90min

Saarbrücken-Coach Lukas Kwasniok vor dem DFB-Pokalhalbfinale: "Sind hier, um Sportgeschichte zu schreiben"

Jun 8, 2020, 9:29 AM GMT+2
Hofft auf eine weitere Pokal-Sensation: Saarbrückens Trainer Lukas Kwasniok
Hofft auf eine weitere Pokal-Sensation: Saarbrückens Trainer Lukas Kwasniok
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Lange mussten Lukas Kwasniok und sein Team darauf warten. Am Dienstag darf der 1. FC Saarbrücken als erster Viertligist der DFB-Pokalgeschichte ein Halbfinale bestreiten. Im David-gegen-Goliath-Duell treffen die Saarländer auf Bayer Leverkusen. Der FCS-Coach erklärt im 90min-Gespräch, warum die Chancen auf Berlin trotz der Corona-Pause gestiegen sind und Saarbrücken ein Fünkchen Hoffnung haben darf, Sportgeschichte zu schreiben.

Nach dem Abbruch der Regionalliga Südwest steht Spitzenreiter 1. FC Saarbrücken bereits als Aufsteiger in die 3. Liga fest. Für den Traditionsklub aus dem Saarland das wichtigste Ziel in dieser Saison. Jetzt soll im DFB-Pokal das nächste Fußball-Wunder gelingen. Über Jahn Regensburg, den 1. FC Köln, Karlsruher SC und Fortuna Düsseldorf schaffte es der 1. FCS ins historische Halbfinale. Am Dienstagabend (20.45 Uhr) folgt die Werkself aus Leverkusen. Ausgetragen wird das Duell im Hermann-Neuberger-Stadion in Völklingen.

90min: Hand aufs Herz, wie groß ist die Chance aufs Finale?
Kwasniok: Bei einem Prozent, würde ich sagen. Aber durch den Abbruch der Regionalliga ist sie aus meiner Sicht zehnmal so hoch. Durch die Tatsache, dass die Liga nicht mehr gespielt wird, haben wir sie von 0,1 auf ein Prozent erhöht. Das ist meine Wahrnehmung und unser Glaube.

90min: Weil der Druck weg ist, unbedingt in die 3. Liga aufsteigen zu müssen?
Kwasniok: Genau. Zwar auf einem sonderbaren Weg, aber wir konnten den Fokus komplett auf Leverkusen legen. Ansonsten wäre der auf der Meisterschaft gelegen und das Spiel gegen Leverkusen wäre irgendwann zwischendrin gekommen. So richtet sich unsere Konzentration seit sechs, acht Wochen nur auf den Pokal. Selten habe ich und auch meine Spieler über einen Gegner so viel gewusst, wie jetzt.

"Wir sind hier, um Sportgeschichte zu schreiben. "

Lukas Kwasniok

90min: Auf der anderen Seite fehlt die Wettkampfpraxis. Ein großer Nachteil für Ihr Team?
Kwasniok: Die Dinge kann man ja immer so oder so sehen. De facto war es so, dass es gegen den KSC ähnlich war [Pokal-Achtelfinale, Anm. d. Red.]. Karlsruhe hatte schon zwei oder drei Spiele und wir waren praktisch noch mitten in der Vorbereitung. Aber natürlich kann man die Qualität vom KSC nicht mit der von Leverkusen vergleichen.
Ein wirklicher Nachteil ist es nur am Anfang. Die ersten 15-20 Minuten werden wir schon auch überleben und uns reinbeißen müssen. Aber dann sollte es keine große Rolle mehr spielen.

Auf ihn wird es erneut ankommen: Saarbrückens Pokalheld Daniel Batz
Auf ihn wird es erneut ankommen: Saarbrückens Pokalheld Daniel Batz

90min: Bei dieser These wird man in Dresden jetzt lauthals protestieren wollen…
Kwasniok: Es ist ja immer so, wenn du verlierst, suchst du immer eine Ausrede. Wenn wir gegen Leverkusen nicht so performen wie wir uns das vorstellen, dann liegt das an uns und nicht an den Rahmenbedingungen - ganz einfach. Wir sind hier, um Sportgeschichte zu schreiben. Da gibt es keine Entschuldigungen.

90min: Seit wann durften Sie wieder mit der Mannschaft trainieren? Gibt es vor dem Halbfinale eine Chance für ein Testspiel?
Kwasniok: Seit dem 20. April konnten wir wieder in Kleingruppen trainieren und ungefähr seit drei Wochen sind wir wieder im Mannschaftstraining. Eine Chance auf externe Testspiele gibt es nicht. Wir haben drei Spiele untereinander gemacht und machen vor dem Halbfinale noch eins.

90min: Ist die Regeländerung zu fünf Auswechslungen schon während der 90 Minuten ein Vorteil für Ihr Team?
Kwasniok: Ich habe es eingangs schon versucht zu erklären, warum sich die Chance von 0,1 auf ein Prozent sozusagen verzehnfacht hat. Es gibt dafür einige Faktoren, wie den Fokus auf das Spiel. Aber eben auch die erhöhte Anzahl an Wechseln. Weil wir auf bestimmten Positionen vier, fünf Spieler haben werden, die das Tempo maximal 50-60 Minuten gehen können. Wenn du dann nur dreimal wechseln kannst, schleppst du schon mal zwei mit rum. Es ist definitiv ein Vorteil, eine gute Intensität zumindest über 90 Minuten gehen zu können.

Die Chance auf das nächste Pokal-Wunder liegt für Kwasniok bei einem Prozent
Die Chance auf das nächste Pokal-Wunder liegt für Kwasniok bei einem Prozent

90min: Welchen Spieler von Leverkusen hätten Sie für dieses Spiel gerne in der eigenen Mannschaft?
Kwasniok: Schwierig. Die nahe liegendste Antwort wäre Havertz. Aber weil ich vorne schon mit [Sebastian] Jacob sehr gut aufgestellt bin, würde ich sagen Demirbay.

90min: Warum Demirbay?
Kwasniok: Ich finde, dass er jederzeit das Spiel initiieren und auch ins letzte Drittel bringen kann mit überraschenden Aktionen und trotzdem mittlerweile eine extrem hohe Bereitschaft hat für die Mannschaft zu arbeiten. Er hat sich stark gewandelt: Früher hat er sich oft auf seine technischen Fähigkeiten verlassen. Unter Nagelsmann in Hoffenheim und jetzt unter Bosz hat er sich aber entwickelt. Sie dulden es, glaube ich, nicht, wenn du dich auf Dingen ausruhst, die du kannst.

90min: Sollte Saarbrücken tatsächlich Sportgeschichte schreiben. Wie wird im Anschluss gefeiert?
Kwasniok: Wir haben uns darüber natürlich noch keine Gedanken gemacht. Ich hoffe, im Fall der Fälle, im Fall dieser sportgeschichtlichen Sensation, dass bei uns noch ein wenig Vernunft vorhanden sein wird.

[Anm. d. Red.: Nach dem feststehenden Aufstieg sorgte eine Aufstiegsfeier der Fans samt Autokorso für Ärger]

90min: Nach dem Aufstieg in die 3. Liga und dem Abschneiden im DFB-Pokal: Ist der 1. FC Saarbrücken trotz Corona-Krise finanziell gut gerüstet für die kommende Saison - und welche Auswirkungen hat das auf die Personalplanung?
Kwasniok: Die Pokaleinnahmen schaden grundsätzlich nicht. Es ist aber so, dass viele Altlasten damit abgebaut worden sind. Der Verein wirtschaftet seit Jahren äußerst nachhaltig. Das wird auch in der kommenden Saison so fortgesetzt werden.
Zwei Gründe dafür: Wir haben zum einen bereits ein sehr gutes Gerüst an Spielern, die für den Aufstieg verantwortlich sind. Und zweitens, ist der Verein mit Sportdirektor Markus Mann nicht willig, irgendwelche Luftschlösser zu bauen. Man will nachhaltig und kontinuierlich etwas aufbauen. Da bringt es nichts, wenn man nächstes Jahr "aus Versehen" in die 2. Liga aufsteigt, nur um dann im Jahr darauf sang- und klanglos unterzugehen.
Wir werden versuchen, den Kader zu verjüngen, um einen nahtlosen Übergang nach der Ära von Steven Zellner und Co. zu schaffen. Es gibt fünf, sechs Spieler, die schon länger da sind. Wir wollen unser Fundament breiter aufstellen. Das ist das Ziel. Wir werden nicht blindlings die Gelder raushauen und zahllose Spieler verpflichten.

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