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Super League: Erst Blutsbrüder, dann Lachnummern

Fans bringen ihren Unmut zum Ausdruck
Fans bringen ihren Unmut zum Ausdruck / Sebastian Frej/MB Media/Getty Images
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Noch vor dem ersten Anstoß ist das Projekt Super League bereits Geschichte. Fans, Politiker, Spieler, Verbände und Vereine hatten sich gegen die Super League positioniert und ein Umdenken bei den meisten der zwölf Klubs bewirkt. Für die Vereine, die UEFA-Präsident Aleksander Ceferin als "dreckiges Dutzend" bezeichnete, ist die Entwicklung der letzten Tage ein riesengroßer Imageschaden.


"Zwischen unseren Klubs gibt es eine Blutsbrüderschaft, wir machen weiter", sagte Andrea Agnelli noch am Mittwochmorgen im Interview mit der Zeitung La Repubblica. Ein sehr gewagtes Statement zu einem Zeitpunkt, als sich alle sechs Super-League-Klubs aus England bereits wieder von diesem Projekt distanziert hatten. Andrea Agnelli ist nicht nur Mitglied im Vorstand von Fiat und der Investmentgesellschaft Exor, sondern auch Präsident von Juventus Turin. Er war maßgeblich daran beteiligt, dass am Montagmorgen um 0.22 Uhr ein neues Kapitel im europäischen Fußball angekündigt wurde: der Start der Super League oder mit anderen Worten die größte Luftnummer im Profifußball aller Zeiten.

Agnelli sollte Vizepräsident der Super League werden und scheint immer noch begeistert von der Idee zu sein. Doch eine Liga braucht vor allem Teilnehmer – die fehlen mittlerweile. Im Laufe des Mittwochs stiegen Atletico Madrid, der AC Mailand und Inter Mailand aus der Super League aus. Agnellis Juventus erklärte, dass man den Plan vorerst aufgebe. Lediglich die beiden hochverschuldeten spanischen Vereine Real Madrid und der FC Barcelona haben noch nicht ihren Rückzug erklärt.

Ein paar Stunden später hörte sich Agnelli schon ganz anders an. Auf die Frage, ob die Super League nach dem Ausstieg der englischen Vereine trotzdem umsetzbar sei, sagte er am Mittag der Nachrichtenagentur Reuters: "Um offen und ehrlich zu sein: Nein, das geht offensichtlich nicht." Der 45-Jährige sei jedoch weiterhin der Meinung, dass der europäische Fußball Veränderung brauche. "Ich bleibe überzeugt von der Schönheit dieses Projekts. Aber ich muss zugeben, dass dieses Projekt jetzt nicht mehr läuft." Mangelnde Ehrlichkeit konnte man ihm in diesem Interview zumindest nicht vorwerfen, als er verriet: "Ich glaube nicht, dass unsere Branche im Allgemeinen besonders aufrichtig, vertrauenswürdig oder zuverlässig ist."

Widerstand der Fans

Jordan Henderson, Spieler des FC Liverpool, hatte am Dienstagabend bei Twitter seinen Unmut über das Projekt kundgetan: "Wir mögen es nicht und wir wollen nicht, dass es so kommt", schrieb der 30-Jährige. "Das ist unsere gemeinsame Position." Das Statement wurde von zahlreichen seiner Mitspieler geteilt. Auch der Widerstand der englischen Fans trug zum Scheitern der Super League bei.

Vor der Partie zwischen dem FC Chelsea und Brighton & Hove Albion hatten sich die eigenen Anhänger dem Bus des FC Chelsea in den Weg gestellt und ihrem Heimteam die Zufahrt ins Stadion verwehrt, sodass das Spiel erst 15 Minuten später angepfiffen werden konnte. Nicht nur Fans aus ganz Europa, etliche Verbände, Vereine und Spieler hatten in den letzten Tagen ihren Widerstand gegen die Super League deutlich gemacht, sondern auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der britische Premierminister Boris Johnson.

"Es darf und sollte gelacht werden", titelte die Süddeutsche Zeitung im Hinblick auf die gescheiterten Super-League-Entwickler. Freilich haben nicht nur Agnelli und Juventus Turin einen hochgradigen Imageschaden erlitten, sondern auch die Bosse der anderen Klubs. Selten zuvor sind aus "Blutsbrüdern" so schnell globale Lachnummern geworden. Das monetäre Band, das alle Teilnehmer zusammenhielt, ist nach nicht einmal drei Tagen gerissen.


Ein Text von Nikolas Pfannenmüller.

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