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Neue Spielregeln auf dem Transfermarkt: Spielertausch? Steh' ich drauf!

Miralem Pjanic
Miralem Pjanic spielt in der nächsten Saison für Barca | Jonathan Moscrop/Getty Images

Die Corona-Pandemie hat dem Fußball (finanzielle) Demut aufgezwungen. Während des Sommer-Transferfensters wird nicht mehr bei Zigarren im Pool über Deals im neunstelligen Bereich gesprochen, sondern das Sparschwein geplündert, um Löcher zu stopfen. Die Mode, die daraus kreiert wurde, sind Spielertäusche - und ich stehe drauf!

Spieler, die als Tauschobjekte und Verhandlungsmasse fremdentzweckt werden - diese ethisch fragwürdige Verhandlungsmethode kennt der zentraleuropäische Sportfan vor allem aus dem amerikanischen Franchise-Wesen. Dort wird ja ohnehin mit den komplexen Trading- und Lottery-Systemen und einer Gehaltsobergrenze sowie Luxussteuer für ausgewogenere Verhältnisse gesorgt. Muss man nicht gutheißen, blüht aber auch gerade auf dem europäischen Fußball-Markt; Spielertäusche sind der heißeste Scheiß seit Leihen mit Kaufoptionen im Transfergeschäft.

Die Rechnung ist zu Corona-Zeiten simpel: Geld einnehmen und ausgeben? Schwierig? Spieler abgeben und dafür andere einsacken? Möglich - sofern sich ein Deal findet, der für beide Seiten interessant ist. Die Kehrseite - die allerdings auch ohne Corona im internationalen Fußball grassiert: Verträge haben weder für Spieler- noch für die Vereinsseiten wirklich Aussagekraft, sondern sind ebenfalls Teil des Verhandlungs- und Tauschspielchens.

Die "Kleinen" können vom Tauschgeschäft profitieren - zumindest sportlich

Der etwas naiven Prämisse folgend, dass Spielertäusche nie ohne die eindeutige Zustimmung der in den Deal eingewobenen Profis stattfinden, lässt sich der neuen Mode auf dem Transfermarkt aber ganz schön viel abgewinnen. Dass die Vereine wieder regelmäßig ihre Kontoauszüge prüfen und mitunter jeden Euro umdrehen müssen, sorgt für bodenständigere Transferpolitik. Ohne den richtigen Gegenwert läuft nichts mehr - diese Kontrolle hatten vor allem wirtschaftlich unterlegene Vereine vor der Krise kaum. Natürlich sind es weiterhin die Kleinen, die am meisten unter den Einschnitten leiden; doch die neue Transfermode öffnet vor allem für den objektiven Zuschauer ganz neue Türen.

Besonders interessant ist die Tatsache, dass die Vereine bei Spielertransfers weniger Gewicht auf prognostizierten Gewinn und Verlust - in monetärer Hinsicht - legen, sondern vor allem die sportliche Wertigkeit prüfen. Dadurch können Deals entstehen, wie der Tausch zwischen Arthur und Miralem Pjanic. Während Barca sich Wunschspieler Pjanic angeln konnte, ist mit Arthur eine mittelfristige Perspektivfigur aus den Planungen der Blaugrana ausgeschieden und stattdessen nach Turin weitergezogen. Heißt: in diesem Deal verfolgt Juventus eher mittel- und Barca eher kurzfristige Intentionen. Oder anders ausgedrückt: der sportliche Wettkampf rückt wieder in den Fokus, während der wirtschaftliche Aspekt nicht mehr auf Gewinn, sondern Existenzgrundlagen ausgelegt ist.

Dass in diesem Fall mit zweierlei Maß gemessen wird, ist natürlich auch klar. Im Spielertausch zwischen Arthur und Pjanic sollen noch einige Millionen Euro an Ablöse als Bonus involviert gewesen sein. So funktioniert das Geschäft nunmal. Sportliche Verluste per sofort kompensieren zu können, könnte allerdings die Schere zwischen den europäischen Schwergewichten und den Contendern - sei es der BVB, Tottenham oder Atalanta Bergamo - etwas schließen. Wenn Borussia Dortmund beispielsweise Jadon Sancho an Manchester United verliert, allerdings nur unter Auflage, dass der BVB postwendend Ersatz aus Manchester erhält, ist dem Verein mehr geholfen, als mit einer deutlich höheren Ablösesumme, die zu erneut steigenden Preisen auf dem Markt führt und letztendlich in Infrastruktur und Jugendarbeit gepumpt wird. Wirtschaftlich grandios, sportlich aber nur heiße Luft.

Arthur Melo
Arthur wechselte im Tausch mit Miralem Pjanic zu Juventus Turin | Quality Sport Images/Getty Images

Der Reiz, der in den Tauschgeschäften dieses Sommers liegt, ist an dem Chaos, die ebendiese stiften, festzumachen. Der gewohnte Trott, dass die Top-Clubs munter die besten Spieler einkaufen und die kleineren Clubs ihre Hand aufhalten, um zumindest etwas vom Geldregen aufzufangen, findet in diesem Jahr nicht statt. Viel eher muss klug gehandelt werden und gute Deals eingefädelt werden, die sich vor allem sportlich rentieren müssen. Kein Deal ohne entsprechenden Gegenwert - und damit ein Hauch von Annäherung in diesem kaputten Geschäft Fußball, das viel zu lange schon vom Geld dominiert wurde.