Frauen-EM

Marie-Antoinette Katoto: Instinktfußballerin und "Königin von Paris"

Helene Altgelt
TOPSHOT-FBL-WOMEN-TOURNOI DE FRANCE-FRA-NED
TOPSHOT-FBL-WOMEN-TOURNOI DE FRANCE-FRA-NED / FRANCK FIFE/GettyImages
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Kopfbälle, Freistöße, Fallrückzieher, Abstauber: Tore wird es bei der EM 2022 reichlich geben. Aber wer kann sich am Ende die Torjägerkrone aufsetzen? 90min wirft einen Blick auf die vielversprechenden Kandidatinnen, von Kunstschützinnen über kreative Köpfe bis hin zu Kopfballmonstern. Teil 2: Die "Königin von Paris", Marie-Antoinette Katoto


Kurzvorstellung

Vor drei Jahren gestrichen, heute Schlüsselspielerin

In drei Jahren kann sehr viel passieren. Marie-Antoinette Katoto kann das bezeugen, denn während sie für diesen Sommer als eine der wichtigsten Spielerinnen für Frankreich gehandelt wird, wurde sie 2019 für die Heim-WM nicht nominiert. Obwohl Katoto Torschützenkönigin der französischen Liga war, hielt Trainerin Corinne Diacre die damals 20-Jährige für zu jung, unauffällig in großen Spielen und nicht fleißig genug - eine Entscheidung, für die sie heftig kritisiert wurde.

Dieses Jahr ist Katoto vermutlich einer der ersten Namen auf Diacres Liste gewesen. Sie hat die großen Hoffnungen, die schon lange in sie gesetzt wurden, auf Klubebene bereits erfüllt, mit der Équipe de France fehlt aber noch die Krönung.

Katoto ist Instinktfußballerin

Katoto hat diese Saison in allen Wettbewerben zusammen 46 Tore erzielt. Mit der Nationalmannschaft zeigte sie sich zuletzt beim Vorbereitungsturnier Tournoi de France treffsicher, netzte in drei Spielen viermal ein. Ihr Erfolgsrezept liegt, wie sie sagt, in ihrer Intuition:

"Tore zu schießen ist für mich sehr instinktiv. Ich denke überhaupt nicht nach, wenn ich auf dem Platz stehe. "

Marie-Antoinette Katoto

Damit verkörpert Katoto einen sehr verschiedenen Spielstil von dem Vivianne Miedemas, die mehr selbst das Spiel gestaltet. Katoto dagegen ist eine Torversicherung, die kaum Großchancen auslässt und ein sehr gutes Timing hat. Damit ist ihr Stil vergleichbarer mit dem der Champions-League-Rekordtorschützin Ada Hegerberg.


Karriere

Von der Jugendakademie zur Top-Torschützin

Ihre bisherigen Karrierestationen sind schnell beschrieben: Katoto begann im Alter von sieben Jahren bei dem reinen Frauenfußball-Verein Colombes FFC, in einem Vorort von Paris, mit dem Fußballspielen. Auch sie war nicht von Anfang an Mittelstürmerin: Zunächst begann sie als Verteidigerin, wechselte dann aber bald ihre Position. Im Alter von zwölf Jahren wurde Katoto von Paris Saint-Germain entdeckt.

Ihr Debüt gab sie gleich auf dem höchstmöglichen Level: Katoto, damals 16, wurde 2015 im Champions-League-Halbfinale gegen Wolfsburg eingewechselt. Ein Jahr später wurde sie mit der französischen U10 Europameisterin und bekam selbst mit sechs Treffern die Torjägerkrone. Seit der Saison 2017/18 ist sie unumstrittene Stammspielerin bei PSG, und nach der bereits erwähnten Auslassung für die WM 2019 wurde sie auch bei dem Nationalteam wieder ins Boot geholt.

Fantastische Torquote bei PSG - Verlängerung aber noch nicht klar

Katotos Karriere ist auch eine Erfolgsgeschichte für PSG, sie war schon immer Fan des Vereins und ist auch bei den Fans als "eine von uns" beliebt, was ihr den Spitznamen Reine de Paris (Königin von Paris) eingebracht hat. Seit 2018 schoss sie jedes Jahr 20 Tore oder mehr in der Liga, inzwischen steht sie bei 133 Treffern in 149 Spielen für den Klub.

Wie es mit Katoto und PSG weitergeht, steht aber noch nicht fest: Ihr Vertrag läuft diesen Sommer aus, eine baldige Entscheidung wird erwartet. Hauptargument gegen eine Verlängerung ist für Katoto die nachlässige Behandlung des Frauenteams durch PSG, die ihrer Meinung nicht genug dafür tun, um mit Rivale und Champions-League-Sieger Lyon mitzuhalten.

Da sie die WM 2019 verpasste und Frankreich für Olympia nicht qualifiziert war, ist die EM Katotos erstes großes Turnier. Damit geht auch ein großer Druck einher, Trainerin Corinne Diacre forderte daher ihre Sturmpartnerinnen auf, ebenfalls Verantwortung zu übernehmen, um Katoto zu entlasten. In den letzten Spielen tat sich Frankreich schwer, Tore zu erzielen: Gegen die Slowakei und Wales, beide keine Hochkaräter, gab es zwei knappe Siege (1:0 und 2:1).


Spielstil

Reaktionsschnelle und kopfballstarke Nummer 9

Katotos Stärken werden also umso mehr gebraucht. Sie ist eine klassische Nummer Neun, die aus jeder Spielsituation heraus ein Tor schießen kann. Ein kleiner Moment der Unaufmerksamkeit reicht und sie ist auf und davon, was es sehr schwierig macht, sie über 90 Minuten zu verteidigen. Katotos Schnelligkeit ist besonders bei Kontern von Nutzen, die sie meist zusammen mit den Flügelspielerinnen Kadidiatou Diani und Sandy Baltimore ausspielt. Ein großer Vorteil für PSG und die französische Nationalmannschaft ist, dass sich die drei bereits seit fünf Jahren kennen und ihr Zusammenspiel dementsprechend intuitiv ist.

Ein weiterer großer Trumpf ist Katotos Kopfballstärke. Mit ihren 1,77 Metern gehört sie meist zu den größeren Spielerinnen auf dem Platz und weiß diesen Vorteil sehr gut zu nutzen. Ihre Kopfbälle sind platziert und wuchtig, ihr Timing für das Herausschleichen aus der Deckung exzellent. Das gilt auch für ihre Schüsse, wo ihre großen Stärken in der Reaktionsschnelligkeit und der intelligenten Bewegung von der Deckung weg liegen. Katoto kann mit dem Kopf, mit rechts oder auch mit der Hacke - wie neulich gegen die Niederlande - treffen, was sie noch ein Stück unberechenbarer macht. Ihre Torschüsse sind meist kräftig und sehr platziert, oft direkt unter die Latte oder an den Innenpfosten.

Katotos Torgefahr nutzt auch ihren Mitspielerinnen, da sie oft zwei Verteidigerinnen auf sich zieht oder eine Lücke in der Abwehrkette reißt. Mit dem Ball am Fuß kann sie ebenfalls dribbeln (durchschnittlich etwa 4 Dribblings pro Spiel, mit einer Erfolgsquote von 67%).

Schwäche: Überhastung - größtes Manko aber schon beseitigt

Dagegen schließt sie teilweise noch, in dem Versuch, schneller zu sein als die Verteidigerin, überhastet ab, obwohl sie noch genug Zeit gehabt hätte. Öfters geht ein Schuss von ihr daher auch deutlich über den Kasten. Zudem könnte sie mit dem linken Fuß noch gefährlicher sein, aktuell schließt sie fast immer mit dem Rechten ab und verliert daher Zeit, wenn sie sich den Ball zurechtlegt.

Der große Kritikpunkt von Diacre vor der WM 2019 - ihre unauffälligen Leistungen in großen Spielen - kann heute aber als beseitigt gelten. Gegen Bayern im Viertelfinale brachten ihre zwei Tore plus ein Assist Paris ins Halbfinale. Auch dort lag das Ausscheiden nicht an ihr, gegen Lyon steuerte sie erneut zwei Treffer bei.

Das zeigt, dass Katoto seit 2019 nochmal deutlich gereift ist und bei ihrem ersten großen Turnier direkt gute Chancen auf die Torjägerkanone hat. Bis dahin wird sie auch über ihre Zukunft entschieden haben - neben PSG haben auch Lyon und Barcelona Interesse an der 23-Jährigen gezeigt.


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