Leon Goretzka vs. AfD - Die überfällige Geburtsstunde eines Politikers, der keiner sein will

Leon Goretzka zeigt sich auch abseits des Platzes als Kämpfer
Leon Goretzka zeigt sich auch abseits des Platzes als Kämpfer / Handout/Getty Images
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Leon Goretzka gehörte der Mannschaft des FC Bayern an, die sich in der abgelaufenen Saison in überragender Manier das Triple sichern konnte und ist zudem eine Säule in der deutschen Nationalmannschaft. Dass es für den 25-Jährigen jedoch auch abseits des Platzes reichlich zu beackernde Felder gibt, beweist er nicht nur mit seiner Initiative "We kick Corona".

Auch das Thema Rechtsextremismus und die damit verbundene Spaltung der Gesellschaft beschäftigt den Menschen Goretzka sehr. Ein Treffen mit einer Überlebenden des Holocaust gab ihm den letzten Schub, um sich klar für eine offene Debatte einzusetzen.

In der Regel verzichten die Profi-Kicker heutzutage auf klare Worte. Durchgängig werden nach einer Partie die immer gleichen Phrasen gedroschen, warum ein Spiel in die eine oder andere Richtung lief. Kaum ein Spieler hat Lust darauf, sich mit einer unüberlegten Aussage bei den Medien, dem DFB-Kontrollausschuss oder den eigenen Mitspielern unbeliebt zu machen. Umso weniger verwundert es, dass man selten bis nie politische Kommentare der Profis einfangen kann, wenn man von den üblichen Bekundungen für Menschenrechte und gegen Rassismus absieht, die schlicht "zum guten Ton" gehören.

Eine erfrischende Ausnahme bildet jedoch Leon Goretzka, der sich verstärkt mit öffentlichen Themen auseinandersetzt und dabei nicht nur Stellung bezieht, sondern die Dinge auch beim Namen nennt - und damit auch bewusst Anfeindungen in Kauf nimmt.

Goretzka positioniert sich gegen die AfD

Nicht nur Goretzkas Initiative "We kick Corona" beweist, dass sich der Nationalspieler über seine Rolle in der Gesellschaft im Klaren ist. "Wir konnten durch die Initiative bis jetzt schon über 600 karitative und soziale Projekte in ganz Deutschland unterstützen, sogar einige Existenzen retten. Das positive Feedback zu bekommen, die Dankesschreiben zu Lesen ist ein Gefühl, dass ich so noch nicht kannte. Das bewegt sich auf einem ganz anderen Level als sportliche Erfolge", beschrieb er die Erfolge dieser Initiative gegenüber der Welt.

Denn auch neben der omnipräsenten Pandemie gibt es Themen, die der 25-Jährige nicht kommentarlos über sich ergehen lassen will. Dabei legt er den Fokus auf die rechtsextremen Tendenzen seines Heimatlandes und positioniert sich als absoluter Gegner der AfD.

"Speziell durch die Corona-Krise wurde noch offensichtlicher, welche Partei das ist: Für mich ist es keine Alternative, sondern eine Schande für Deutschland. Wenn eine Partei von Holocaust-Relativierern und Corona-Leugnern unterstützt und geführt wird – siehe das „Fliegenschiss der Geschichte“-Zitat von Alexander Gauland – dann demaskiert sie sich selbst. Wir dürfen so etwas nicht dulden, nicht weghören, nicht wegsehen. Wir müssen klar und deutlich Stellung beziehen", lehnte sich Goretzka für einen Fußball-Profi erfreulich weit aus dem Fenster.

Goretzka treibt nicht nur seine Mitspieler an
Goretzka treibt nicht nur seine Mitspieler an / Fran Santiago/Getty Images

Diese klare Haltung brachte dem Profi selbstredend nicht nur Freunde ein, wurde er doch in den soziale Medien deshalb auch angefeindet.

"Ja, wurde ich. Das habe ich auch zum Teil öffentlich gemacht, um den Menschen zu zeigen: Stopp, hier gibt es Contra. Aber es gab vor allem viel mehr Zuspruch. Gegen diese Widerstände muss man ankämpfen, um etwas zu verbessern. Wir müssen den Leuten klar vor Augen führen, dass wir in einer Demokratie leben, die durch nichts und niemanden kaputt gemacht werden kann. Hasskommentare bringen mich eher dazu, mich noch klarer zu positionieren", bezog Goretzka Stellung.

Treffen mit Frau Friedländer als Geburtsstunde für den "Politiker" Goretzka?

Im November 2020 traf sich Goretzka in Berlin mit der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer zu einem mehrstündigen Gespräch, das den Bayern-Star tief beeindruckte und ihn noch stärker zum Aufstehen gegen Rechts veranlasste.

"Ich habe es als riesiges Privileg empfunden, dass das Land NRW dank der Antisemitismusbeauftragten Frau Leutheusser-Schnarrenberger den Kontakt zu Frau Friedländer hergestellt hat. Ich weiß, dass ihr Terminkalender sehr voll ist und sie Persönlichkeiten wie die Bundeskanzlerin oder den Bundespräsidenten trifft. Dementsprechend froh war ich, dass ich mit Frau Friedländer einige Stunden verbringen durfte. Ich bin das Treffen mit großer Ehrfurcht angetreten, war sehr demütig und werde die Unterhaltung mein Leben lang nicht mehr vergessen", beschrieb er das Treffen mit der 99-jährigen Frau Friedländer.

"Ihr Bruder und ihre Mutter kamen in Auschwitz ums Leben. Durch das Gespräch mit einer Überlebenden wurde das alles total real. Frau Friedländer hat Sätze gesagt wie: „Leon, es waren Menschen, die das getan haben.“ Wenn ich daran denke, bekomme ich jetzt noch eine Gänsehaut. Trotz all des Leids, das sie erfahren hat, ist sie so ein positiver Mensch geblieben. Sie sagt, dass sie Menschen liebt. Das ist nach dem, was Frau Friedländer durchlebt hat, eigentlich unvorstellbar. Sie hatte sogar ihren Judenstern mitgebracht. Das sind Momente, da erstarrst du förmlich", zeigte sich Goretzka verständlicherweise ergriffen.

Frau Friedländer gab dem jungen Mann dabei unter anderem die Worte mit auf den Weg, "dass wir diejenigen sein müssen, die dafür Sorge tragen, damit so etwas nie wieder vorkommt. Das ist ihre Mission, darum kämpft sie jeden Tag." - Goretzka setzte das nicht nur im engeren Mannschaftskreis um.

Goeretzka hat in Joshua Kimmich einen Verbündeten
Goeretzka hat in Joshua Kimmich einen Verbündeten / Alexander Hassenstein/Getty Images

"Kurz nach dem Treffen war die Nationalmannschaftsreise im November. Ich habe mit Kevin Trapp und Joshua Kimmich über meine Begegnung mit Frau Friedländer gesprochen. Joshua möchte zeitnah auch in ein ehemaliges KZ fahren und es sich ansehen. Für mich ist das Thema ein absolutes Pflichtprogramm für jede Schulklasse, eigentlich sollte der Besuch eines ehemaligen KZ in den Lehrplan gehören", denn entgegen der üblichen Haltungen der Politik und vieler sogenannter Antifaschisten will Goretzka nicht plump auf die Unsinnigkeit des Rechtsextremismus verweisen, um sich selbst auf der richtigen Seite zu wähnen. Er bietet Lösungsansätze an.

"Wichtig ist, speziell in der jungen Generation massiv in Bildung zu investieren und in unserem Land für soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Dazu gehört insbesondere auch, dass wir den Menschen die Hand reichen, die sich sozial und finanziell abgehängt fühlen. Man muss ihnen zuhören und ihnen klarmachen, dass sie nicht allein sind. Wir müssen die Werte und das Versprechen unseres Grundgesetzes in unserer Gesellschaft noch stärker mit Leben füllen", spricht Goretzka einen wichtigen Punkt an. Denn arrogantes Missachten von Teilen der Gesellschaft und die Vermeidung von Differenzierung führt nur zu weiterem Extremismus.

Besonders in seiner Funktion als Teil der deutschen Auswahl sei Goretzka deshalb laut eigener Aussage verpflichtet, sich keineswegs aus politischen Debatten zu entfernen.

"Als Nationalspieler sind wir nicht nur Fußballer, sondern auch Repräsentanten unseres Landes. Es gibt viele Menschen, die zu uns aufblicken, gerade aufgrund der sportlichen Erfolge wollen Kids uns nachahmen. Da müssen wir vorangehen und einen positiven Einfluss nehmen. Dass dies aktuell wichtiger denn je ist, brauche ich, glaube ich, nicht extra betonen", ist Goretzka sich sicher.

Ob nach seiner aktiven Karriere ein Engagement in der Politik ansteht, kann jetzt selbstredend noch nicht gesagt werden.

"Ich bin kein Politiker, sondern ein ganz normaler Bürger, der sich Gedanken macht. Ich habe mich vor einigen Jahren entschieden, meine Reichweiten zu nutzen, um andere dazu zu bringen, Dinge zu hinterfragen. Ich will aufstehen gegen Rassismus, das ist mein Impuls: Sich aktiv gegen Rassismus zu wehren, im Alltag Zivilcourage zu zeigen, nicht wegzuhören, sondern sich zu positionieren. Wenn man immer weghört, wird aus einer kleinen Sache schnell etwas immer Größeres. Das will ich verhindern. Wenn sich dadurch auch nur ein Mensch mehr gegen Alltagsrassismus einsetzt, hat sich das Ganze schon gelohnt. Und ich merke, dass mich mein Engagement als Persönlichkeit weiterbringt: Ich will über mehr sprechen als nur das nächste Spiel", allerdings sind meist genau die Personen, die sich selbst nicht als Politiker identifizieren, am wertvollsten für eine tragende Aufgabe in der Gesellschaft.