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Thomas Meunier: In Dortmund als Coup gefeiert, in Paris verschmäht - Warum ist das so?

Thomas Meunier
Die Meinungen über Thomas Meunier gehen auseinander. Wird der Neuzugang von Borussia Dortmund unterschätzt? | Quality Sport Images/Getty Images

Borussia Dortmund hat für den Abgang von Achraf Hakimi vorgesorgt. Bereits bevor feststand, dass der Außenverteidiger nach dieser Saison nicht mehr für den BVB auflaufen wird, gab der Verein die Verpflichtung von Thomas Meunier bekannt. Die Reaktionen aus dem eigenen Fan-Lager fielen positiv aus, die Anhänger von Paris SG freuten sich derweil in den sozialen Medien über den Weggang des Belgiers. Die Meinungen gehen stark auseinander - doch warum ist das so?

Die Position des Außenverteidigers ist im modernen Fußball sehr anspruchsvoll. Auf der Außenbahn sind sie eine wichtige Schnittstelle im Offensiv- und Defensivspiel. Sie rücken ins Zentrum ein oder überlaufen den Flügelspieler, marschieren bis an die Grundlinie und spielen flache Hereingaben oder schlagen hohe Flanken, gleichzeitig müssen sie ihr Risiko aber auch stets kalkulieren, um Gegenstöße des Gegners über ihre Seite zu verhindern. Und nicht zuletzt müssen sie sich in Eins-gegen-eins-Situationen im eigenen Drittel behaupten und die Außenbahn dicht machen.

Es braucht also ein breites Skillset. Dieses beinhaltet im Optimalfall ein sehr gutes Positionsspiel, eine gute Wahrnehmung des defensiven und offensiven Raumes, gute Tiefenläufe, technische Qualitäten bei der An- und Mitnahme des Balles sowie eine gute (Vor-)Orientierung mit Blick auf das folgende Zuspiel, Robustheit, Defensivqualitäten und Pressingresistenz - denn nicht selten ist es der Fall, dass die Außenverteidiger im Aufbau bewusst vom Gegner isoliert werden, um diese überfallartig zu attackieren und den Ball zu erobern.

Unbeweglich, mangelndes Spielverständnis, schwache Flanken - Die Kritik an Meunier ist groß

Eine Mischung aus Dani Alves und Philipp Lahm ist wohl der Prototyp des modernen Außenverteidigers. Hoch angesehen werden in der aktuellen Generation Andrew Robertson, Trent Alexander-Arnold, Dani Carvajal und Alphonso Davies. Bei Thomas Meunier scheiden sich hingegen die Geister. Insbesondere in Frankreich werden seine Leistungen durchschnittlich bis negativ bewertet.

Ein großer Kritikpunkt ist die körperliche Statur. Mit einer Körpergröße von 1,90 Metern ist Meunier für einen Außenverteidiger überdurchschnittlich groß, zudem verfügt er über eine breite Statur. Aufgrund dessen hat Meunier laut unseren Kollegen von 90min Frankreich neben Defiziten in der Sprintgeschwindigkeit auch Probleme mit wendigen und quirligen Flügelspielern, die über einen schnellen Antritt verfügen - passende Beispiele aus der Bundesliga wären Jadon Sancho, Kingsley Coman und Moussa Diaby. Daher ziehe Meunier des Öfteren das Foul, um den Durchbruch über seine Außenbahn zu verhindern.

Zudem wird sein Spielverständnis kritisiert. Meunier verfügt über eine hohe Ausdauer und eine hohe Laufbereitschaft in beide Richtungen, doch weder sein Positionsspiel noch seine Tiefenläufe werden als profitabel angesehen. Speziell in einer Fünfer- respektive Dreierkette sorgen die Außenverteidiger für Breite und Tiefe im Angriff - gefährliche Räume besetzt Meunier aber seltener als gefordert. Und wenn er anspielbar ist, lassen seine Flanken die nötige Präzision vermissen. Wirklich gefährlich wird es deshalb nur selten. In den vergangenen beiden Spielzeiten lieferte er fünf Torvorlagen in der Ligue1, Achraf Hakimi sammelte hingegen allein in dieser Spielzeit zehn Vorlagen in der Bundesliga.

Weitere Minuspunkte sammelte Meunier aufgrund seines Auftretens in der Öffentlichkeit. So habe er Neymar und Kylian Mbappé öffentlich für die mangelnde Defensivbeteiligung kritisiert und sei in einen Zwist mit Thomas Tuchel geraten, weil der Trainer ihm dazu geraten habe, seine Meinungen nicht mehr dauerhaft in der Presse zu äußern und taktische Elemente im Vorfeld einer Partie zu verraten. PSG kann deshalb offenbar gut darauf verzichten, ihn in der Champions League einzusetzen.

BVB freut sich über Erfahrung - reicht das für Titel aus?

In Dortmund wird Meunier mit offenen Armen empfangen. "Thomas Meunier ist ein Spieler, der seine Qualität auf höchstem Niveau unter anderem in der Champions League und in der Nationalmannschaft über einen langen Zeitraum hinweg nachgewiesen hat und uns mit seiner Erfahrung richtig guttun wird", wird Sportdirektor Michael Zorc auf der Vereinswebsite zitiert.

Seit zwei Jahren verpflichtet der BVB zusätzlich zu jungen und talentierten Spielern erfahrene Profis, um eine gesunde Balance herzustellen. Nach Axel Witsel, Thomas Delaney, Mats Hummels und Emre Can ist Meunier Neuzugang Nummer fünf, der dieses Kriterium erfüllt; zudem wurde noch einmal der Vertrag mit Lukasz Piszczek verlängert.

Wie wichtig Erfahrung im Titelkampf ist, haben Spitzenvereine wie der FC Barcelona, Real Madrid, Bayern München oder Juventus Turin in der Vergangenheit zu Genüge unter Beweis gestellt. Aufgrund der großen Sehnsucht nach Silberware hat sich auch der BVB zu mehr Erfahrung entschieden, darüber hinaus bringt der Meunier-Transfer aufgrund des ausgelaufenen Vertrages ein relativ geringes finanzielles Risiko mit sich. Allerdings ist der 28-jährige Belgier kein Überflieger wie Hakimi, sondern vielmehr eine solide und robuste Alternative, die sich im besten Fußballer-Alter befindet.

Daraus kann sich durchaus eine Erfolgsgeschichte entwickeln, schließlich schießt die Offensive auch mit einem eher verhaltenen Rechtsverteidiger genügend Tore. Doch andererseits wird somit die Entwicklung von Mateu Morey blockiert. Der junge Spanier zeigte in den vergangenen Wochen gute Ansätze, hätte in der neuen Saison mehr Spielpraxis verdient; doch Meunier wird mit dem Selbstverständnis antreten, jedes Spiel zu bestreiten. Ob der BVB mit ihm einen Volltreffer gelandet hat, wird er aber erst beweisen müssen.