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SC Freiburg

Keven Schlotterbeck im 90min-Interview: "Wir sind auch nur Menschen!"

Christian Gaul
Apr 13, 2021, 5:12 PM GMT+2
Keven Schlotterbeck startet beim SC Freiburg durch
Keven Schlotterbeck startet beim SC Freiburg durch / Pool/Getty Images
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Nach zwei vermeidbaren Niederlagen befindet sich der SC Freiburg dennoch weiterhin im Rennen um die internationalen Plätze. Großen Anteil an der starken Saison der Breisgauer hat bislang auch der 23-Jährige Keven Schlotterbeck, der erst über einige Umwege den Weg in die Bundesliga fand. Im Interview mit 90min sprach er über seinen Werdegang, das Verhältnis zu seinem Bruder Nico und die Aussichten mit dem SC Freiburg.

Keven Schlotterbeck stammt aus der Jugend der Stuttgarter Kickers. Nachdem er, inklusive eines einjährigen Zwischenhalts beim VfL Kirchheim, von 2012 bis 2017 für die TSG Backnang noch in der Verbandsliga Württemberg aktiv war, wechselte er als damals 20-Jähriger zum SC Freiburg.

Allerdings war Schlotterbeck in seiner ersten Spielzeit im Breisgau ausschließlich für die zweite Mannschaft der Freiburger eingesetzt worden. Sein Debüt für die Profis feierte er erst im Februar 2019, als er beim 2:2 im Bundesligaspiel in Stuttgart für den verletzten Manuel Gulde in die Partie kam.

Schlotterbeck kam damit als fast 22-Jähriger zu seinem ersten Profi-Einsatz - in Zeiten der immer jünger werdenden Talente eine Rarität. Es folgten noch acht weitere Pflichtspiele für den SC, bevor Schlotterbeck im Sommer 2019 auf der Suche nach mehr Spielpraxis beim 1. FC Union Berlin fündig wurde. Nach der einjährigen Leihe in die Hauptstadt konnte er 27 zumeist starke Auftritte vorweisen, die ihn auch in der aktuellen Saison beim SC Freiburg zum Stammspieler machten.

Dreierkette als Glücksfall - rosige Aussichten in Freiburg?

Jedoch kam Schlotterbeck leicht angeschlagen in die laufende Saison, erst am neunten Spieltag in Augsburg reichte seine Fitness für den ersten Startelf-Einsatz. Trainer Christian Streich hatte von da an auch dauerhaft auf eine Dreierkette in der Abwehr umgestellt - Zufall?

"Der Trainer konnte auch vor meiner Genesung schon mit der Dreierkette spielen. Aber natürlich kam es mir entgegen, da ich mich mit meiner Ruhe und meinem Aufbauspiel schon als geeigneten Mann für die Mittelposition in diesem System sehe", stellte Schlotterbeck klar, dass ihm die zugewiesene Rolle liegt.

Fortan war Schlotterbeck gesetzt und absolvierte zwölf Liga-Partien in Serie über die vollen 90 Minuten. In dieser Zeitspanne verlor der SC Freiburg nur zweimal: Mit 1:2 beim FC Bayern und mit 0:3 beim VfL Wolfsburg. Eine kleinere Muskelverletzung warf ihn dann im Februar 2021 leicht zurück, doch in den letzten beiden Spielen stand er wieder über die volle Distanz auf dem Rasen.

Dabei musste der SC in Gladbach und in Bielefeld zwei absolut unnötige Niederlagen hinnehmen. Besonders das 0:1 auf der Alm wurmte Schlotterbeck noch sichtlich, da man aufgrund eines vermeidbaren Eigentores das Nachsehen hatte.

"Taktisch war der Auftritt ok, es dann so zu verlieren, war natürlich bitter. Der freie Tag war gut, um das Spiel noch einmal Revue passieren zu lassen. Wir konnten uns noch einmal ansehen, was wir besser machen können und nun gilt es, den Blick auf die kommende Partie gegen Schalke zu richten", setzte Schlotterbeck seinen Fokus auf die nächste Aufgabe.

"Für Schalke, so ehrlich muss man sein, wird es extrem schwer, die Klasse noch zu halten. Sie können also in gewisser Weise befreit aufspielen. Es wird für uns extrem schwierig, wir müssen mit Wille, Kampf und Leidenschaft, also unseren Tugenden, von Beginn an dagegen halten."

Keven Schlotterbeck
Keven Schlotterbeck musste seinen Jubel in Gladbach wieder einstecken / Joosep Martinson/Getty Images

Schlotterbeck über die Conference League und seine sportliche Zukunft

In der Woche vor der Niederlage in Bielefeld musste sich der SC auch in Gladbach geschlagen geben. Nach einer überragenden ersten Hälfte führte man dort nur mit 1:0, im zweiten Durchgang drehten die Fohlen das Spiel und gewannen 2:1 - auch weil der Freiburger Ausgleich in der Nachspielzeit durch Schlotterbeck vom VAR einkassiert wurde, da in der Entstehung eine Abseitsposition vorlag.

"Das war natürlich extrem schade, Aber wir müssen es so hinnehmen", wollte Schlotterbeck keine große Kritik am VAR geltend machen. Trotz dieser vermeidbaren Pleiten befindet sich der SC weiterhin aussichtsreich im Rennen um die internationalen Plätze. Nur drei Zähler trennen die Freiburger derzeit von Platz sieben, der für eine Teilnahme am europäischen Wettbewerb reichen könnte.

Im Gegensatz zu manch anderen Profis sieht Schlotterbeck auch die neu eingeführte Conference League als interessanten Wettbewerb an. "Die UEFA wird sich etwas dabei gedacht haben, diesen Wettbewerb einzuführen. Schauen wir mal, wie es in der ersten Saison so läuft. Für uns wäre eine Teilnahme sicherlich auch spannend. Du spielst dann in Ländern und Stadien, die du sonst nicht zu Gesicht bekommst. Auch die dort vertretenen Mannschaften können kicken, man kann viele Erfahrungen sammeln, die einen weiter bringen", konnte Schlotterbeck einige positive Aspekte benennen.

Doch ist der Innenverteidiger auch im nächsten Jahr überhaupt noch ein Teil der Freiburger Mannschaft? Immerhin läuft sein Vertrag im Sommer 2022 aus. "Generell reden wir hier nicht gerne über Vertragslaufzeiten. Doch fühle ich mich hier sehr wohl und heimisch. Die Mischung aus Engagement und Spaß ist in Freiburg einzigartig und liegt mir ungemein. Ich sage es mal so: Wenn alles passt, dann sieht es derzeit sehr gut aus, dass ich auch im nächsten Jahr hier bin", ließ sich Schlotterbeck zumindest eine kleine Tendenz entlocken.

Konkurrenz zum eigenen Bruder und die Auswirkungen der Pandemie

Als sich Keven Schlotterbeck im Sommer 2017 dem SC Freiburg anschloss, verpflichteten die Breisgauer zeitgleich auch seinen rund zweieinhalb Jahre jüngeren Bruder Nico, der damals vom KSC kam. Beide spielen auf der Position des Innenverteidigers, beide zeichnen ähnliche Qualitäten und ein starker linker Fuß aus.

"Da scheint unser Papa wohl einen gewissen Plan verfolgt zu haben", scherzte Keven, doch sieht er den Konkurrenzkampf in Freiburg als Herausforderung an - nicht nur in Bezug auf seinen momentan ebenfalls an Union Berlin verliehenen Bruder. "Ich habe Nico damals keine Steine in den Weg gelegt. Ich hatte schon ein paar Wochen vor ihm den Entschluss gefasst, nach Freiburg zu gehen und ihm geraten, dass er die Chance ebenso wahrnehmen soll. Unsere Verpflichtungen waren völlig unabhängig voneinander, Nico wurde auch schon Jahre vorher beobachtet." Zudem sei sein Verhältnis zu den anderen Konkurrenten um Manuel Gulde, Dominique Heintz oder Philipp Lienhart absolut freundschaftlich.

"Wenn du in der Bundesliga spielen willst, dann musst du dich immer mit Konkurrenz auseinandersetzen. Wir alle profitieren aber voneinander und helfen uns, wo es geht. Das macht uns letztlich alle besser", lobte Schlotterbeck seine Kollegen.

Besonders in Zeiten der Pandemie sei Zusammenhalt sehr wichtig. Obwohl die Profi-Fußballer in einer Blase leben, gelte für sie ebenso, dass man sich sehr die Rückkehr zu einer gewissen Normalität wünsche.

Ermedin Demirovic, Keven Schlotterbeck
Keven Schlotterbeck hebt den Zusammenhalt in Freiburg hervor / Christian Kaspar-Bartke/Getty Images

"Wir sind auch nur Menschen. Klar haben wir Privilegien und sind glücklich, dass wir im Gegensatz zu vielen anderen Arbeitnehmern weiterhin unserem Beruf nachgehen können. Doch vermisse ich es genauso, mich einfach mal in ein Café zu setzen und zu plaudern oder die Jungs zu mir nach Hause einzuladen und für sie zu kochen. Man darf auch nicht vergessen, dass wir durch das Hygienekonzept der DFL auch viele Dinge beachten müssen, die für andere wiederum keine Rolle spielen. Niemand darf sich einen Fehltritt erlauben. Niemand will für die Infektion von Mitspielern und Mitarbeitern verantwortlich sein und dann, wohl auch zu Recht, medial im Fokus stehen", sprach Keven Schlotterbeck letztlich einen treffenden Punkt an.

Denn auch wenn der geneigte Kritiker am Bildschirm gerne auf die Unsummen verweist, die Profi-Fußballer hierzulande verdienen, darf man dennoch nicht außer Acht lassen, dass es sich ebenfalls um Menschen handelt. Menschen, die zwar zumeist in jungen Jahren schon erhebliche Gehälter beziehen, jedoch im Gegenzug dafür auch den extrem weitreichenden Einschränkungen ihrer Profession unterliegen. Im privaten Bereich hingegen haben sie dieselben Bedürfnisse, Bedenken und Hoffnungen, wie jeder andere Mensch auch.

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