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Saisonabschluss bei Bayer 04: Die verflixten fehlenden Prozente

Kai Havertz
Gut, aber irgendwie nicht zufriedenstellend: Die Bayer-Saison 2019/20 | Pool/Getty Images

Nach dem knappen Europa League-Aus gegen Inter Mailand geht nun auch für Bayer Leverkusen diese lange und denkwürdige Saison 2019/20 zu Ende. Die Werkself hielt sich trotz der langen Dreifachbelastung wacker und ist auch in der kommenden Spielzeit international vertreten. Richtige Euphorie gibt es nach der 1:2-Pleite gegen Inter allerdings nicht - und auch sonst herrscht hier und da Redebedarf.

Kritik an Leverkusens Saison ist Meckern auf hohem Niveau. In der Bundesliga Tabellenfünfter, im DFB-Pokal Vize und in der EL Teil des Viertelfinales. Dazu emotionale Siege gegen den FC Bayern oder Borussia Dortmund in der Liga sowie Atletico Madrid in der Königsklasse. Wo ist hier Platz für Kritik?

Bundesliga: Verpasste Chancen

In der Hinrunde legte die Werkself den Grundstein für ihr verpasstes Saisonziel der Champions League-Qualifikation. Durch mehrere Durchhänger überwinterte man auf Platz sechs. Erste Versuche, sich mit der Europa League anzufreunden, wurden unternommen.

Umso mehr überraschte Leverkusens Punkteserie in der Rückrunde. Wie neu geboren begeisterte das Team von Peter Bosz mit Offensivpower und schielte plötzlich wieder auf die Königsklasse. Die Spielunterbrechung durch die Covid19-Pandemie tat der Erfolgswelle keinen Abbruch. Nach dem Sieg im direkten Duell gegen Konkurrent Gladbach hatte sich die Werkself durch eigene Kraft auf den vierten Platz gespielt.

Kai Havertz
Trotz des Sieges gegen Gladbach reichte es nicht für die Königsklasse | Pool/Getty Images

Was danach folgte, war typisch für den Klub: Man verspielte den mühsam erbrachten Fortschritt direkt wieder. Unterm Strich ließ man sich kurz vor Zapfenstreich von den Fohlen aus dem Niederrhein wieder ein- und überholen. Hier muss man sich vorwerfen lassen, im entscheidenen Moment abermals nicht den längeren Atem als die Konkurrenz zu haben

DFB-Pokal: So kurz davor

Zugegeben, auf der Reise nach Berlin hatte Bayer 04 schon etwas Losglück. Vor allem Halbfinalgegner und Viertligist Saarbrücken forderte Leverkusens volle Konzentration heraus, um den krassen Außenseiter nicht zu unterschätzen (Stichwort: Luxusproblem). Im Endeffekt war der Finaleinzug für den Verein der größte "Erfolg" seit 2009, als man ebenfalls im Endspiel stand (und verlor...).

Der Gegner hieß - wenig überraschend - Bayern München, die zum Leidwesen der Rheinländer glänzend aufgelegt waren. In einem torreichen, aber nur selten wirklich spannenden Finale musste sich Leverkusen mit 2:4 geschlagen geben. Der Traum vom großen Titel war abermals vorüber. Gegen einen bärenstarken Rekordmeister fehlte die letzte Geilheit auf einen Titel - eben diese Gier nach Erfolg, die den Gegner München etwa auszeichnet. Dennoch, der Finaleinzug war Leverkusens Kirsche auf der Torte.

Abermals wurde aus Leverkusen Vizekusen
Abermals wurde aus Leverkusen Vizekusen | Pool/Getty Images

Europapokal: Verpasste Chance

Die verpasste Liga-Quali für die Königsklasse hätte man durch internationalen Erfolg wieder wettmachen können. Seit dem gestrigen Montag wissen wir: So weit wird es nicht kommen.

Als Teil der Gruppe D startete Leverkusen im vergangenen Herbst noch in der Champions League. Die Rollenverteilung war klar: Leverkusen schielt eher auf Platz Drei und die damit verbundene EL-Quali, als dass man die Gruppengegner Juventus und Atletico Madrid herausfordern könnte. Am Ende wurde es auch eben dieser dritte Platz, wenn auch über Umwege (zwar gewann man das Rückspiel gegen Atletico, versiebte sich den zweiten Platz allerdings durch die Auftaktniederlage gegen Lok Moskau).

Im "kleinen" Europapokal lief es bedeutend besser. Die Gegner FC Porto und Glasgow Rangers wurden im Rahmen der starken Leistungen der Rückrunde mehr oder weniger überzeugend geschlagen. Mit Inter Mailand wartete nun ein erster schwerer Brocken, gegen den es prompt nicht mehr reichen sollte und wollte - trotz des quasi-Heimvorteils durch die Wettbewerbsverlegung nach NRW.

Marcelo Brozovic
Inter erwies sich für die Werkself als eine zu hohe Hürde | Pool/Getty Images

Die Niederlage gegen die Italiener war verdient, allen voran Sturmtank Romelu Lukaku stellte Leverkusen vor immense Probleme. Im Gegenzug fehlte in der eigenen Offensive die letzte Durchschlagskraft, um die gut verschiebende Inter-Abwehr vor Probleme zu stellen.

Trotz einer teils wilden Fahrt durch Europa zeigte das Aus gegen Mailand, dass es für Leverkusen gegen die großen Gegner im Normalfall nicht reicht. Das Stigma des unterlegenden Underdogs wird man weiterhin nicht los. Ein erfolgreicheres Abschneiden im Europapokal hätte dagegen die eigene Brust weiter gestärkt und die europäische Konkurrenz auf sich aufmerksam gemacht.

Fazit: Vieles war gut, aber...

... es fehlten eben diese berühmten letzten Prozente, um aus einer guten eine sehr gute Saison zu machen. Vor allem die verspielte CL-Quali wirft den größten Schatten auf die Saisonbilanz. Die Werkself verpasste es, sich für das Transferfenster in eine komfortable Situation zu bringen. Sowieso hätte das Geld für die Gruppenphase der Königsklasse im Zeitalter der Pandemie gut getan - Werksklub hin oder her.

Leverkusen muss jetzt aufpassen: Kai Havertz ist auf dem Absprung, die Zukunft von Kevin Volland bleibt noch immer ungewiss. Lars Bender liebäugelte einmal mehr mit einem Karriereende. Und nicht zuletzt drohen viele Spieler aus der zweiten Reihe, die in der vergangenen Saison noch für die respektable Kaderbreite verantwortlich waren, wegzubrechen.

Dennoch, unter Coach Bosz begann in den vergangenen Monaten eine Entwicklung, die vielversprechend ist. Es gibt ein erfolgsversprechendes Grundkonzept, auf dem aufgebaut werden kann. Aus diesem Grund sollte man trotz einiger Schönheitsfehler der Saison 2019/20 zuversichtlich in die kommende Spielzeit starten.