AC Mailand

Pato enthüllt: Darum ging es bei Milan für ihn bergab

Jan Kupitz
Alexandre Pato
Alexandre Pato / Miguel Schincariol/GettyImages
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Alexandre Pato galt bei der AC Milan als kommender Weltstar. Schon als Teenager sorgte er bei den Rossoneri für Furore und ist bis heute der jüngste Spieler, der in der Serie A die 50-Tore-Marke geknackt hat. Doch nach einem vielversprechenden Beginn seiner Karriere ging es für den Brasilianer rapide bergab - Verletzungen verhinderten, dass Pato sein Potenzial voll ausschöpfen konnte.

Nach seinem Abschied von Milan im Winter 2013 wurde er bei keinem Klub mehr richtig glücklich. Fast jährlich wechselte Pato den Klub und war zwischenzeitlich sogar ein halbes Jahr ohne Verein. In seinem Beitrag bei The Players' Tribune öffnet sich der Brasilianer und verrät, wie es zu seinem Absturz kam.


Wenn man an Alexandre Pato denkt, denkt man unweigerlich an sein sensationelles Tor gegen den FC Barcelona, als er bereits nach 24 Sekunden zur 1:0-Führung der Mailänder traf. Mit einem schnellen und unnachahmlichen Antritt an der Mittellinie hatte der Brasilianer die Barça-Defensive wie Slalomstangen stehen lassen - das Tor, das in Patos Karriere mit Sicherheit für die meisten Furore gesorgt hat.

"Ich war in der Mitte, sah eine große Lücke, schoss den Ball und rannte los. Als Valdés rauskam, dachte ich: S***, was soll ich tun? Dribbeln? Lupfen? Ich habe versucht, nach links zu schießen, aber der Ball ging ihm zwischen die Beine. Wahnsinn. Glück im Unglück. Ich glaube, sogar Gott wollte, dass das ein Tor wird", schreibt Pato über den unvergesslichen Moment, der einen Meilenstein in seiner Karriere darstellen sollte.

"Tief drinnen dachte ich: 'Sieht Guardiola das?' Ich habe ihn sehr bewundert. Er sagte danach, dass nicht einmal Usain Bolt diesen Jungen fangen könnte. Wie cool ist das denn? Es war das beste Tor, das ich je geschossen habe. Sogar der Kommentar war wunderschön", erinnert sich der Angreifer.

Noch heute würden die Leute auf ihn zukommen und ihn auf dieses Tor ansprechen, so Pato weiter. "Mann ... das waren noch Zeiten, als ich dachte, ich würde es bis ganz nach oben schaffen."

Doch wie wir heute wissen, schaffte er es leider nicht bis ganz nach oben.

Der Brasilianer, mittlerweile 32 Jahre alt, gesteht, dass ihm neben den Verletzungsproblemen auch der Hype um seine Person zusetzte. "Die Erwartungen waren so groß, wissen Sie? Ich war das Supertalent, die sichere Sache. Ich habe schon für Brasilien gespielt. Die Presse schreibt über dich, die Fans reden über dich, sogar andere Spieler schwärmen von dir. PATO WIRD DER BESTE SPIELER DER WELT SEIN. PATO WIRD DEN BALLON D'OR GEWINNEN. Ich liebte die Aufmerksamkeit. Ich wollte, dass man über mich spricht", gibt Pato bei The Players' Tribune unumwunden zu.

Alexandre Pato, Ronaldinho
Ronaldinho und Pato / Claudio Villa/GettyImages

Doch der Trubel bekam dem damals 22-Jährigen nicht gut. "Ich fing an, zu viel zu träumen. Obwohl ich immer noch hart arbeitete, brachte mich meine Fantasie an alle möglichen Orte. In meinem Kopf hielt ich bereits den Ballon d'Or in der Hand", schildert Pato seine damaligen Gedanken. "Man kann nichts dagegen tun. Es ist sehr schwer, sich davon nicht beeinflussen zu lassen. Außerdem hatte ich wie die Hölle gelitten, um dorthin zu gelangen. Warum sollte ich das nicht genießen?"

"Als ich 2009 als bester junger Spieler Europas zum Golden Boy gewählt wurde, habe ich nicht an den Ballon d'Or gedacht. Ich wollte einfach nur Spaß haben und OPA! - ein Preis. Ich war nicht zu stoppen, wenn ich in der Gegenwart lebte. Aber mein Kopf blieb in der Zukunft stecken."

Verletzungsprobleme setzen Pato zu: "Wollte die Mannschaft nicht im Stich lassen"

Fast zeitgleich begann Patos Körper zu streiken: Immer wieder wurde der damalige Milan-Star von einer neuen Verletzung ausgebremst. "Ich verlor das Vertrauen in meinen eigenen Körper. Ich bekam Angst davor, was die Leute über mich sagen würden. Ich bin mit dem Gedanken ins Training gegangen, dass ich mich nicht verletzen darf. Und wenn ich mich doch verletzen würde, würde ich es niemandem sagen. Ich erholte mich von einem Muskelproblem, dann verdrehte ich mir den Knöchel und spielte weiter. Er war geschwollen wie ein Ball, aber ich wollte die Mannschaft nicht im Stich lassen. Ich wollte es allen recht machen. Das war eine meiner Schwächen", so Pato.

"Die Leute erwarteten von mir, dass ich 30 Tore pro Saison schieße, aber ich konnte nicht einmal auf dem Platz stehen. Ich konnte damit umgehen, dass andere an mir zweifelten. Aber wenn der Zweifel von innen kommt? Das ist etwas anderes."

In dieser Zeit, so Pato, habe er auch herausgefunden, auf wen er sich verlassen konnte - und auf wen nicht. Denn als er zunehmend verletzt war, gab es einige Stimmen, die glaubten, dass er vielleicht doch nicht gut genug sei.

"Ich fühlte mich so einsam", erklärt der Brasilianer. "Bei Internacional [seinem Klub vor Milan] war ich immer überbehütet worden. Alle haben alles für mich getan. Ich hatte keine Ahnung von Verletzungen, Fitness oder Diäten - weil ich das nicht musste. Alles, was ich zu tun hatte, war zu spielen. Als ich bei Milan Probleme hatte, wusste ich nicht, was ich tun sollte."

Pato, Ezequiel Munoz
Pato setzten leider einige Verletzung zu / Tullio Puglia/GettyImages

"Heute hat doch jeder Spieler ein Team um sich herum, oder? Arzt, Physio, Fitnesstrainer. Damals hatte das nur Ronaldo. Ich hatte keine Verwandten in meiner Nähe. Meine Familie war noch in Brasilien. Ich hatte einen Agenten, aber der hat sich nicht um alles gekümmert, so wie es Agenten heute tun. Sicher, Milan hatte Ärzte und Personal, aber die mussten sich um 25, 30 Spieler kümmern. Sie konnten nicht die ganze Zeit bei mir sein", bedauert Pato.

Zudem, so der heute 32-Jährige weiter, habe er damals nicht gewusst, wie die Branche funktionierte. Denn im Zuge seiner Verletzungsprobleme tauchten urplötzlich Berichte auf, die behaupteten, dass Pato zu viel feiere - nicht professionell genug sei.

Fake-News belasten Pato - doch der schweigt

"Die Politik, die Dinge hinter den Kulissen, das habe ich nicht verstanden. Fußball ist wie ein Theater, bei dem man eine Show abzieht, um das zu bekommen, was man will. Aber ich war da draußen und dachte, es sei immer noch ein einfaches Spiel. Als die Presse Lügen über mich schrieb, hatte ich keinen PR-Mann. Ich hätte die Dinge klären müssen, aber ich habe nie verstanden, wie wichtig es ist, gut zu kommunizieren und Beziehungen aufzubauen. Mir wurde gesagt, dass nur die Ergebnisse auf dem Spielfeld zählen. Das ist einfach nicht wahr."

"Habe ich viel gefeiert? Nicht so viel, wie man uns weismachen wollte."

"Fehlte es mir an Mentalität? Das haben sie gesagt, wegen meines Laufstils. Aber was soll's. Wer weiß das schon? Gott hat mich so gemacht, wie ich bin. Das kann ich nicht ändern."

"Sie wollten, dass ich in Tackles fliege. Sie wollten Blut, Schweiß und Tränen. Sie haben die Tränen bekommen. Ich habe einen hohen Preis bezahlt."

Pato bedauert, dass er damals geschwiegen hat, anstatt die Wahrheit zu erzählen. Auch über die damaligen Gerüchte, dass er angeblich einen Wechsel zu Paris Saint-Germain abgelehnt habe.

"Erinnern Sie sich an die PSG-Geschichte? [Adriano] Galliani war in England, um [Carlos] Tévez zu verpflichten, und PSG machte mir ein unglaubliches Angebot. Ich wollte gehen - [Carlo] Ancelotti war da - aber Silvio [Berlusconi] sagte mir, ich solle bleiben. Ich war verletzt, und die Fans sagten: 'Ooohh, Pato wollte nicht gehen! Mit Tévez wären wir Meister geworden!' Auch die Presse ist durchgedreht. Ich sagte: 'Was? Ich wollte doch gehen!'"

"Ich habe die Weltmeisterschaft 2010 verpasst. Die Geschichte mit PSG kam im Januar 2012. Ich habe kaum noch gespielt. Mental war ich ein Wrack. Ich war der große Flop, der Junge mit dem großen Geld, der Typ, den sogar die Fans loswerden wollten", beschreibt Pato die damalige Situation.

Im Winter 2013 kam es schließlich zur Trennung - Pato wechselte zurück nach Brasilien zu Corinthians. Mittlerweile ist er in den USA bei Orlando City aktiv, wo er in der laufenden Saison auf zwei Tore und drei Vorlagen in elf Einsätzen kommt.

Er hat sicherlich nicht die Karriere hingelegt, die man sich vor zehn, zwölf Jahren ausgemalt hat. Doch Pato ist es wichtig zu betonen, dass er nichts bereue.

"Hätte meine Karriere auch anders verlaufen können? Sicherlich. Aber es ist einfach, zurückzublicken und zu sagen, was ich hätte tun sollen. Wenn man dabei ist, sieht man das große Ganze nicht. Also, kein Bedauern. Sieh das Positive, Mann. Ich bin fit. Meine mentale Gesundheit ist großartig. Ich liebe den Fußball immer noch. Warum sollte ich verbittert sein? Wir haben nur eine Chance, auf dieser Welt zu leben."

"Wenn man älter wird, merkt man, was einen glücklich macht. Als ich von zu Hause wegging, dachte ich, der Fußball hätte alles, was ich wollte. Ich ging nach Italien, England, Spanien, China. Ich habe gelitten, ich habe geweint, ich habe vor Schmerz geschrien. Ich war immer allein. Vielleicht bin ich nicht der beste Spieler der Welt geworden. Aber, Bruder, lass mich dir etwas sagen:

Ich habe ein wunderbares Verhältnis zu meiner Familie.

Ich bin mit mir selbst im Reinen.

Ich habe eine Frau, die ich liebe.

So wie ich das sehe, habe ich eine Menge Ballon d'Ors.

Wenn das Leben ein Spiel ist, dann habe ich gewonnen."

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