Kahn spricht über Depressionen: "Zwei Milliarden Menschen schauten mir beim Versagen zu"

Dominik Hager
Oliver Kahn ist heutzutage wesentlich ausgeglichener als früher
Oliver Kahn ist heutzutage wesentlich ausgeglichener als früher / Sebastian Widmann/GettyImages
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Oliver Kahn hat eine Laufbahn der Extreme miterlebt - sowohl im positiven, als auch im negativen Sinne. Erfolg und Misserfolg liegen hauchzart beieinander, weswegen man von einer Sekunde vom Helden zum Deppen der Nation werden kann. Sinnbildlich dafür steht seine WM 2002, bei der er bis zum Finale grandios hielt, dann jedoch im entscheidenden Moment gegen Brasilien patzte. Dies hat auch mit dem Gefühlsleben des damals noch sehr explosiven Torwart-Titans etwas gemacht.


Oliver Kahn schien bei der WM 2002 ein Außerirdischer und schlichtweg unüberwindbar zu sein - war jedoch letztlich auch nur ein Mensch. Und Menschen machen nun mal Fehler, wie es Kahn beim WM-Finale gegen Brasilien gemacht hat. Man kann sich kaum vorstellen, wie es in der Gefühlswelt des Mannes ausgesehen haben muss, der in ganz Deutschland als Held verehrt wurde und dann entscheidend dazu beitrug, dass der Titeltraum platzte. "Zwei Milliarden Menschen schauten mir beim Versagen zu", erinnerte sich Kahn schaudernd.

In einem Podcast von Florian Holsboer, der ihn lange Jahre therapierte, erklärte Kahn nun, dass ihm direkt die Reaktionen der Öffentlichkeit vor seinem inneren Auge vorbeigezogen seien. Der Schlussmann war schließlich schon zuvor einiges gewohnt. Von einem immensen Ehrgeiz angetrieben durchlebte er Tiefen wie das CL-Finale 1999 und Höhen wie das CL-Finale 2001. Kahn stand unter Dauerdruck, der unter anderem von den Medien erzeugt wurde, die sich bei jedem Fehler auf ihn stürzten, aber zu einem großen Teil auch von ihm selbst stammte.

Bereits im Jahr 2017 sprach Kahn erstmals darüber, wie ihm seine Verbissenheit und seine Patzer in einen Tunnel trieben und sprach in diesem Zusammenhang von "Burnout" oder "ausgepowert". Was damit gemeint ist, sei laut ZDF-Bericht die Volkskrankheit Depression.

Kahn spricht über seine psychischen Probleme: "Habe immer ein Symptom gespürt"

Kahn möchte nun die Krankheit von ihrem Stigma loslösen und Betroffene dazu ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Der ehemalige Nationaltorhüter hat dies seit Ende der 1990er Jahre selbst getan.

In einem am Montag erschienen Podcast hat Kahn sich im Gespräch mit der Journalistin Ina Tenz und dem besagten Depressionsforscher Holsboer zu seiner Erkrankung geäußert.

Der ehemalige Keeper macht die Ursache an die Tore im CL-Finale 1999 gegen Manchester United, dem Platzer im WM Finale, den Dauerdruck, die Beleidigungen von den Rängen und die eigene Verbissenheit dafür verantwortlich.

"Ich habe immer ein Symptom gespürt, dieses Ausgebranntsein, es hat alles enorm viel Kraft gekostet", erinnert er sich. Geholfen habe ihm die Hilfe von Holsboer und die eigene Einstellung, zu seiner Erkrankung zu stehen. Der Psychologe habe schließlich im Gegensatz zu anderen keine Phrasen wie "Reiß dich mal zusammen" gesagt, sondern zugehört und einen Plan entwickelt. Die vielen Gespräche halfen Kahn zu einem ausgeglicheneren Sportler und Menschen zu werden.

Professionelle Hilfe bringt Erfolg: Kahn zeigt sich positiv verändert

Gegen Ende seiner Laufbahn zeigte sich dann auch, dass sich Kahn über die Jahre wirklich verändert hatte. So akzeptierte er seine Degradierung zur Nummer zwei im Vorfeld der WM 2006, ordnete sich dem Teamgedanken unter und unterstützte seinen schärfsten Rivalen, Jens Lehmann. Für den Kahn um die Jahre 2000 herum wäre das undenkbar gewesen.

Während seiner Laufbahn wagte es der Torhüter aber nie, das Wort Depressionen fallen zu lassen. Die Einstellung von vor 15, 20 Jahren sei schließlich gewesen: "Um Gottes Willen! Das darf auf keinen Fall öffentlich werden." Der Fußball hat sich seitdem jedoch verändert. Zwar gibt es von den Rängen noch immer Beleidigungen zu hören, jedoch glaubt Kahn, dass die erniedrigenden Affenlaute und geworfene Bananen heutzutage nicht mehr so geduldet werden.

Inzwischen ist Kahn als Vorstandsvorsitzender beim FC Bayern wieder eine große Nummer im Fußball - und eine gefestigte Persönlichkeit. Wutausbrüche und Überehrgeiz gehören der Vergangenheit an. Stattdessen zeigt er sich seriös, sachlich und mit der nötigen Ruhe nach innen und außen ausgestattet.


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