Turbine Potsdam

Zum Scheitern vorverurteilt: Kommentar zum Middeke-Aus in Potsdam

Helene Altgelt
Turbine Potsdam v VfL Wolfsburg - FLYERALARM Women's Bundesliga
Turbine Potsdam v VfL Wolfsburg - FLYERALARM Women's Bundesliga / Matthias Kern/GettyImages
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"Ab sofort gilt Vollgasveranstaltung", hatte Sebastian Middeke bei seiner Vorstellung im Sommer als neuer Potsdam-Trainer gesagt. Jetzt haben die Verantwortlichen bei Turbine die Notbremse gezogen, für Middeke ist nach sechs Spielen und nur einem Punkt Schluss. Turbine machte unter ihm nicht den Eindruck, konkurrenzfähig zu sein. Aber Middeke übernahm nicht gerade einen Ferrari, sondern eher einen hastig zusammengebauten Wagen, bei dem er Fahrer und Mechaniker zugleich sein musste. Das Aus wirkt daher vorprogrammiert.


Vom Team der letzten Saison war nur noch ein Rumpf übrig

Middeke übernahm ein Potsdam-Team, von dem nur noch ein Rumpf übrig war, wenn überhaupt. Der Aderlass im Sommer - neun Stammspielerinnen verließen den Verein - war intern schon lange vor Saisonende klar. Da hätte auch die Champions-League-Qualifikation, an der Potsdam haarscharf vorbeischrammte, wohl nichts geändert. In der letzten Saison war Turbine selten der stabilste Wagen auf der Rennstrecke, konnte aber mit Schnelligkeit und individueller Qualität punkten.

Im Sommer waren alle Teile vom Massen-Exodus betroffen: Von Mittelfeldmotor Gina Chmielinski über Stabilisatorin und Kapitänin Sara Agrez bis hin zu Torgarantin Selina Cerci und ihrer kongenialen Sturmpartnerin Melissa Kössler - die wichtigsten Spielerinnen verließen die Turbine. Dass das diesjährige Potsdam nur wenig mit dem der letzten Saison gemein haben würde, war klar. Turbine drückte notgedrungen auf den Reset-Knopf und holte in der Sommerpause viele junge Spielerinnen, der Großteil von ihnen ohne Bundesliga-Erfahrung.

Middeke war sich bewusst, wie groß die Herausforderung war, die er angehen musste. "Das wird ein Riesen-Brett für uns dieses Jahr", sagte er vor Saisonstart im Gespräch mit 90min. Aber es war auch eine einzigartige Chance für ihn, sich zu beweisen. Abgesehen von einem vierwöchigen Engagement bei Berghofen war es seine erste Station als hauptamtlicher Trainer in einer der ersten beiden Ligen. Zu Beginn gab er sich vorsichtig optimistisch zu Turbines Chancen, sagte: "Ich bin zuversichtlich, dass wir uns auch zukünftig gut aufstellen können und wieder angreifen."

"Kein Schönwetterfußball": Taktik von Middeke nicht aufgegangen

Für mehr Zuversicht hat Middeke bei dem Traditionsverein allerdings auch nicht sorgen können. Dabei kann ihm nicht vorgeworfen werden, keine klare Linie verfolgt zu haben: Von Anfang an war klar, dass er die Defensive priorisieren wollte und Effektivität großschrieb. "Das ist vielleicht nicht immer der allerschönste Fußball, aber was bringt uns ein Schönwetter-Fußball, wenn wir am Ende nicht effektiv sind?", sagte er zu Beginn der Saison noch.

Dieser Plan ist nicht aufgegangen. Ja, Turbine spielte keinen Schönwetter-Fußball, aber auch keinen effektiven. Und erst recht keinen, bei dem die Defensive unbezwingbar wirkte. Allein Freiburg schenkte Potsdam am letzten Wochenende fünf Tore ein, der Aufsteiger und krasse Außenseiter Duisburg traf dreimal. Middeke ließ sein Team in einem tiefen 4-4-2 spielen und wollte so das Zentrum blockieren. Sein Team sollte über Vorstöße über außen und Flanken auf Stürmerin Martyna Wiankowska zum Erfolg kommen, so die Spielidee.

Dass diese nicht funktioniert hat, liegt vor allem an zwei Dingen. Zum einen stand die Defensive, trotz der zwei tiefen Ketten, nicht stabil. Es fehlten vor allem die Basics, was immer wieder von den Gegnerinnen offengelegt werden: Das Deckungsverhalten war in vielen Situationen katastrophal, bei der Zweikampfführung hinkte Turbine hinterher, die Zuordnung bei Standardsituationen schien unklar. Nach sechs Spieltagen wirkt es nicht so, als hätte Middeke einem neu formierten Team schon eine Ordnung geben können. Eine Verbesserung von Spiel zu Spiel war nicht erkenntlich.

Zu wenig individuelle Qualität, dazu noch Verletzungen

Kurz: Middeke zeigte taktisch bisher kein großes Geschick, unter schwierigen Voraussetzungen. Der Kader war bereits von Anfang an dünn besetzt, trotz zahlreicher Verpflichtungen. Die allermeisten von ihnen hatten noch keine Bundesliga-Erfahrung, galten eher als Wette für die Zukunft. Aber keine Zukunft ohne erfolgreiche Gegenwart, und so führten individuelle Fehler Potsdam ebenfalls zu Gegentoren.

Insgesamt zeigten zu wenige der neuen Spielerinnen, dass sie sofort in der Bundesliga mithalten können. Und das ist auch kein Wunder, die allermeisten brauchen eine Eingewöhnungszeit, und zwar eine, die länger ist als sechs Spiele. Andere Spielerinnen avancierten prompt zu Leistungsträgerinnen. Stürmerin Amber Barrett etwa, die von Middeke zur Rechtsverteidigerin umgeschult wurde und das gut machte. Auch Martyna Wiankowska deutete ihr Potenzial an, ebenso wie Sturmpartnerin Mai Kyokawa. Aber insgesamt ist es schlicht zu wenig.

Dazu kommt noch das Pech: Noemi Gentile, aus Sand gekommen, wurde zur Kapitänin und war ein Lichtblick bei den ersten Spielen. Dann verletzte sie sich schwer und wird lange ausfallen. Dazu kamen zahlreiche kleinere Verletzungen. Middeke schien das schon vor der Saison zu schwanen, als er sagte: "Wir sind in einer Situation, wo es unabdingbar ist, dass das Verletzungspech an uns vorübergeht".

Turbine Potsdam war nach zahlreichen Abgängen und unzureichenden Verstärkungen auf dem Transfermarkt in einer Situation, wo ein Wunder nötig gewesen wäre. Das konnte Sebastian Middeke nicht leisten, sein Team ließ die Basics vermissen und ausgerechnet die Defensive, auf die er aufbauen wollte, zeigte eklatante Schwächen. Dennoch sind sechs Spiele keine ausreichende Bewährungszeit für einen Trainer. Auch vor dem Hintergrund der Verletzungen greift es zu kurz, ihm die Verantwortung für den desaströsen Saisonstart zu geben.


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