Frauenfußball

Lena Oberdorf im Porträt: Längst über den Talent-Status hinaus

Helene Altgelt
DFB-Hoffnung Lena Oberdorf
DFB-Hoffnung Lena Oberdorf /
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2019 wurde Lena Oberdorf mit nur 17 Jahren, 5 Monaten und 20 Tagen zu der jüngsten deutschen Spielerin bei einer WM in der Geschichte. Damit löste sie als Rekordhalterin die legendäre Birgit Prinz ab. Spätestens dann war klar, dass Oberdorf das größte Talent in Deutschland ist. Drei Jahre später ist sie längst über diesen Status hinaus und hat sich sowohl bei Wolfsburg als auch in der Nationalmannschaft etabliert.


Rolle und Position

Oberdorf hat in ihrer Karriere schon fast überall gespielt, ob als Stürmerin, Nummer 10, defensive Mittelfeldspielerin oder Innenverteidigerin. Allein das zeugt von ihren breit gefächerten Qualitäten, die sie auf jeder Ecke des Platzes ausspielen kann. Beim VfL Wolfsburg kam sie in letzter Zeit aber als Sechserin zum Zug, wo sie zusammen mit der zweiten Lena im Bunde, Lena Lattwein, die Fäden im Mittelfeld zieht.

Trainer Stroot setzte sie zu Beginn der Saison zunächst in der Innenverteidigung ein, wodurch Wolfsburg aber Oberdorfs ruhiges Aufbauspiel und ihre Physis im Mittelfeld schmerzlich vermisste. Ihre Beförderung zurück auf die Sechs hat sich für Stroot ausgezahlt, Oberdorf ist eine solide Absicherung vor der Abwehr und gleichzeitig Startpunkt vieler Angriffe. 

Auch Martina Voss-Tecklenburg steht vor der Frage, wo sie die 20-Jährige einsetzen soll, hat sich aber anscheinend anders entschieden: In der letzten Saison setzte sie Oberdorf bei der Nationalmannschaft hauptsächlich in der Innenverteidigung ein. Das liegt vermutlich nicht daran, dass sie dies als Oberdorfs stärkere Position betrachtet, sondern an Deutschlands eklatantem Mangel an Weltklasse-Innenverteidigerinnen. 

Marina Hegering bringt das benötigte Niveau mit, ist aber lange verletzt gewesen und hat noch kein Spiel in der Bundesliga seit ihrer Rückkehr gemacht. Kathrin Hendrich, Oberdorfs Teamkollegin beim VfL Wolfsburg, ist ihre Nachfolgerin auf der Innenverteidiger-Position und hat diesen Job besonders in der Rückrunde auch sehr gut gemacht, unklar ist aber, ob MVT sie nicht eher für die Außenverteidigung vorsieht. Ansonsten bleiben nur Sophia Kleinherne und Jana Feldkamp, denen es beiden noch an Erfahrung im internationalen Wettbewerb mangelt. 

Oberdorf wird also in der Verteidigung dringend benötigt – dasselbe könnte man allerdings auch über das defensive Mittelfeld sagen. Deutschland hat eine Fülle an sehr talentierten offensiven Mittelfeldspielerinnen, eine klassische Sechs ist aber außer Oberdorf nicht da. Voss-Tecklenburg steht also vor einem Dilemma und würde Oberdorf vor der EM vermutlich am liebsten klonen.

Karriere

Oberdorf, geboren in Gevelsberg im Ruhrgebiet, spielte bis zum Alter von 16 Jahren in Jungenmannschaften und wechselte erst 2018 in eine Frauenmannschaft, zur SGS Essen. Das lange Spielen mit und gegen Jungen nennt sie heute auch als Hauptgrund für ihre Durchsetzungsfähigkeit und Robustheit auf dem Platz. Bei Essen nahm ihre Karriere sehr schnell Fahrt auf, sie war von Beginn an Stammspielerin und schoss als Mittelfeldspielerin in 16 Spielen 9 Tore. Der Lohn war die Berufung in die Nationalmannschaft, und schon wenige Monate nach ihrem Debüt war sie bei der WM dabei. In demselben Jahr erhielt sie auch die Fritz-Walter-Medaille in Gold, Martina Voss-Tecklenburg lobte ihre Wissbegierde und erklärte, sie wirke trotz ihrer 18 Jahre bereits sehr routiniert.

Schnell war klar, dass Oberdorf bald die SGS verlassen würde, und Wolfsburg holte sie 2020 an den Mittellandkanal. Hauptkonkurrent des VfL war laut Oberdorf der FC Bayern München, aber das Interesse sei erst relativ spät gekommen. Der Schritt nach Wolfsburg war im Nachhinein der Richtige, Oberdorf wurde schnell zu einer festen Größe im Team und kam sowohl unter Stroots Vorgänger Lerch als auch unter dem jetzigen Trainer viel zum Einsatz. An den Wolfsburger Titeln der letzten zwei Jahren (zwei DFB-Pokalsiege und eine Meisterschaft) hat sie maßgeblichen Anteil.

Ihr aktueller Vertrag in Wolfsburg läuft noch bis 2024, bei anderen Vereinen ist Oberdorf heiß begehrt und die wertvollste Spielerin der Bundesliga. Unter jedem ihrer Posts finden sich zahlreiche „Come to Chelsea / Arsenal / Barcelona“ – Kommentare, auch Gerüchte zu Real Madrid musste sie schon dementieren. Oberdorf betont aber immer wieder, dass sie sich in Wolfsburg sehr wohlfühlt und dort eine Ära prägen möchte. 

Stärken

Was genau macht Oberdorf so begehrt? Martina Voss-Tecklenburg sagte 2019: "Lena hat eine tolle Spielübersicht, ist auf mehreren Positionen einsetzbar und bringt neben ihrer guten Physis auch eine gute Mentalität und viel Mut mit". Diese Beschreibung trifft es auch heute noch gut. Oberdorfs Spielweise ist es stark anzumerken, dass sie früher auch oft im offensiven Mittelfeld gespielt hat. Sie hat ein sehr gutes Gespür für Laufwege und spielt viele Schlüsselpässe.

Zudem ist sie defensiv stark und mit ihrer Physis ein echtes Zweikampfmonster. Ihre bemerkenswerteste Qualität ist aber vermutlich die Schnelligkeit, mit der Oberdorf konstant gute Entscheidungen trifft. Sie hat stets einen guten Überblick über den Platz und ist in der Lage, den Ball schnell weiterzugeben oder auch selbst durch das Mittelfeld zu treiben.

Daher wird es für Deutschlands Erfolg bei der EM auch mitentscheidend sein, inwiefern Oberdorf ihre spielerischen Qualitäten auch auf der Innenverteidigung einsetzen kann oder ob darunter das Aufbauspiel leiden wird. Tore schießen kann Oberdorf auch noch, ob mit rechts, links oder mit dem Kopf - und ist daher bei Standards wichtig für das DFB-Team.

Schwächen

All das zeigt, das Oberdorf eine sehr komplette Spielerin ist. Ihre Souveränität und routinierte Zweikampfführung lassen oft vergessen, dass sie erst 20 Jahre jung ist. Manchmal fällt sie allerdings mit ungeschickten oder ungestümen Abwehraktionen auf, so etwa ihr Eigentor gegen Hoffenheim, oder ein Laufduell, das sie nicht richtig eingeschätzt hat. Oberdorf neigt außerdem dazu, viele gelbe Karten zu kassieren. Oft sind diese ein Resultat eines wichtigen taktischen Fouls, manchmal könnte sie es sich aber auch sparen. Diese defensiven Mankos werden auf der Innenverteidigung meist deutlich mehr offengelegt als auf der Sechs, da sie dann niemanden mehr hinter sich hat.

Zusammengefasst ist Lena Oberdorf, das "Jahrhunderttalent des deutschen Fußballs", eigentlich kein wirkliches Talent mehr, was vielleicht das größte Kompliment ist, was man ihr machen kann. Mit ihrer Erfahrung in der Nationalmannschaft und auf Vereinsebene auf dem höchsten Level ist sie trotz ihrer 20 Jahre keine junge Hoffnung mehr, sondern auf dem besten Weg, eine prägende Führungsspielerin für die nächsten Jahre zu werden. Ihre teils ungestümen Aktionen und Fouls sind das einzige Defizit in ihrem Spiel, ansonsten ist sie eine komplette Spielerin, die mit Übersicht, Physis und Spielintelligenz glänzen kann. 


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