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Real Madrid

Nacho: Der One Club Man, der mit Pessimismus zum Erfolg kam

Guido Müller
Kickte nie für einen anderen Klub als Real Madrid: Nacho
Kickte nie für einen anderen Klub als Real Madrid: Nacho / Soccrates Images/Getty Images
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Im schillernden und mit Superstars gespickten Kader von Real Madrid kommt José Ignacio Fernández Iglesias die Rolle des unscheinbaren Mauerblümchens zu. Aber gleich dieser wenig auffälligen Pflanze hat auch Nacho, wie er in Spanien nur genannt wird, es geschafft, Wurzeln zu schlagen.


Und nicht nur das. Seit dieser Spielzeit gehört der 31-jährige gebürtige Madrilene sogar zum ausgewählten Kreis der Spielführer der Königlichen. Zwar nur an dritter Stelle (hinter Marcelo und Benzema) - aber immerhin.

Daran auch nur zu denken, hätte sich noch vor gut einem Jahr mehr als verboten. Denn kaum einer im Umfeld der Königlichen glaubte am Ende der ersten Corona-Saison (2019/2020) daran, dass dem Eigengewächs eine längerfristige Zukunft im Bernabéu-Stadion beschieden wäre.

An den Stamm-Innenverteidigern Sergio Ramos und Raphael Varane kam er leistungstechnisch nicht vorbei - für alternative Aufgaben, beispielsweise im defensiven Mittelfeld, vertraute der damalige Trainer Zinédine Zidane anderen Kräften.

Doch gut dreizehn Monate (und eine Spielzeit) später sind die Schwergewichte in der königlichen Defensivzentrale Geschichte - und Nacho blickt einer Saison entgegen, in der er so wichtig wie nie für "sein" Real Madrid werden kann.

In besagter Saison 2019/2020 war er lediglich auf 600 Einsatzminuten, verteilt auf zehn Spiele gekommen. Nicht zuletzt aufgrund von Verletzungen, vor denen er in den Jahren zuvor noch stets verschont geblieben war.

Doch während der vielen einsamen Minuten, die er auf der Ersatzbank Platz nehmen musste, kam es ihm nie in den Sinn, eine der zahlreichen Offerten, die weiterhin für ihn eintrudelten (Galatasaray, AS Rom, um nur zwei zu nennen) anzunehmen.

Wendepunkt Huesca

Sein Ziel blieb immer, sich bei Real durchzusetzen. Und er setzte sich durch. Der Wendepunkt in der vergangenen Saison war sicherlich die Partie bei Aufsteiger Huesca Anfang Februar, die die Gäste schmeichelhaft (1:2) für sich entscheiden konnten.

Noch am Tag zuvor (und im Anschluss an eine peinliche Heimniederlage gegen Levante, ohne Nacho!) hatte sich der Trainer in einem seiner seltenen emotionalen Ausbrüche über den medialen Umgang mit seiner Mannschaft und über die ständigen Gerüchte seiner Entlassung beschwert.

Nacho Fernandez, Zinedine Zidane
Zidane schenkte Nacho immer öfter das Vertrauen - und der zahlte mit guten Leistungen zurück! / Quality Sport Images/Getty Images

Die Mannschaft schien die Zeichen der Zeit erkannt zu haben - und folgte ihm bedingungslos durch den Rest der Spielzeit. 13 Siege aus den letzten 17 Spielen (bei vier Remis) konnten zwar die Meisterschaft des Stadtrivalen von Atlético nicht mehr verhindern, doch aus dem Team war wieder eine verschworene Einheit geworden.

Mit Nacho fortan als Dauergast in der Startformation. Lediglich ein Spiel (beim FC Getafe, Mitte April) verpasste der Abwehrrecke aufgrund einer Gelbsperre.

Und so schnell kann es bisweilen gehen: Ohne das langjährige Innenverteidigerpaar Ramos/Varane vertraut nun auch Neu-Coach Carlo Ancelotti auf die zuverlässigen Dienste des einzigen One Club Man im Kader.

Tatsächlich ist Nacho nicht nur der einzige Spieler des aktuellen Kaders, der sich nie ein anderes Trikot als das von Real Madrid übergestreift hat. Auch im historischen Kontext des Klubs gibt es nicht allzu viele Beispiele von derartiger Klub-Treue.

Der letzte königliche Vertreter dieser aussterbenden Spezies war Manuel "Manolo" Sanchís. Ebenso wie Nacho in der spanischen Hauptstadt geboren, schnürte Sanchís seine gesamte Karriere über die Fußballschuhe nur für Real Madrid.

Real Madrid v Barcelona Manuel Sanchis of Real Madrid
Spielte seine ganze Karriere hinweg nur für Real Madrid: Manuel Sanchís / Clive Mason/Getty Images

Dass Nacho die Sanchís-Marke von insgesamt 680 Pflichtspielen (!) für Real Madrid einstellen wird, ist wohl nicht mehr zu erwarten.

Doch wenn er so weitermacht, wie er erst am vergangenen Sonntag aufgehört hat (beim 4:1-Auftaktsieg der Königlichen bildete er zusammen mit Éder Militao eine nahezu fehlerlose Innenverteidigung), kann er in den kommenden Jahren noch ähnlich wichtig für die Mannschaft werden.

Nacho, der Pessimist

Für seinen italienischen Coach, qua Geburt schon zwangsläufig ein Experte in dieser Materie, hat dies übrigens mit Pessimismus zu tun.

Denn für Carletto gibt es "zwei Arten von Verteidigern: den Pessimisten und den Optimisten. Nacho ist Pessimist, denn er denkt immer, dass etwas Schlimmes passieren kann. Und genau deshalb ist er über die gesamten neunzig Minuten hinweg voll konzentriert." (via marca.com)

Pessimistisch während der Spiele, optimistisch im großen Ganzen. Mit dieser Strategie hat sich Nacho, heimlich, still und leise, seinen Platz im Luxus-Kader von Real Madrid erobert.

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