Schwere Verletzung mit vielen Variablen - Ein ehrliches Gespräch mit Julia Eyre über Kreuzbandrisse und die Folgen

Alina Ruprecht
Gaspafotos/MB Media/GettyImages
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Es ist eine Szene, die Fußball-Fans in diesem Jahr zu oft gesehen haben: eine Spielerin verdreht sich auf dem Rasen das Knie und geht zu Boden. Unter großen Schmerzen muss sie das Spielfeld verlassen. Schon wenige Tage später verkünden die Vereine die niederschmetternde Diagnose: Kreuzbandriss. MedizinerInnen gehen davon aus, dass Fußballspielerinnen ein vier- bis fünfmal so hohes Risiko haben, diese schwere Verletzung zu erleiden, als ihre männlichen Kollegen.

Bei Fans und Verantwortlichen steigt das Bewusstsein für die Diagnose Kreuzbandriss. Zeitgleich gibt es auch mehr Informationen zu den medizinischen Hintergründen der schwerwiegenden Ruptur. Doch nicht nur aufgrund ihrer Anatomie sind Profi-Fußballerinnen derart häufig von schweren Knieverletzungen betroffen. 90min hat mit Performance Coach und Sportpsychologin Julia Eyre ein exklusives Gespräch geführt. Sie berichtet von gravierenden Problemen im Training vieler Spielerinnen, sowie schockierenden Missständen im Fußball der Frauen.

Kleine Sehne, große Verletzung

Das drei bis vier Zentimeter lange Kreuzband sorgt für Stabilität im Knie und verbindet unter anderem Ober- und Unterschenkel miteinander. Reißt es, durchlebt die betroffene Person große Schmerzen und einen langwierigen, herausfordernden Reha-Prozess. Julia Eyre erklärt, dass es nicht einen spezifischen Grund für Kreuzbandrisse gibt. Vielmehr sei es ein unheilvolles Zusammenspiel mehrerer Variablen.

Neben dem weiblichen Zyklus nennt die Sportwissenschaftlerin mangelhafte Ressourcen als eine zentrale Ursache. "Viele Spielerinnen beginnen viel zu spät mit dem Krafttraining", erklärt sie. "Die können froh sein, wenn sie mit 18 Jahren eine Fitnessstudio-Mitgliedschaft kriegen, oder der Verein es anbietet. Im Athletiktraining geht es darum, langfristig Kraft aufzubauen durch langsame Steigerung und Bewegung außerhalb des Fußballs."

Anders als männliche Fußballer durchlaufen nicht alle Spielerinnen eine Vereinsakademie bzw. ein Nachwuchsleistungszentrum. Fehlen diese Strukturen in jungen Jahren, beschränkt sich das Training vieler auf das mit der Mannschaft. "Das liegt natürlich an fehlenden Investitionen", sagt Eyre. "Viele denken 'Frauenfußball ist nicht so körperlich, Krafttraining braucht es da nicht'." Doch dem ist nicht so. Das Knie ist von Muskelmasse umgeben, die, je kräftiger sie ist, das Gelenk vor Verletzungen schützen kann. Fehlt diese Muskulatur oder ist sie unzureichend trainiert, steigt das Risiko unter anderem für Bänderrisse.

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Fehlendes Krafttraining in der Jugend erhöht das Verletzungsrisiko / Noam Galai/GettyImages

Alles eine Frage des Athletiktrainings?

Eyre fährt fort: "Die Jungs fangen im Nachwuchsleistungszentrum im Alter von zwölf Jahren mit dem Athletik- und Krafttraining an. Viele Mädels werden mit 18 dagegen von einem Sportstudenten trainiert oder ziehen alleine ins Fitnessstudio los." Dort fehlten ihnen oft die Vorgaben und Erklärungen, um effektiven Muskelaufbau zu betreiben. "Da gibt es keine Steigerung", bemängelt die Sportwissenschaftlerin. "Die Intensität ist normalerweise viel zu hoch oder viel zu niedrig. Das trägt nicht zu Verletzungsprävention bei."

Wie steht es um das Bewusstsein der Frauen-Vereine für diese Problematik? Eyre zufolge liegt das Problem nicht beim Team-Staff, sondern bei den TrainerInnen. "Es ist schwer, sie zu überzeugen, Zeit in Athletik-, Stabilitäts- und Schnelligkeitstraining zu investieren", erklärt sie. Bis zum ersten Kreuzbandriss in der Mannschaft verstünden viele nicht, wie hilfreich die Übungen im Kampf gegen schwere Verletzungen seien.

Hinzu kommt, dass nach der ersten Ruptur im Knie das Risiko auf eine zweite enorm ansteigt. Laut der Sportwissenschaftlerinnen liegt das auch an Fehlern im Reha-Prozess. Teils fehlt den betroffenen Spielerinnen dort ausreichend professionelle Unterstützung, aber auch geeignete Einrichtungen und Ressourcen.

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Ressourcen sind der springende Punkt für ein gesundes Athletiktraining / Hugh Hastings/GettyImages

Fehlender Fokus und Forschung

Hinzu kommt ungenügende Ursachenforschung. Passierte der erste Kreuzbandriss durch eine anatomische Fehlstellung, Fehler im Bewegungsablauf oder Training, Kontakt oder zu viel Stress? Wird den Hintergründen nicht nachgegangen, verschleppen die Betroffenen sie zu häufig in der Reha.

Diese liefe zu häufig in standardisierten Prozessen ab, statt individuell auf die Sportlerin angepasst zu werden, kritisiert Eyre. "Dann kommen die Spielerinnen zurück und haben die originale Problematik nicht korrigiert." Stress ist eine der zentralen Variablen, die zu schweren Verletzungen im Fußball der Frauen führt.

Zahlreiche Spielerinnen sind keine Vollzeit-Profis, was sich vor allem in ihrer Bezahlung spiegelt. Aufgrund dessen gehen viele von ihnen neben dem Fußball einem zusätzlichen Job nach, studieren oder besuchen eine Schule. Dies wirkt sich auf die Zeit aus, die die Spielerinnen in die Reha oder zusätzliches Training außerhalb der Mannschaften investieren können. "Präventiv, proaktiv zu arbeiten ist vielen nicht möglich", wirft die Sportwissenschaftlerin auf.

Alexandra Popp, Viktoria Schwalm
VfL Wolfsburg gegen Turbine Potsdam: Vollzeit-Profis gegen ein Team, in dem die Spielerinnen einem zweiten Job nachgehen / Matthias Kern/GettyImages

…und in der Frauen-Bundesliga?

Auch in der höchsten deutschen Spielklasse fehlen derzeit mehrere Spielerinnen ihren Vereinen mit einem gerissenen Kreuzband. Julia Eyre berichtet, dass sich aus ihrer Sicht besonders bei den Top-Vereinen der Frauen-Bundesliga vieles verbessert habe. Anderen Mannschaften fehle dagegen ein fest angestellter Athletik-Coach. Stattdessen würde diese Aufgabe von Externen, Sportstudenten und Mini-Jobbern ausgeübt.

"Die meisten machen nur Spieltraining, tracken dabei aber nicht die Belastungsvariablen", bemängelt sie. "Um Technologien dafür zu kaufen und einzusetzen, braucht es mehr Ressourcen und Gelder." Im Allgemeinen findet Eyre es "gruselig", zu wie vielen Verletzungen es in der Frauen-Bundesliga komme. "Ich würde sagen, dass Kreuzbandrisse nicht unbedingt öfter passieren als andere Blessuren, zum Beispiel Muskelfaserrisse", wirft die Sportwissenschaftlerin ein. "Aber die Ausfallzeit ist natürlich länger und ein finanzieller Verlust."

Als Positivbeispiel für gutes Training und Belastungssteuerung in der Frauen-Bundesliga nennt Eyre allen voran die TSG Hoffenheim. Dort überwache man im Training aktiv die individuellen Werte jeder Spielerin, die zusätzlich ihren Zyklus tracken und sich eng mit dem Coaching-Staff austauschen. Auch der VfL Wolfsburg, FC Bayern München und Zweitligist RB Leipzig machten einen guten Job.

TSG Hoffenheim v FC Bayern München - FLYERALARM Frauen-Bundesliga
Eyre lobt die Trainingsbedingungen bei den TSG Hoffenheim Frauen / Simon Hofmann/GettyImages

Die Menstruation

Die Forschung geht dem Zusammenhang zwischen dem Zyklus und Sportverletzungen noch nicht allzu lange nach. Dementsprechend lässt sich der Zusammenhang zwischen beidem nur schwer konkretisieren. "Es ist noch nicht sicher, welche Phase die Entstehung von Kreuzbandrissen genau beeinflusst", erklärt auch Julia Eyre. Durch die erhöhte Menge an Hormonen während bestimmten Abschnitten im Zyklus werden unter anderem die Bänder und Sehnen im Körper weicher bzw. lockerer. Das Verletzungsrisiko für Frauen steigt.

Die Sportwissenschaftlerin fährt fort: "Man kann nicht genau sagen, welche Verletzung in welcher Zyklusphase passiert. Aber wenn die Erholung nach der Periode nicht gut ist, dann hat das auch einen Einfluss." Zu den Symptomen während und kurz vor der Periode zählen Schlafstörungen und Appetitveränderungen. Für Sportlerinnen, für die körperliche Ruhephasen und gesunde Ernährung zum Alltag gehören, ist das eine große Herausforderung.

Die Ausprägung und das Auftreten dieser und anderer Symptome ist jedoch bei jeder Frau anders. Im Hinblick darauf erscheint umso sinnvoller, die individuellen Gesundheitsdaten der Spielerinnen aufzuzeichnen und ihr Training entsprechend anzupassen. Die Symptome kann man dann mit reduzierter Intensität beim Sport, sowie verschiedenen Medikamenten und Vitaminen abmildern.

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Tabu-Thema im Sport: Menstruation und Zyklus / SOPA Images/GettyImages

Zwischen Individualität und Stigma

Mehrere Spielerinnen, mit denen Eyre zusammenarbeitet hätten mehr Bewusstsein für ihren Körper bekommen, seitdem sie ihren Zyklus verfolgten. "Sie haben gemerkt, dass es eine Phase oder Woche gibt, in der sie auf jeden Fall verletzungsanfälliger sind", sagt Eyre.

Wie kann mehr Raum für Individualität im Fußballtraining, sowie mehr Aufmerksamkeit für die Auswirkung des Zyklus auf die Performance der Spielerinnen schaffen? Die Antwort der Sportwissenschaftlerin ist eindeutig: "Finanzierung und qualifiziertes Fachpersonal!" Sie fügt hinzu, dass das Thema Zyklus zudem auch weiterhin stigmatisiert wird. Dies geschehe vor allem von Seiten der Trainer.

Nach wie vor würden viele von ihnen den Zusammenhang zwischen Zyklus und Performance nicht erkennen (wollen). Eyre berichtet von Unterverständnis beim Trainerstab, wenn Spielerinnen aus gesundheitlichen Gründen nicht ihre volle Leistung im Training abrufen können. Auch an herablassenden Sprüchen mangelt es scheinbar nicht, auch in der Frauen-Bundesliga. "'Du blöde Kuh, du blutest jetzt bestimmt wieder, weil du so schlecht drauf bist'", zitiert Eyre den Kommentar eines ehemaligen Erstliga-Trainers gegenüber einer Spielerin.

Arsenal v Olympique Lyonnais: Group C - UEFA Women's Champions League
Der Zyklus beeinflusst das Training von Athletinnen / Gaspafotos/MB Media/GettyImages

Voller Spielplan und kein Ende in Sicht

Neben dem Abbau derartiger Stigmata geht der Fußball der Frauen noch weiteren Herausforderungen entgegen. Unter den Spielerinnen wird der Unmut über den vollen Kalender laut. Für manche von ihnen steht seit 2021 in jedem Jahr ein großes Turnier an. Es begann mit den Olympischen Spielen in Tokio, bei denen zwölf Nationalmannschaften um die Medaillen kämpften. Die europäischen Teams waren dieses Jahr zudem bei der Europameisterschaft in England gefordert. Im Sommer 2023 laden Australien und Neuseeland zur Weltmeisterschaft. Ein Jahr danach stehen erneut die Olympischen Spiele an, dieses Mal in Paris. Für zu viele Spielerinnen winkt die nächste, richtige Sommerpause erst 2025.

Zwischen den Turnieren ist der Spielplan der Nationalmannschaften mit Qualifikations- und Freundschaftsspielen gefüllt. Auf Vereinsebene beschert das neue Champions-League-Format vielen Spielerinnen eine englische Woche nach der anderen. Hinzu kommt der reguläre Liga-Betrieb. Auch die Pokalspiele, seien sie in Deutschland, England oder Frankreich, gehen bald in die entscheidenden Phasen. Die Abstände zwischen den Partien sind größtenteils sehr kurz, was sich auch auf die Regenerationszeit der Fußballerinnen auswirkt.

"Der volle Spielplan ist auf jeden Fall ein Faktor, warum es jetzt mehr Kreuzbandrisse gibt", sagt Julia Eyre mit Nachdruck. "Das ganze verursacht unglaublich viel Stress. Die Spielerinnen können nie wirklich runterfahren. Wenn man von einer Nationalspielerin erwartet, dass sie 365 Tage, 52 Wochen im Jahr 100 Prozent gibt und die Intensität hochhält, dann ist das einfach zu viel. Die brauchen die Pausen. Zwischen einer anstrengenden Trainingseinheit und 90 Minuten Spielzeit auf dem Rasen ist kein großer Unterschied und von beidem muss man sich ausreichend erholen."

FIFA Women's World Cup 2023 Final Draw
Mit der WM 2023 in Australien und Neuseeland steht bereits das nächste große Turnier an / Robert Cianflone/GettyImages

Kreuzbandrisse und die Folgen

Im Rahmen der EM kam es im Sommer zu mehreren Kreuzbandrissen. Zu den betroffenen zählt die zweifache Weltfußballerin Alexia Putellas, Marie-Antoinette Katoto, sowie Simone Magill. Einige Zeit nach dem Turnier zogen sich auch die deutsche Nationalspielerin Giulia Gwinn, sowie Hanna Glas und Beth Mead die schwere Knieverletzung zu. Neben der körperlichen Verletzung wirkt sich ein Kreuzbandriss auch auf die mentale Gesundheit der betroffenen Person aus.

Eyre, die auch als Sportpsychologin tätig ist, erklärt, dass von vielen Spielerinnen erwartet wird, nach der Reha sofort wieder ihre alten Leistungen abrufen zu können. Gerade in den ersten Wochen nach der Knie-OP herrschen bei den Betroffenen Trauer und Zorn vor. Wutausbrüche in der Reha seien keine Seltenheit. Danach kommt der Fokus. "Erstmal muss man sich ein klares Ziel setzen", erklärt die Sportwissenschaftlerin. "Will man so schnell wie möglich auf den Rasen zurück oder sich so aufbauen, dass man unglaublich stark und schnell ist, wenn man nach zwölf Monaten die Reha abschließt? Das sind selten die ersten Gedanken der Spielerinnen nach einem Kreuzbandriss, vor allem weil der Heilungsprozess so lange dauert."

Vor allem Stammspielerinnen fühlten sich durch die Verletzung sehr vor den Kopf gestoßen. Mit einem Kreuzbandriss können sie ihrem Team für lange Zeit nicht mehr so helfen, wie im gesunden Zustand. Als Folge sind Gefühle von Wertlosigkeit und Angst bei Verletzten sehr präsent. Vielen fällt es schwer zu akzeptieren, dass ihre Hauptaufgabe die eigene Genesung ist, und nicht das Wohl des Teams für sie im Vordergrund steht.

Der lange Weg zurück

Eyre ermutigt verletzte Spielerinnen, sich während der Reha eine Identität außerhalb des Fußballs aufzubauen. "Sie sollen sich fragen, welche Sportarten ihnen sonst Spaß machen, was sie gerne Lesen oder allgemein in ihrer Freizeit machen", erklärt sie. "In der Reha sollen sie diese Dinge dann vertiefen du weiterentwickeln. Wenn man sich nur über die eigene sportliche Leistung definiert, dann ist das sehr ungesund."

Auch sind Kreuzbandriss-PatientInnen in der Reha mit Schmerzen und Stress konfrontiert. Ein Knie hat ein schweres Trauma erlitten und fühlt sich nach der OP folglich anders an, als das gesunde. Eyre führt aus, dass die Änderungen im verletzten Gelenk völlig normal sind. Das rekonstruierte Kreuzband sei in keinem Fall schlechter und fiele in keinem Fall auseinander.

"Das Gefühl wieder zu bekommen, dass man seinem Körper vertrauen kann, ist ein hartes Stück Arbeit in der Reha", sagt die Sportwissenschaftlerin. Gefühle von Schmerzen und Instabilität im Knie seien eine normale Folge der Verletzung. Beides würde vor allem dann auftreten, wenn Betroffene ins Training am Ball einsteigen. Ängste, dass das Kreuzband erneut reißt und eine erneute Ausfallzeit droht, seien an der Tagesordnung.

Druck von außen

Durch ihre Arbeit als Sportpsychologin unterstützt Julia Eyre verletzte FußballerInnen, diesen Gefühlen Herr zu werden und in der Reha ein neues Selbstbewusstsein aufzubauen. "Ich sage ihnen, dass es keinen Grund gibt, warum das Kreuzband nochmal reißen sollte", wirft sie ein. "Und wenn es trotzdem wieder passiert, dann wissen die SpielerInnen, dass sie es überleben werden, weil sie es schon einmal geschafft haben."

Ein erneuter Kreuzbandriss wird auch durch eine zu schnelle und unzureichend durchgeführte Reha begünstigt. So erging es vor Kurzem der dänischen Nationalspielerin Nadia Nadim. Sie erlitt die schwere Knieverletzung im September 2021 und kehrte bereits nach acht Monaten, pünktlich zur EM in England, zurück. Julia Eyre zufolge sollte eine Kreuzbandriss-Reha mindestens zwölf Monate dauern. Im September diesen Jahres riss die Sehne in Nadims Knie zum zweiten Mal. Ob sie 2023 bei der WM dabei sein kann, ist fraglich.

"Die Vereine machen den verletzen Spielerinnen großen Druck", sagt die Sportwissenschaftlerin offen heraus. Die Gedanken dahinter seien oft finanzieller Natur. Während verletzte Spielerinnen um die Verlängerung ihrer Verträge fürchten, müssen die Teams ihre Ausfallzeit kompensieren. Besonders, wenn ein wichtiges Ereignis, beispielsweise ein großes Turnier mit der Nationalmannschaft, ansteht, werden Betroffene umso mehr animiert, die Reha schnellmöglich abzuschließen.

Nadia Nadim
Nadia Nadim riss sich innerhalb eines Jahres zweimal das Kreuzbandriss / Visionhaus/GettyImages

Umdenken

Gibt es im Fußball überhaupt genügend Raum und Strukturen, um die notwendige Individualität im Training und bei der Belastungssteuerung an den Tag zu legen, um schweren Verletzungen vorzubeugen? Julia Eyre verneint und erklärt: "SportlerInnen sind Menschen, werden aber als Unterhaltungsprodukt verkauft. Deswegen arbeite ich im Fußball, weil ich das hasse und etwas verändern will. Die meisten Vereine betreiben geringstmöglichen Aufwand, vor allem finanziell und zeitlich, für maximalen Erfolg. Am Ende des Tages sind die AthletInnen die Leidtragenden."

Die Sportwissenschaftlerin nimmt aber auch die Fußball-Fans in die Verantwortung. Sie müssten es respektieren, dass die Spielerinnen nicht jede Partie über die vollen 90 Minuten bewältigen können. "Es ist völlig okay, wenn eine Fußballerin zum Beispiel nicht zu Olympia mitfährt oder länger im Spielbetrieb fehlt, weil sie eine Pause braucht", betont Eyre.

Solche verständnisvollen Aussagen würde sie auch gerne von den Fans hören. Sie sollten sich bewusst machen, dass 22 Menschen auf dem Spielfeld dem Ball nachjagen, keine leistungsorientierten Maschinen. Unmut, wenn die Lieblingsspielerin auf der Bank sitzt, oder Fragen wie "Wo ist Giulia Gwinn?", "Warum ist Laura Freigang nicht in der Startelf?" oder "Warum fährt Lea Schüller nicht zur Nationalmannschaft?" seien äußerst kontraproduktiv.

Giulia Gwinn
Hohe Spielbelastung und Druck von außen: auch Giulia Gwinn erlitt zum zweiten Mal einen Kreuzbandriss / Christof Koepsel/GettyImages

Veränderungen müssen her

Neben dem Druck von außen haben auch die Vereine, aber auch die Spielerinnen hohe Ansprüche an sich selbst. Längst wird nicht jeder Mannschaft gut ausgebildetes sportpsychologisches Personal zur Seite gestellt. Ähnlich sieht es hinsichtlich der AthletiktrainerInnen aus. Zu knapp sind die finanziellen Ressourcen, zu groß der Unwille, nachhaltig in die Strukturen des Fußballs der Frauen zu investieren. Viele Mängel und Problematiken dürften den Verantwortlichen teils nicht bewusst sein.

Die Forschung im sportwissenschaftlichen Bereich ist nach wie vor zu großen Teilen auf männliche Athleten ausgerichtet. Dies gestand jüngst auch eine ranghohe FIFA-Vertreterin ein. Dennoch ist Julia Eyre optimistisch und geht davon aus, dass sich in den nächsten zehn Jahren vieles zum Besseren verändern wird. "Gesundheit vor Leistung, das sage ich immer den SpielerInnen, mit denen ich zusammenarbeite", merkt sie an. "Wer gesund und glücklich Sport betreibt, kann auch solange er oder sie will, ein hohes Leistungsniveau abrufen. Wer aber nicht gesund ist, kann sich aber nicht darauf verlassen. Irgendwann geht irgendwas kaputt."

Daher sieht sie Glück und Gesundheit als zentrale Erfolgsfaktoren an. Die Leistung ergibt sich dann aus beidem. Eyre ist bemüht, verletzten Spielerinnen zu vermitteln, sich Zeit für die Reha zu nehmen. "Wenn sie sich über zwölf Monate gut erholen, können sie das nächste Turnier in vier Jahren spielen", erklärt sie. "Keinem ist geholfen, wenn sie nach acht oder zehn Monaten zurückkommen, in einem Wettbewerb spielen und sich kurz darauf im normalen Liga-Betrieb wieder verletzen."

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Wie sieht die Zukunft des Fußballs aus? / Roy Rochlin/GettyImages

Fazit

Erst in der Kreuzbandriss-Reha lernen viele Fußballerinnen ihren körperlichen Fähigkeiten, sowie ihre mentale Stärke richtig kennen. Julia Eyre berichtet, welche enormen Entwicklungsschritte sie in dieser Zeit machten. Es ist bestürzend, dass es erst eine schwere Verletzung braucht, um diese Prozesse zu entfalten. Die Sportpsychologin scheut sich nicht, ihr Credo "Gesundheit vor Leistung" unter die Trainer und andere Verantwortliche zu bringen. Sie kämpft für das Wohl der SpielerInnen und gegen die finanziell orientierten Denkweisen im Fußball.

Nach dem Gespräch bleibt ein Gefühl der Resignation. Der Weg im Fußball der Frauen ist noch weit. Es gilt, die Investitionen in die Vereinsstrukturen merklich aufzustocken, sei es für verbesserte Trainingseinrichtungen, mehr geschultes Personal oder höhere Gehälter. Zudem braucht es mehr Ressourcen und ein stärkeres Bewusstsein im Hinblick auf sportwissenschaftliche Variablen.

Was wünscht sich Eyre für die Zukunft des Sports? "Dass man den Körper der Sportlerinnen und Sportler nicht mehr als Geldquelle betrachtet", lautet ihre Antwort. "Dass sie als Mensch und Gesamtpaket respektiert und angesehen werden. Dass sie Zugang zu allen benötigten Ressourcen, und Unterstützung haben. Ich wünsche mir, dass wir für die SpielerInnen und nicht den Verein oder übergeordnete Ziele arbeiten."


Die finale WM-Analyse: Tobias Escher über das epische Endspiel, die Lehren der WM und seine Topelf des Turniers


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