Frauen-EM

Stina Blackstenius: Turnierspielerin mit Schnelligkeit, Robustheit und Effizienz

Helene Altgelt
Portugal  v Sweden - Algarve Cup 2022
Portugal v Sweden - Algarve Cup 2022 / Visionhaus/GettyImages
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Kopfbälle, Freistöße, Fallrückzieher, Abstauber: Tore wird es bei der EM 2022 reichlich geben. Aber wer kann sich am Ende die Torjägerkrone aufsetzen? 90min wirft einen Blick auf die vielversprechenden Kandidatinnen: Von Kunstschützinnen über kreative Köpfe bis hin zu Kopfballmonster. Im vierten Teil geht es um Schwedens Sturmspitze Stina Blackstenius


Déjà-vu im Finale?

Ein Finale mit Schweden gegen Spanien, Jorge Vilda an der Seitenlinie und Stina Blackstenius entscheidet das Spiel: Nicht das unwahrscheinlichste Szenario für das Finale der EM, das am 31.7. im Wembley-Stadion steigen wird. Tatsächlich ist dieses Szenario vor ziemlich genau sieben Jahren, im Juli 2015 bei der U19-EM, bereits eingetreten. Schweden gewann mit 3-1 durch zwei Kopfballtore von der an diesem Abend unstoppbaren Blackstenius, die Filippa Angeldahl auch noch das dritte Tor auflegte. Jorge Vilda erklärte nach dem Spiel, gegen dieses Schweden zu spielen sei wie gegen ein Team mit Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi anzutreten. "Wenn sie so viel besser sind als der Rest, ist es schwierig dagegenzuhalten".

Seine Defensive bekam die schwedische Nummer 9 nie in den Griff, ständig entwischte sie den Verteidigerinnen oder schlich sich in den Rücken der Abwehr. Ein kleiner Trost für sie war es immerhin, dass sie nicht die einzigen waren, denen es so ergangen war: In der Qualifikation für das Turnier und der Endrunde hatte Blackstenius 20 Tore in zehn Spielen erzielt und wurde zur besten Spielerin gekürt. Auf die besten Torschützinnen der U19-EM, die aktuell in Tschechien stattfindet, sollte man generell ein Auge haben - im Jahr vor Blackstenius war es Vivianne Miedema, danach Marie-Antoinette Katoto.

Sieben Jahre später könnte sich die Geschichte wiederholen. Neben Blackstenius stehen auch einige weitere Spielerinnen, die bereits für Schweden an der U19-EM teilgenommen haben, in Peter Gerhardssons Kader. Nathalie Björn etwa, die damals Kapitänin war, oder Filippa Angeldahl, heute bei Manchester City. Auch heute ist Blackstenius mit ihren Treffern wichtig für das Team, auch wenn ihre Torquote seit der Jugend gesunken ist: Während es in der U19 im Schnitt mehr als ein Treffer pro Spiel war, stehen im A-Nationalteam 25 Tore in 76 Spielen zu Buche. Aber große Turniere liegen Blackstenius: Bei den Olympischen Spielen traf sie fünfmal und gab einen Assist, darunter ein Doppelpack gegen die USA.

Karriere

Bei Blackstenius' Torquote in den Jugend-Teams wirkt es, als habe es an einer Profikarriere bei ihr nie Zweifel geben können. Tatsächlich aber entschied die 26-Jährige sich erst mit 15 Jahren für den Fußball, Blackstenius ist nämlich auch eine sehr gute Handballspielerin. Dass es im Fußball hoch hinaus gehen kann, wurde ihr aber klar, als sie für ihren Heimatclub Vadstena GIF in einer Saison 38 Tore erzielte. Daraufhin verpflichtete sie der erstklassige Verein Linköpings FC, mit dem sie 2016 die Damallsvenskan gewann, zusammen mit Fridolina Rolfö, Magdalena Eriksson, Jonna Andersson und Pernille Harder. Blackstenius erzielte hinter Harder die zweitmeisten Tore (20).

Das talentierte Team von Linköpings hatte keinen Bestand, schon bald zog es die besten Spielerinnen nach England, Deutschland oder Frankreich. Blackstenius ging im Winter 2017 den Schritt zu Montpellier und entschied sich gegen Bayern, Chelsea oder Paris. Nach anderthalb guten, aber nicht überragenden Saisons, fand sie sich schließlich auf der Bank wieder und entschloss sich zu einem Wechsel zurück zu Linköping.

Gerade noch rechtzeitig, um wieder in Form für die WM 2019 zu kommen. Unter der Zeit in Frankreich hatte ihr Selbstbewusstsein sehr gelitten, auch bei der Weltmeisterschaft blieb Blackstenius zunächst in der Gruppenphase torlos, bevor sie gegen Kanada und Deutschland in der K.o.-Phase wichtige Tore erzielte.

Nach einem Wechsel zum schwedischen Topclub Häcken, mit dem sie 2020 die Liga gewann, folgte dieses Jahr der erneute Schritt ins Ausland, zum FC Arsenal. Eine wichtige Entscheidung für Blackstenius, nach ihrer nicht nur positiven Erfahrung bei Montpellier, bei der sie von Heimweh und Zweifeln geplagt war, wie sie erzählt. Für eine Einschätzung ist es vielleicht noch zu früh und sie braucht noch Zeit, um sich komplett an die Liga zu gewöhnen, aber Blackstenius hat in der Rückrunde sechs Tore erzielt und ihr Zusammenspiel mit Miedema, mit der sie in der Gruppenphase zusammentreffen wird, funktionierte teilweise schon sehr gut.

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Jetzt wieder Gegenspielerinnen: Stina Blackstenius und Vivianne Miedema / CHRISTOPHE SIMON/GettyImages

Spielstil

Blackstenius' Stärken und Schwächen sind eigentlich recht schnell beschrieben: Sie macht das, was eine Stürmerin machen soll - Tore schießen - sehr gut. Darüber hinaus macht sie nicht viel mehr. Blackstenius ist keine Stürmerin, die zu Sololäufen über den ganzen Platz neigt, gerne auf die Flügel ausweicht oder in das Spiel eingebunden ist wie eine Mittelfeldspielerin. Sie bleibt meist vor dem Ball und ist die Anspielstation ganz vorne. Dort macht sie viele Bälle fest und lauert auf die Lücke im richtigen Moment. Wie sie es im Gespräch mit Alina Ruprecht beschreibt, hat sie drei große Qualitäten:

"Ich bin physisch stark, schnell und will viele Läufe in die Tiefe machen."

Stina Blackstenius

Blackstenius' Physis hilft ihr dabei, vorne anspielbar zu sein und sich in der Luft durchzusetzen. Ihre 40 Prozent gewonnenen Luftzweikämpfe sind für eine Stürmerin ein guter Wert. Sie ist mit ihrer Kopfballstärke, die sie ja schon bei der U19-EM unter Beweis gestellt hatte, für Schweden bei Ecken und Freistößen wichtig. Außer ihr hat das Team von Peter Gerhardsson nach Flanken nicht viele Anspielstationen. Auch gegen Verteidigerinnen setzt sie ihre Robustheit geschickt ein, um den Ball abzuschirmen.

Ihre Schnelligkeit ist besonders gegen hoch stehende Gegner wie die Niederlande von Vorteil. Diese Qualität nutzt sie oft, wenn sie sich aus dem Rücken der Abwehr wegschleicht und dann auf einmal das Tempo anzieht. Blackstenius' Merkmal ist auch hier die Effektivität. Sie ist nicht die Spielerin mit den meisten Sprints, aber sie weiß, wann es sich lohnt, ihr Tempo zu nutzen. Besonders beim schwedischen Nationalteam ist sie gut mit ihren Mitspielerinnnen abgestimmt und weiß, wie das Timing für ihre Läufe aussehen muss. Pro 90 Minuten nimmt sie durchschnittlich 2,65 lange Bälle an und ist bei Kontern ein wichtiger Punkt im Angriff.

Wenn Schweden im Ballbesitz ist, ist sie meistens nicht so sehr eingebunden wie andere Stürmerinnen, sondern wartet eher auf die eine Gelegenheit. Dann aber ist sie kaltschnäuzig und lässt wenige große Chancen aus - in den Spielen für das Nationalteam war ihr xG 20, sie hat 25 Tore erzielt. Von ihren Schüssen gehen außerdem 53,6 Prozent aufs Tor, der Bestwert im schwedischen Nationalteam.

Blackstenius versorgt ihre Mitspielerinnen also weniger mit Assists, und ihr Verbesserungspotenzial liegt in dem Zusammenspiel mit anderen. Ihre Flanken etwa sind meist ungenau (15% Genauigkeit) und dass sie oft weit vorne positioniert ist und auf ihre Chance in Form eines Abprallers oder eines langen Balls wartet, bedeutet auch, dass es mit einem exzellenten Deckungsverhalten möglich ist, sie aus dem Spiel zu nehmen. Über 90 Minuten wird es allerdings schwierig, gegen ihre Schnelligkeit, Robustheit und Läufe in die Tiefe anzukommen. Jorge Vilda kann davon ein Lied singen.


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