International

Portugal nach dem Serbien-Schock: Ist Santos noch der richtige Trainer?

Guido Müller
Vom Last-Minute-Gegentor der Serben geschockt: Portugals Nationalcoach Fernando Santos
Vom Last-Minute-Gegentor der Serben geschockt: Portugals Nationalcoach Fernando Santos / Gualter Fatia/GettyImages
facebooktwitterreddit

Nach der dramatischen 1:2-Heimniederlage gegen Serbien im letzten Gruppenspiel der regulären WM-Qualifikation schrillen in Portugal die Alarmglocken. Die WM 2022 in Katar ist für die Südeuropäer nur noch über den Umweg der Play Offs im kommenden März zu erreichen. Und ein ganzes Land fragt sich - warum eigentlich?


Natürlich ist für die Seleçao auch weiterhin nichts endgültig verloren. Doch die im März kommenden Jahres ausgespielten Play Offs, die Ende November ausgelost werden, haben es in sich.

Drahtseilakt WM-Play Offs

Denn im Gegensatz zu früheren Jahren bekommt man als Großer (als den man Portugal sicherlich sehen muss) eben nicht mehr einen vermeintlich kleineren Gegner zugelost, gegen den man dann in zwei Spielen (zuhause und auswärts) größere Chancen hat, sich für die Endrunde zu qualifizieren.

Vielmehr wartet im März kommenden Jahres eine Vierergruppe auf die Iberer, in der sie ein Halbfinale und ein Finale spielen. Und zwar in jeweils einem einzigen Match. Heißt: ein schlechter Tag reicht aus, um das Endturnier in Katar zu verpassen. Eventuelle Korrekturen eines schwachen ersten Spiels sind nicht mehr möglich. Nur die Sieger der drei Play-Off-Gruppen fahren nach Katar.

Dementsprechend macht sich im Land des vorletzten Europameisters schon jetzt Panik breit. Eine WM ohne Portugal? Ohne CR7? Eigentlich undenkbar.

Und die Fragen werden nun lauter: Wie konnte es überhaupt dazu kommen? Und damit ist nicht nur die letztlich dafür verantwortliche Last-Minute-Niederlage gegen die Serben gemeint.

Ganz allgemein fragt man sich nämlich zwischen Porto und Lissabon: wie kann eine solch namhafte Mannschaft überhaupt Probleme haben, sich in einer Gruppe mit Serbien, Irland, Luxemburg und Aserbaidschan als Erste zu qualifizieren?

Logischerweise geht der erste Blick dabei Richtung Trainer. Der heißt Fernando Santos und ist seit dem September 2014 für die Geschicke des Nationalteams verantwortlich.

Vernebelte der EM-Sieg 2016 den Blick fürs Wesentliche?

Mit dem sensationellen EM-Sieg bei der EURO2016 in Frankreich hat sich Santos sein eigenes Denkmal errichtet. Doch liegt in diesem unerwarteten Erfolg vielleicht auch die Keimzelle der jetzigen Übel.

Denn wirklich überzeugend war der Vortrag des Teams bei jener Europameisterschaft tatsächlich nicht. In den sechs Spielen bis zum Finale konnten die Portugiesen nur einmal nach neunzig Minuten als Sieger vom Platz gehen - beim 2:0 im Halbfinale gegen Wales.

Sowohl in den drei Gruppenspielen als auch im Achtel- und Viertelfinale stand es nach der regulären Spielzeit jeweils unentschieden. Gegen Kroatien, in der Runde der letzten Sechzehn, brauchte man eine Verlängerung, gegen Polen, eine Runde später, gar das Elfmeterschießen zum Weiterkommen.

Auch im Finale gegen Frankreich war es mehr der Unzulänglichkeit des Gegners betreffend der Chancenverwertung als eigenen Meriten geschuldet, dass man am Ende der 120 Minuten als (glücklicher) Sieger vom Platz gehen konnte.

Aber natürlich schickt man den Auswahltrainer, der gerade für den größten Erfolg der Verbandsgeschichte verantwortlich gezeichnet hat, nicht einfach so in die Wüste.

Und so blieb der Vater des Erfolges auf der Kommandobrücke. Und heimste drei Jahre später noch die Nations-League-Trophäe (durch einen 1:0-Sieg gegen die Niederlande) ein.

Für die grundsätzliche Entwicklung der Mannschaft war das im Nachhinein wohl eher kontraproduktiv. Es war ein "Sand in die Augen streuen" - doch davon wollten die vom Erfolg berauschten Portugiesen lange Zeit nichts wissen.

Jetzt aber gewinnen drängende Fragen, die auch schon vor fünf oder drei Jahren hätten gestellt werden können, wieder an Substanz. Fragen wie: welches System will Fernando Santos eigentlich spielen lassen? Setzt er mehr auf dominanten Ballbesitz oder auf schnelles Umschaltspiel? Die Krux: Spieler hätte er eigentlich für beide Systeme.

Herausgekommen ist bislang eine Mischung aus beiden. Oder, wie Kritiker anmerken, ein Schwanken zwischen den Optionen. Im Klartext: weder Fisch noch Fleisch.

Gewisse Parallelen zum DFB-Team unter Löw

In gewisser Weise erinnert die Diskussion an die, die in Deutschland spätestens nach der WM 2018 geführt wurde. Auch hierzulande konnte man sich nicht erklären, wie aus einer Gruppe, bestehend aus einigen Weltmeistern von 2014 und den Confed-Cup-Siegern von 2017, nicht eine vernünftig zusammenspielende Einheit geformt werden konnte.

Das Personal für die allerhöchsten Ansprüche war vorhanden - allein: Jogi Löw wusste daraus keine funktionierende Mannschaft zu formen. Auch weil er zu lange an alten Zöpfen (Kroos) und einem für das vorhandene Personal ungeeigneten System festhielt.

Bei seinem letzten Turnier, der EURO2020, versteifte sich Löw derart auf eine Dreierkette in der Abwehr, dass er Joshua Kimmich (als Rechtsverteidiger!) quasi opferte und ihn sämtlicher Stärken (die er vor allem im defensiven zentralen Mittelfeld hat) beraubte.

Ein bald 39-Jähriger als Säulenspieler

Auch Fernando Santos hat seine Lieblingsspieler. Einer von ihnen heißt Pepe und hat auf Klub-Ebene so gut wie alles abgeräumt, was abzuräumen war. Er ist auch immer noch ein überdurchschnittlicher Innenverteidiger.

Mittlerweile aber auch schon bald 39 Jahre (!) alt. Ironie des Schicksals: beim 1:2 gegen Serbien stand Pepe gar nicht auf dem Platz, kann somit auch nicht als Sündenbock für die Niederlage herhalten.

Doch hätte man sich in Portugal schon vor Jahren darum bemüht, Nachfolger für Pepe zu entwickeln, wäre der Fehltritt am vergangenen Sonntagabend womöglich gar nicht erst passiert.

Der für Pepe spielende José Fonte (von der OSC Lille) konnte, im Verbund mit Citys Ruben Dias, jedenfalls nicht verhindern, dass der eingewechselte Aleksandar Mitrovic in der Schlussminute mitten ins Herz der Portugiesen traf.

Cristiano Ronaldos Zeit neigt sich dem Ende zu

Nicht vom Trainer zu trennen ist natürlich auch die Figur von Cristiano Ronaldo. Auch hier tut sich eine gewisse Parallele, bei allen Unterschieden, zur deutschen Problematik anno 2018 und bei der letzten Euromeisterschaft auf.

Was den Deutschen ihr Toni Kroos war, war den Portugiesen ihr CR7. Freilich hat der mehrfache Weltfußballer einen ungleich höheren Impact auf das Spiel seiner Mannschaft (schon allein der vielen Tore wegen), doch wahr ist auch, dass der frühere Real Madrid-Star eben auch nicht jünger wird.

Die Selbstverständlichkeit ist ihm abhanden gekommen. Zwar ist er immer noch in der Lage, Spiele im Alleingang zu entscheiden - aber diese Spiele werden halt auch immer seltener. In den diesjährigen Momenten, wo es für seine Auswahl ums Ganze ging (gegen Irland und Serbien), war der Superstar jedenfalls nicht zu sehen.

Auch die Tatsache, dass Spieler wie Bruno Fernandes (Manchester United) oder Bernardo Silva (Manchester City) im Nationaltrikot regelmäßig den in ihren Klubs gezeigten Leistungen meilenweit hinterherlaufen, wirft Fragen über Santos´Eignung als Nationaltrainer auf.

Sein Problem: bis zum März wird er auf diese Fragen keine Antworten geben können. Denn bis dahin ruht auf Nationalteam-Ebene der Ball. Die Frage, die sich nunmehr dem Verband stellt, ist folgende: trauen wir es Santos zu, die Play-Offs zu bestehen - oder eben nicht?

Die Stimmen, die zu letzterer Antwort tendieren, werden täglich lauter.

facebooktwitterreddit