EM 2020

Die drei Herzen des Ricardo Rodríguez!

Guido Müller
Steht heute vor einem ganz besonderen Spiel: Ricardo Rodríguez
Steht heute vor einem ganz besonderen Spiel: Ricardo Rodríguez / RvS.Media/Robert Hradil/Getty Images
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Wenn in St. Petersburg heute am frühen Abend (18.00 Uhr) die Schweiz und Spanien das erste Viertelfinalspiel der EURO2020 bestreiten, wird dies besonders für einen Spieler der "Nati" etwas ganz Besonderes sein. Denn in der Brust des Ex-Wolfsburgers Ricardo Rodríguez werden dann zwei Herzen schlagen. Mindestens.


Den Fans hierzulande dürfte der 28-Jährige immer noch in bester Erinnerung sein. Als Wintertransfer im Januar 2012 vom Schweizer Super-Ligisten FC Zürich für 8,5 Millionen in die Bundesliga geholt, blieb Rodríguez fünfeinhalb Jahre bei den Wölfen.

Borussia Dortmund v VfL Wolfsburg - DFB Cup Final
Szene aus dem Pokalfinale 2015 gegen den BVB, das der VfL mit 3:1 für sich entschied. Hier ein Duell zwischen Rodríguez und Reus / Anadolu Agency/Getty Images

Mit den Niedersachsen feierte er einen Pokalsieg, einen deutschen Super-Cup und die Vize-Meisterschaft. Allesamt im Jahr 2015.

Doch heute liegt der Fokus einzig und allein auf dem Viertelfinale der Europameisterschaft - und natürlich auf dem Gegner Spanien. Gegenüber der Marca sprach Rodríguez über sein ganz besonderes Gefühlsleben wenige Stunden vor diesem historischen Duell.

24 Stunden vor dem K.o-Spiel gegen die favorisierten Iberer überwiegt beim Außenverteidiger dennoch eindeutig die Vorfreude über die Angst vor einem eventuellen Ausscheiden.

Schweiz erstmals seit 1954 wieder in einem Viertelfinale eines Großturniers

"Wir sind alle sehr zufrieden, weil wir nach 67 Jahren Geschichte geschrieben haben", erinnert Rodríguez nochmals an die Tatsache, dass der Schweiz mit dem Sieg gegen Frankreich im Achtelfinale erstmals seit 1954 (bei der Heim-WM!) wieder der Sprung unter die letzten Acht eines großen Turniers gelungen ist.

Beim Blick zurück auf das fantastische Duell mit dem amtierenden Weltmeister (und Top-Favoriten auf den Gewinn der EURO2020) hat Rodríguez natürlich vor allem das Elfmeterschießen vor Augen.

"Ich war ja schon draußen, weil ich in der 87. Minute ausgewechselt worden war. Auf der Bank war ich dann so angespannt, dass ich es kaum noch ausgehalten habe. Doch ich hatte großes Vertrauen in Sommer, der ein sehr guter Torwart und Elfmeter-Killer ist."

Statistisch lässt sich diese Behauptung zwar nicht unterfüttern, denn von den bisher 82 Penaltys, die Yann Sommer bisher in seiner Karriere gegen sich gepfiffen bekam, konnte der Gladbacher "nur" 19 abwehren. Was einer Erfolgsquote von gerade mal 23 Prozent entspricht.

Doch gerade die letzten beiden Erfolgserlebnisse seines Keepers waren es wohl, die Rodríguez beim finalen Shoot-out gegen den Turnierfavoriten optimistisch blieben ließen. "Ich entsann mich der beiden Elfmeter, die er gegen Ramos gehalten hatte."

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Im November scheiterte Sergio Ramos gleich zweimal vom Punkt aus an Yann Sommer / FABRICE COFFRINI/Getty Images

Tatsächlich konnte Sommer beim 1:1 im letzten Nations-League-Duell mit dem heutigen Gegner gleich zwei Strafstöße des früheren Real-Kapitäns abwehren. Binnen 23 Minuten, zwischen der 57. und der 80., parierte Sommer im Baseler St. Jakobs-Park zunächst einen Handelfmeter und zehn Minuten vor Schluss auch noch einen Foulelfmeter gegen Sergio Ramos.

Rodríguez will Entscheidung in der regulären Spielzeit

Darauf ankommen lassen will es Rodríguez heute dennoch lieber nicht. "Ganz ehrlich: wenn ich an das Spiel gegen Spanien denke, würde ich eine Entscheidung innerhalb der neunzig Minuten vorziehen."

Die große Stärke seiner Auswahl sieht der Verteidiger des FC Turin in der mannschaftlichen Geschlossenheit. "Wir sind eine Mannschaft. Jeder gibt alles für seine Teamkameraden, und da wir schon seit Jahren zusammen spielen, kennen wir uns natürlich gut. Es ist hier wie bei einer großen Familie, und das macht uns stark."

"Davon abgesehen, muss man natürlich auch sagen, dass wir einige großartige Spieler haben. Wir sind eine Generation von Spielern, die in großen Ligen den Durchbruch geschafft haben, und das bedeutet immer ein Plus. Wir haben in einigen der besten Klubs Europas gespielt."

Gegenüber Frankreich wartet mit Spanien heute ein Gegner anderen Zuschnitts. Weniger physisch präsent, dafür mit mehr Ballbesitz. An der Favoritenrolle des Gegners ändert sich deshalb aber nichts für für den Linksverteidiger.

"Spanien ist Favorit. Sie haben zwar keinen absoluten Superstar in ihren Reihen, machen dies aber mit ihrer Geschlossenheit wett. Darin liegt ihre Kraft. Wir wissen, dass sie viel den Ball haben werden. Aber auch wir können ein bisschen kicken und werden uns sicherlich nicht verstecken."

Gefragt, auf wen seine Schweizer heute besonders achten müssen, verweist Rodríguez zunächst auf die Menge an jungen Spielern, die allesamt schon bei großen europäischen Klubs eine wichtige Rolle spielen, nennt aber im selben Atemzug auch die Routiniers der furia roja.

"Da sind Sergio Busquets, Jordi Alba oder Thiago Alcántara, die alle viel Erfahrung haben. Und natürlich haben sie einen großartigen Trainer. Insgesamt sind sie sehr komplett aufgestellt."

Persönlich zeigt sich Rodríguez zufrieden mit seinen bisherigen Leistungen bei dieser EURO2020. "Ich habe mich von Spiel zu Spiel besser gefühlt. Abgesehen von dem Italien-Spiel bin ich mit meinen bisherigen Darbietungen sehr zufrieden. Ich hoffe, dass ich in dieser Linie heute gegen Spanien so weitermachen und dem Team weiterhin nützlich sein kann."

Ausgerechnet gegen Spanien, möchte man sagen. Für den Schweizer mit spanisch-chilenischen Wurzeln ein ganz besonderes Spiel. Nicht zuletzt auch deshalb, weil in den vergangenen Jahren mit Real Madrid, Atlético Madrid oder dem FC Valencia immer wieder spanische Top-Vereine bei ihm angefragt haben.

"Ja, für mich ist es wirklich ein besonderes Spiel!"

"Ja, für mich ist es wirklich ein besonderes Spiel. Wie ihr wisst, ist mein Vater Spanier. Ich habe dort noch immer viele Verwandte. Ich verfolge auch ständig den spanischen Fußball. Warum sollte ich es verhehlen? Ich bin sogar stolz darauf. Und es wäre tatsächlich schön, eines Tages in LaLiga zu spielen. Es ist eine Meisterschaft, die mich irgendwie anzieht. Wegen des Landes und wegen des Fußballs, der dort praktiziert wird."

Ricardo Rodriguez
Bei Milan noch bis 2024 unter Vertrag, träumt Ricardo Rodríguez davon, irgendwann mal in Spanien zu spielen / Emilio Andreoli/Getty Images

Seine Devotion für das Land seines Vaters, aber auch für Chile, dem Geburtsland seiner Mutter, manifestiert sich in seiner Gepflogenheit, bei jedem Spiel mit der Flagge des einen Landes in einem Schuh, und mit der Flagge des anderen im zweiten zu spielen. So zumindest war es in der Vergangenheit.

"Ja, das stimmt", bestätigt er, "aber zur Zeit trage ich keine der beiden Flaggen in den Schuhen. Ich trage jetzt einen neuen Schuh, von einer anderen Marke - und seitdem auch keine Flaggen mehr."

Weniger Emotionen bedeutet dieser Verzicht auf Glücksbringer im Schuh jedoch beileibe nicht. Weder für ihn, noch für seine internationale Familie. "Ganz klar. Mein Vater ist aus Spanien, meine Mutter aus Chile - und ich bin in der Schweiz geboren. Diese Art Spiele sind immer ganz speziell. Doch meine Familie wird vor allem mich unterstützen. Meinen Eltern jedenfalls habe ich alles zu verdanken, was ich heute bin."

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