Frauen-EM

Kantersiege bei der EM: Wie sind die hohen Ergebnisse zu erklären?

Helene Altgelt
England hatte gegen Norwegen gleich achtmal Grund zum Jubeln.
England hatte gegen Norwegen gleich achtmal Grund zum Jubeln. / Naomi Baker/GettyImages
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8:0, 5:1 und 4:0 - bei der EM sind schon einige hohe Ergebnisse erzielt worden. Ein überraschender Befund, weil die Verliererinnen teilweise auch zu den Mitfavoritinnen zählten und vor dem Turnier von einer breiten Spitze die Rede war. Wie können die Kantersiege erklärt werden?


Das Phrasenschwein klingelte in der EM-Vorbereitung. Ob auf deutsch, französisch oder englisch: Die Phrase "Es gibt keine Favoriten" wurde von Spielerinnen aller Teams gerne benutzt. Etwa der Hälfte der Mannschaften wurden vor Turnierbeginn Chancen auf den Sieg ausgerechnet, der Favoritenkreis war so groß wie nie zuvor.

Nach 14 Spielen ist er bereits geschrumpft. Die Norwegerinnen, vorher oft als Überraschungsteam betitelt, hat nach der klaren 0:8-Niederlage wohl kaum jemand noch als möglichen Turniersieger auf dem Zettel, in jedem Fall muss eine ordentliche Steigerung in der Defensive her. Das gilt auch für Dänemark (0:4 gegen Deutschland) und Italien (1:5 gegen Frankreich), deren Träume von einer großen Überraschung vorerst in den Hintergrund gerückt sind, da es nun um das Weiterkommen geht.

Angesichts der Einzelspielerinnen in den unterlegenen Teams und auch den Weltranglistenplätzen (Norwegen 11, Dänemark 14, Italien 15) wirkt es überraschend, dass es ausgerechnet diese Teams getroffen hat. Lag vor der EM also eine große Fehleinschätzung vor und die Defensivschwächen dieser Teams waren bereits vorher klar? Oder sind die Resultate eher den starken Leistungen der Siegenden zuzuschreiben? Und sind diese Siege für die Entwicklung des Frauenfußballs aussagekräftig?

Die Qualität bewerten - eine mühsame Aufgabe

Angesichts solcher Resultate kommt es dann oft zu vorhersehbaren Reaktionen - das unterlegene Team wird verspottet, oder noch lieber der Vergleich zum Männerfußball. Das geht am Punkt der Sache vorbei - die Frage ist doch, wie solche Resultate zu bewerten sind. Heißen solche Siege nun, dass die Qualität der offensiven Spielerinnen gestiegen ist, oder sind sie ein Zeichen dafür, dass die Defensive ausbaufähig ist? Oft ist es eine Mischung aus beidem.

Es ist allerdings nicht ganz einfach, die Behauptungen, die Qualität des Spiels sei seit Jahren nicht gestiegen, zu entkräften. Das liegt an dem Mangel an Statistiken der vergangenen Jahre, es fehlt eine Basis für den Vergleich. Die Seite fotmob.com wird bei dieser EM meist als Quelle für Statistiken genutzt, ausführliche Berichte finden sich aber erst seit der WM 2019. Für die Turniere davor sind nur die Grunddaten vorhanden - etwa, dass Deutschland beim Gruppenspiel 2017 gegen Schweden sieben Mal ins Abseits lief, ihre Gegenspielerinnen dagegen kein einziges Mal. Vielleicht nicht uninteressant, aber die Passgenauigkeit etwa wäre ein besseres Indiz.

Je weniger Tore, desto besser?

In Ermangelung dieser Statistiken bleibt noch der Blick auf die erzielten Tore. Je mehr Tore, desto schlechter die Qualität - das ist bei der Bewertung von solchen Kantersiegen eine beliebte Hypothese. Demnach wäre zu erwarten, dass seit der ersten offiziellen EM 1984 bei den erzielten Toren pro Spiel ein klarer Trend nach unten zu erkennen ist. Davon kann aber nicht die Rede sein:

Wie hier zu sehen ist, hat sich die Anzahl der Tore pro Spiel nicht besonders verändert. Zwar sinkt die Anzahl tendenziell eher, aber man kann nicht sagen, dass ein Turnier besser ist, je weniger Tore pro Spiel geschossen wurden. Dabei geht es natürlich auch um das Resultat am Ende - bei vielen 3:3-Unentschieden ist die Qualität in der Breite höher als bei einem 6:0. Ein weiterer Faktor ist, dass bei der EM mehr und mehr Teams mitspielen, früher galten nur Halbfinale und Finale als Endrunde. Damit trat nur die crème de la crème in der Endrunde an, womit also weniger Tore zu erwarten wären.

Abwechslung von hohen Siegen und ausgeglicheneren Turnieren

Insgesamt kann man daher schon von einem Sprung in der Breite sprechen. Interessant sind an dem Diagramm auch die Ausreißer, besonders sticht das Turnier von 1995 mit im Durchschnitt fünf Toren pro Spiel heraus. Die nur fünf Spiele der Endrunde waren allesamt sehr torreich, mit den Spielen der Gruppenphase wäre der Schnitt sicher noch höher geworden. Die deutsche Bilanz lautet: 5:0 und 11:0 gegen die Schweiz, zweimal 12:0 gegen Wales, 7:0 und 8:0 gegen Kroatien, der Gruppensieg mit 55:0 Toren. Angesichts dieser Ergebnisse ist es keine Frage, dass bereits eine enorme Entwicklung stattgefunden hat.

Zu dieser Entwicklung gehören und gehörten auch verschiedene Phasen. Dominante Mannschaften und schwächelnde Mitfavoritinnen waren bei fast allen Turnieren zu beobachten. Ein Muster liegt darin, dass in bestimmten Ländern schnelle Fortschritte erzielt wurden und die Resultate dementsprechend aussahen, während andere erst ein paar Jahre später nachzogen. Oft waren die Ergebnisse auch ein Weckruf für die unterlegene Mannschaft. 2009 konnte sich Deutschland etwa mit 5:1 gegen ebenjenes Frankreich durchsetzen, was nun mit 5:1 gegen Italien triumphierte. Vielleicht wird Italien in ein paar Jahren dann eine schwächeres Land mit 5:1 schlagen können.

Schwache Defensiven, effiziente Siegerinnen

Mit dieser Entwicklung hätten die Defensivleistungen von Norwegen, Dänemark und Italien schon besser sein müssen. Besonders bei Norwegen zeigten sich beim Verteidigen von Flanken ein paar eklatante Schwächen, allen Teams war dann auch die Verunsicherung anzumerken.

Die Siegerinnen präsentierten sich aber auch stark und vor allem sicher im Abschluss. Der xG von Deutschland gegen Dänemark lag bei etwa drei, Dänemark hat also Chancen für drei Tore zugelassen - auch nicht hervorragend, aber schon weniger. Frankreichs xG lag bei etwas weniger als vier, sodass die Kantersiege also alle einen Tacken zu hoch ausgefallen sind - oder sich die Siegerinnen eben eiskalt vor dem Tor zeigten.

Norwegen zeigte sich von den drei Teams mit Abstand am schwächsten, auch ein xG von sieben muss ein Anlass für Sorgenfalten auf Martin Sjögrens Stirn sein. Bei seinem Team war es eine Mischung von Spielerinnen auf ungewohnten Positionen (Innenverteidigerinnen Mjelde und Thorisdottir verbrachten weite Strecken ihrer Karriere im Mittelfeld, Linksverteidigerin Blakstad ist eigentlich Offensivspielerin) und schwachem Deckungs- und Zweikampfverhalten, die ins Verderben führte. Besonders neu waren diese Probleme allerdings nicht, schon letztes Jahr setzte es in einem Testspiel gegen die Niederlande ein 0:7.

Lücken können geschlossen werden, einige kleinere Teams machen es gut

Insgesamt sind die hohen Siege also nicht unbedingt ein Zeichen einer fehlenden Entwicklung generell, sondern eher in den betroffenen Ländern. Gerade im Frauenfußball können mit vergleichsweise kleinen Investitionen Vormachtstellungen geschaffen werden - die anderen Nationen müssen jetzt also nachziehen. Trotzdem waren die Thesen von einem plötzlich riesigen Favoritenkreis etwas zu schnell aufgestellt - noch vor zehn Jahren waren nur drei oder vier Teams im Rennen, heute sind es mehr, aber es gibt weiterhin Lücken.

Bei der aktuellen Entwicklung ist es aber realistisch, dass die Lücken im Laufe der Zeit geschlossen werden - dabei ist Kritik an den Ländern, die enttäuschende Leistungen bringen, auch notwendig. Nicht zu vergessen ist auch, dass andere, kleinere Teams, wie Finnland gegen Dänemark, oder Portugal, sich gegen Mitfavoritinnen sehr gut geschlagen haben. "Da ist viel Potenzial" - das Phrasenschwein freut sich wieder.


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