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DFB-Team

Jürgen Kohler über das DFB-Team, die EM und warum der Weltfußball schlechter geworden ist

Simon Zimmermann
Welt- und Europameister Jürgen Kohler im 90min-Gespräch
Welt- und Europameister Jürgen Kohler im 90min-Gespräch
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Als die deutsche Nationalmannschaft zum letzten Mal Europameister wurde, sollte Jürgen Kohler eigentlich ein Eckpfeiler der Mannschaft von Bundestrainer Berti Vogts sein. Doch auf dem Platz war für den Vize-Kapitän das Turnier 1996 schon nach 14 Minuten gelaufen. Im Gruppenspiel gegen den späteren Finalgegner Tschechien riss sich Kohler - damals Kapitän für den verletzten Jürgen Klinsmann - das Innenband im Knie.

Trotzdem darf sich der 105-fache Nationalspieler den dritten EM-Titel der DFB-Geschichte in die Vita schreiben. Und die ist prall gefüllt mit den größten Titeln, die ein Fußballer auf diesem Planeten gewinnen kann. 


Die Highlights aus Jürgen Kohlers Titelsammlung

  • Weltmeister 1990
  • Europameister 1996
  • Champions-League-Sieger 1997 (mit Borussia Dortmund)
  • UEFA-Cup-Sieger 1993 (mit Juventus Turin)
  • 3x Deutscher Meister 1990 (mit dem FC Bayern), 1996 & 2002 (mit dem BVB)
  • Italienischer Meister 1995 (mit Juventus Turin)
  • Italienischer Pokalsieger 1995 (mit Juventus Turin)
  • Weltpokalsieger 1997 (mit dem BVB)

Wir haben mit Kohler (105 Länderspiele) über die anstehende Europameisterschaft und die Chancen des deutschen Teams gesprochen. Bundestrainer Joachim Löw holte mit Thomas Müller und Mats Hummels zwei Routiniers zurück, die 2019 eigentlich Platz für einen Umbruch machen sollten.

"Bei Mats Hummels sehe ich Licht und Schatten über die gesamte Saison."

Jürgen Kohler

Für Kohler seien im aktuellen EM-Aufgebot zwar "die besten Spieler dabei". Bei Müller und Hummels müsse man aber die Entwicklung bedenken. "Man kann sagen: 'Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?' Das kann man so machen. Das bleibt dann so lange ruhig, wie es erfolgreich ist. Wenn nicht, kommen diese ganzen Themen wieder hoch. Bei Thomas Müller muss man aber sagen, dass es absolut berechtigt ist. Weil er in den letzten 1,5 Jahren wieder auf einem anderen Level gespielt hat. Bei Mats Hummels sehe ich Licht und Schatten über die gesamte Saison", schränkte Kohler ein.

Warum Kohler auf Hummels und Boateng verzichten würde

Den Abwehrchef von Borussia Dortmund hätte er folglich nicht ins DFB-Team zurückgeholt. Genauso wenig wie Jerome Boateng: "Nein. Das hat nichts persönlich mit den beiden zu tun. Wenn ich als Trainer meine Meinung gehabt habe und diese auch immer vertreten habe, dass ich der Jugend eine Chance geben will und dann meine Meinung wieder ändere - dann verbaue ich der Jugend jetzt diese Erfahrungswerte wieder. Ich kann natürlich sagen: 'Scheiß drauf, ich will Europameister werden!' Aber das sollte ich mir alles vorher überlegen und wissen, welche Konsequenzen es hat." 

Mats Hummels, Thomas Müller
Thomas Müller und Mats Hummels gehen als Stammspieler in die EM / Alexander Hassenstein/Getty Images

"Eine Aktion verursacht ja immer eine Reaktion. Wenn die Aktion da ist und du dich für einen Weg entscheidest, dann musst du auch für die Reaktion geradestehen. Da kannst du nicht immer hin und her switchen."

"Der Weltfußball ist insgesamt schlechter geworden."

Jürgen Kohler

DFB-Elf für Kohler Top-Favorit - Qualität hat insgesamt nachgelassen

Ob mit oder ohne Hummels - für Kohler ist das DFB-Team einer der Top-Favoriten auf den Titel. Auch, weil er die Konkurrenz nicht besonders stark einschätzt: "Wenn du den Titel gewinnst, ist alles richtig - wovon ich eigentlich ausgehe -, weil ich ja auch die anderen Nationen sehe. Da muss ich ehrlich sagen, der Weltfußball ist insgesamt schlechter geworden. Auch der Ligabetrieb. Ob das immer mit der Pandemie zusammenhängt, bezweifle ich stark."

Trotz der Hammer-Gruppe mit Titelverteidiger Portugal, Weltmeister Frankreich und den Ungarn sieht der 55-Jährige folglich keine Gefahr für ein deutsches Gruppen-Aus. Auch, weil sogar die besten Gruppendritten sich für das Achtelfinale qualifizieren. Dennoch: "Vor allem die Franzosen werden ein echter Gradmesser sein. Sie sind individuell etwas besser besetzt als wir, haben aber auch keine überragende Quali gespielt." 

"Aus deutscher Sicht ist etwas schade, dass die EM nicht letztes Jahr ausgetragen wurde. Die Bayern-Spieler wären mit einer ganz anderen Euphorie ins Turnier gegangen. In diesem Jahr hatte die Mannschaft nicht die ganz großen Erfolgserlebnisse. Da reisen Spieler mit einem ganz anderen Selbstverständnis an. Die ganz großen Erfolge hatte man immer dann gehabt, wenn die Vereinsmannschaften große Erfolge hatten. Wenn man dann noch die Leistungen der Nationalelf im Vorfeld der EM dazu nimmt, mit dem 0:6 in Spanien und der Pleite gegen Nordmazedonien, spielt das in den Köpfen auch eine Rolle."

Immerhin kommen drei der England-Legionäre mit dem Henkelpott im Rücken zur Mannschaft. Gerade Antonio Rüdiger könnte eine wichtige Rolle im Defensiv-Verbund spielen.

Bestbesetzung in der Abwehr erst unmittelbar vor Turnierstart sichtbar

Auf eine Abwehrformation für das Turnier wollte sich Kohler aber noch nicht festlegen. Die Bestbesetzung kristallisiere sich immer erst in der Vorbereitung auf ein Turnier heraus, meinte der ehemalige Weltklasse-Innenverteidiger. 

"Wenn ich an 2014 denke, wo alle über Mats Hummels geschwärmt haben: Der beste Abwehrspieler im Turnier war Jerome Boateng! Ich habe da vielleicht einen anderen Blick drauf, weil ich weiß, was es dazu braucht, um defensiv seinen Job zu erledigen. Es geht darum, den Gedanken zu implementieren: Ich bin hier für das gesamte Defensiv-Verhalten verantwortlich.

Es geht um Kommunikation, Zweikampfstärke, Schnelligkeit, Absprache mit den anderen Mannschaftsteilen, und und und. Da gibt es viele Themen, die da mit reinspielen. Die Konstellationen kristallisieren sich immer erst zum Turnierstart heraus."

Vieles scheint für Hummels als Abwehrchef zu sprechen. An Antonio Rüdiger wird der Bundestrainer in der aktuellen Form ebenfalls nicht herumkommen. Entweder die beiden werden unser Abwehr-Duo bilden oder aber Löw setzt auf eine Dreierkette. Dann könnten Matthias Ginter oder Niklas Süle vom dritten Startplatz profitieren.

Weltklasse sieht man im Weltfußball nicht mehr so oft

Tiefe und Spitze auf der Verteidiger-Position im deutschen Kader sind aber längst nicht mehr so ausgeprägt, wie in den Jahrzehnten zuvor, als eigentlich immer Weltklasse-Abwehrspieler zur Verfügung standen. Für Kohler ist das aber kein positionsspezifisches Problem - sondern ein generelles.

"Früher wurde viel individueller, positionsspezifischer ausgebildet. Da war der Abwehrspieler auch noch Abwehrspieler. "

Jürgen Kohler

"Zählt mal von den 1970er und 80er Jahren die Weltklassespieler auf. Aus dem Stand fallen mir da 20 bis 30 ein. Die gleiche Anzahl kann ich in den 90ern und Anfang der 2000er Jahre - vielleicht bis 2006 - aufzählen. Ich rede hier von Weltklasse. Nicht für ein Jahr super gespielt, sondern zehn bis 15 Jahre am Stück super gespielt. Typen, wie heute Messi oder Ronaldo, die die Vereine auch wirklich besser gemacht haben. Stand heute, fällt es mir schon schwer zehn Weltklasse-Spieler nach diesem Kriterium zu nennen.

Früher wurde viel individueller, positionsspezifischer ausgebildet. Da war der Abwehrspieler auch noch Abwehrspieler. Heute muss er auch der Spielmacher sein. Es ist, wie wenn man ein Haus baut und versucht die Ziegelsteine nach unten und die Backsteine nach oben zu packen."

Neben der Ausbildung zeigen sich auch Probleme verursacht durch die neue Generation, findet Kohler. "Ein Problem ist auch, dass die Spieler heutzutage nicht mehr richtig fokussiert sind. Das haben die meisten verlernt. Es ist auch eine andere Zeit. Die Spieler haben viel mehr Dinge im Kopf, viel mehr Drumherum. Da ist es auch viel schwieriger sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Was auch dazukommt: Wenn heute einer zwei gute Spiele macht, ist er gleich Nationalspieler. Ich will das nicht immer mit früher vergleichen. Aber wenn man eine DFL-Studie anschaut, dass der durchschnittliche Bundesliga-Spieler zwei Millionen Euro brutto im Jahr kassiert, da lache ich mich kaputt. Wenn der dann zehn Jahre auf diesem Niveau spielt, hat er am Ende der Karriere - wenn er gut mit dem Geld umgeht - vielleicht 10 bis 14 Millionen Euro netto verdient. Für ein bisschen Kicken, ohne großartige Leistungen, ohne großen Druck. Heute spiele ich mal bei Mannschaft a, morgen vielleicht bei b. Hauptsache, ich nehme meine Kohle mit. So läuft das. Und das ist nicht gut."

"Es wird viel an Erfahrung und Gewinnermentalität liegen gelassen."

Jürgen Kohler

Klubs sollten auf mehr Fußball-Fachwissen setzen

Häufig unverständlich ist für Kohler auch, dass Klubs nicht vermehrt auf echte Expertise setzen. Die dann auch mal unbequem sein kann. "Es wird viel an Erfahrung und Gewinnermentalität liegen gelassen. Lothar Matthäus, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Michael Ballack, Mehmet Scholl - die sind alle als Experten aktiv. Warum? Weil das keine Ja-Sager sind und deshalb von vielen Klubs gemieden werden", so der ehemalige U21-Nationaltrainer (2002 - 2003).

Lothar Matthäus
Eine echte Chance als Funktionär oder Trainer erhielt Lothar Matthäus im deutschen Fußball nie / Alexander Hassenstein/Getty Images

"Ich will nicht sagen, dass jeder ehemalige Top-Spieler ein guter Trainer oder Manager ist. Aber sie haben in jedem Fall deutlich mehr Erfahrung und sich viel mehr Wissen angeeignet als jeder andere. Und diese Ressourcen müsste ich eigentlich viel mehr nutzen als Verein." Fußball-Fachwissen ist für Kohler dabei der wesentliche Aspekt.

"Beim FC Bayern zum Beispiel waren mit Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge ehemalige Weltklassespieler am Werk. Jetzt sind Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic da. Den Erfolg der Bayern kann man dabei nicht nur mit Titeln messen, sondern auch, wie der Klub aufgestellt ist", zeigt Kohler das größte Positiv-Beispiel auf.

"Es ist nicht modern, wenn einer mal eine Rolle anders interpretieren könnte. Neue Prozesse bedeuten immer auch einen Wandel. Neue Strukturen, neue Ideen." Und die können auch mal unangenehm sein.

Ein Dorn im Auge ist für Kohler auch der viel zu große Einfluss der Berater. Nicht nur auf die Spieler, sondern auch auf gesamte Klubs. Beispiele dafür hat es in der jüngeren Vergangenheit häufiger gegeben. Es ist eine Entwicklung, die nicht nur Kohler verstimmt und sorgenvoll in die Zukunft des Fußballs blicken lässt.

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