

Im Sommer 2008 wurde Tuchel dann als Trainer der U19 des 1. FSV Mainz 05 vorgestellt, nur ein Jahr später saß er bereits auf dem Chefsessel der dortigen Profis. Weitere fünf Jahre später ging es dann zum BVB, wo er zwar den DFB-Pokal holte, jedoch scheinbar den Dortmunder Verantwortlichen nicht zahm genug war.

Danach zog es ihn dann in die Modestadt Paris zum katarischen PSG, nur rund sechs Monate nach der beschriebenen Final-Niederlage gegen die Münchner wurde er dort jedoch auch freigestellt.

Glücklicherweise wurde jedoch kurz darauf eine Stelle in der Premier League frei, da der FC Chelsea mit seinem Spieler-Idol Frank Lampard wohl nicht den richtigen Trainer installiert hatte.

Tuchel erkundigt sich nach Lampard - im Training gibt es Tennisbälle

Tuchel übernahm jedoch erst von seinem Vorgänger, nachdem er sich bei den Londoner Verantwortlichen explizit erkundigt hatte, ob Lampard tatsächlich gehen sollte.

"Ich hatte sie gefragt, ob sie sich sicher seien, also ob er nicht einfach noch mehr Zeit benötige oder ob man nicht zuerst auf die Rückkehr der Zuschauer warten wolle. Wir hatten uns auch die Spiel-Daten angesehen und nicht alles war verdient zustande gekommen. Die fehlenden Zähler waren teilweise auch einfach pures Pech. Sie sagten dann jedoch, dass sie eine Entwicklung sehen, die ihnen nicht gefällt und dass die Entscheidung stehen würde", erklärte Tuchel.

Mittlerweile ist er sich jedoch sicher, den richtigen Schritt getätigt zu haben.
"Was für ein Klub! Wir haben einen so unglaublich starken Support. Der Verein ist super organisiert und der Kader ist klasse. Jeder einzelne Tag war bislang eine Freude", so der 48-Jährige über den FC Chelsea.

Ausschlaggebend für ein Engagement bei den Blues war dabei jedoch nicht nur seine Arbeit in der Bundesliga oder in Paris. Vielmehr wollten die Chelsea-Entscheider auch auf die kreative Natur und die Innovationen des Deutschen im Bereich der Trainingsgestaltung bauen.

Thomas Tuchel
Thomas Tuchel mit dem Henkelpott / Matthew Ashton - AMA/Getty Images

Denn auch in London dürfen sich die Profis nun über ungewöhnliche Abläufe im ansonsten oft drögen Alltag freuen. Tuchel ließ schon in Mainz und Dortmund oft bizarr erscheinende Übungen auf seine Spieler los. Verteidiger mussten mit halben Tennisbällen in den Händen in die Zweikämpfe gehen, statt dem runden Leder wurde gegen Medizinbälle oder Tennisbälle getreten.


Tuchel will mit diesen Methoden erreichen, dass die Spieler eine gewisse Eigenverantwortung entwickeln, wenn sie während einer Partie auf unbekannte oder nicht vorhersehbare Widerstände stoßen - und den ansonsten geforderten Ernst ihrer Profession für eine kurze Zeit vergessen können.

"In erster Linie geht es auch um den nötigen Spaß an der Sache und neue Herausforderungen. Die Spieler sind zudem sehr neugierig, Dinge auszuprobieren. Es dreht sich immer um Anpassung an Ungewohntes. Man muss jedoch nicht hinter jeder Methodik einen ganz speziellen Gedanken vermuten. Grundsätzlich geben wir den Spielern Aufgaben, die sie auf ihre eigene Art lösen sollen. Ich glaube, auf dem höchsten Level brauchst du unglaublich viele Mittel, um die Fragen, die dir dein Gegenspieler stellt, beantworten zu können", vereinfachte Tuchel die ihm nachgesagte Schrägheit.

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