"Sachsen, lasst euch impfen": Keine Politik im Stadion - geht das?

Marc Knieper
Die Politik-Diskussion im Fußball entfacht immer wieder Feuer
Die Politik-Diskussion im Fußball entfacht immer wieder Feuer / INA FASSBENDER/GettyImages
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Ein impfverherrlichender Schlachtruf der Fortuna-Fans wirft einmal mehr die Frage auf, inwiefern der Fußball, unser aller Volkssport, der Politik aus dem Weg gehen kann. Keine Politik im Stadion - geht das überhaupt? Ein Kommentar.


"Sachsen, lasst euch impfen!", skandierten die mitgereisten Fans von Fortuna Düsseldorf am Sonntagnachmittag im Auswärtsblock bei Dynamo Dresden. Noch immer ist Sachsen das Bundesland mit der niedrigsten Impfquote und äquivalent höchsten Sieben-Tage-Inzidenz. Die Aufforderung der Fortuna-Fans ist zugleich klar, richtig und höchstpolitisch.

Viele Fans fordern botschaftsunabhängig ein politfreies Vakuum im Fußball. Grundsätzlich ist es laut UEFA-Richtlinien verboten, Sportveranstaltungen für sportfremde Botschaften zu nutzen. Kapitänsbinden in Regenbogenoptik und der symbolische Kniefall als Zeichen gegen Rassismus zählen nicht dazu.

"Jeder Spieler, der eine Gleichstellung von Menschen fordert, indem er sich niederkniet, hat die Erlaubnis dazu", manifestiert die Union Europäischer Fußballverbände in einem Statement.

Das politische Paradoxon der UEFA

Nichtsdestotrotz herrscht innerhalb der UEFA diesbezüglich ein unerklärliches Paradoxon. Man darf sich zu politischen Themen äußern, sie dürfen aber nicht zu politisch sein. Die Münchener Allianz Arena durfte während des EM-Spiels gegen Ungarn beispielsweise nicht in Regenbogenfarben erstrahlen. Auf der anderen Seite wurden in Ungarn trotz gefährlicher Virusvariante die Stadien pickepackevoll gepackt.

Die EM 2020 gilt seit jeher als das politisch größte Sportereignis überhaupt. Es ging vor allem um eine Farbe: und die ist bunt, regenbogenbunt. Die gefiel aber nicht allen - und wirft die Frage auf: Wie steht die UEFA in Einklang mit ihren Werten?

Tyrone Mings mit dem Kniefalls als Antirassimus-Zeichen
In England noch immer Gang und Gäbe: Der Kniefall als symbolisches Zeichen gegen Rassismus / Jonathan Moscrop/GettyImages

England-Fans haben während des Kniefalls ihrer Spieler gepfiffen. Sie sagten, der Sport werde für politische Zwecke instrumentalisiert. Dabei war das Team, das sie unterstützten, sehr viel mehr als nur eine sportliche Einheit. Marcus Rashford setzt sich gegen Kinderarmut und für kostenloses Mittagessen ein und hat in einem Video-Call mit Barack Obama über gesellschaftliches Engagement diskutiert. Auch seine Mitspieler Jadon Sancho und Raheem Sterling haben während ihrer Karriere immer wieder ihre Haltung deutlich gemacht, wurden aber trotzdem rassistisch beleidigt.

Der Kniefall zeugt von (politischem) Mut. Idole gibt es für ein politisches Engagement im Sport einige. Muhammad Ali, der Jahrhundertboxer, war nicht nur im Ring sehr engagiert. Er hat sich zum Peek seiner Karriere gegen den Vietnamkrieg ausgesprochen, war mit den Black Panther unterwegs (eine Partei im Interesse afroamerikanischer Gerechtigkeit) und verlor im Zuge dessen seine Boxlizenz. Dennoch setzte er sich neben dem Sport für wichtige gesellschaftliche Themen ein und ritt gewissermaßen auf seiner Welle als Vorbild vieler Menschen.

Fußball kann nicht unpolitisch sein

Der Fußball ist und bleibt ein Querschnitt der Gesellschaft. Leider finden natürlich auch hier Rassismus, Diskriminierung, Sexismus, Antisemitismus und Co. statt. Deswegen ist es fatal zu sagen, dass Fußball nichts mit Politik zu tun hat. Grundlegende demokratische Werte wie die Gleichberechtigung aller Menschen gehören in den Sport, denn genau das schreibt er sich auf die eigene Fahne. Sport möchte fair sein und verschiedene Menschen und Nationen zusammenbringen.

Zudem ist Sport Sozialisationsbotschafter. Er wird in den öffentlich-rechtlichen Medien gezeigt und als gesellschaftlicher Raum betrachtet. Es gehört zum Wesen des Sports, Menschen zusammen zu bringen. Wenn Fußball rein gar nichts mit Politik zu tun hätte, dann dürfte die UEFA nicht mit "Respect" titeln und müsste den Fußball als gänzlich politfrei erklären.

Werbebande mit "Respect"-Slogan der UEFA
"Respect": Der Slogan der UEFA / Francesco Pecoraro/GettyImages

Aber das geht nicht, denn: Es gibt keinen Sport ohne Politik. Sowie unser aller (privater) Alltag politisch ist, so ist auch der Fußball politisch. Denn Fußball gehört zum Alltag und zur Gesellschaft. Ein politischer Rückzug im Sport ist und bleibt eine Illusion und stärkt einzig und allein die Antidemokraten.

Die Scheinheiligkeit der UEFA und anderer Verbände bleibt dabei ein Dorn im Auge. Auf der einen Seite spricht man von Pride und Regenbogen, auf der anderen Seite findet 2022 in einem menschenrechtsverachtenden Land, in dem Homosexualität per Gesetz verboten ist, eine Weltmeisterschaft statt. Aber Hauptsache der Rubel rollt...

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