Janina Minge: Spielerin des Monats November - Freiburgs Mittelfeld-Motor ist der Shootingstar der Saison

Helene Altgelt
Janina Minge - 90min-POTM November
Janina Minge - 90min-POTM November /
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Acht Tore in neun Bundesliga-Spielen: Die Freiburger Mittelfeldspielerin Janina Minge blüht in dieser Saison auf und hat erheblichen Anteil am Höhenflug der Elf aus dem Breisgau. Dass Minge Anfang Dezember die Torschützenliste zusammen mit Ewa Pajor anführt, hatte wohl niemand auf dem Zettel - auch Minge selbst nicht. Was macht die 23-Jährige aktuell so stark?


Zaubertränke, Zielwasser oder Zwiebelkuchen? Was das Geheimnis von Janina Minges Erfolg derzeit ist, versuchten in den letzten Wochen einige Interviewer herauszufinden. Bisher ist das Geheimnis aber noch nicht an die Luft gekommen. An Power-Riegeln wie bei der 90min-Spielerin des Monats im Oktober, Linda Dallmann, scheint es nicht zu liegen.

Der Gedanke, dass da Magie im Spiel ist, ist aber nicht ganz fernliegend. Schließlich war Minge in den letzten Saisons nicht gerade als der Schreck der Bundesliga-Torhüterinnen schlechthin bekannt. Für den SC spielt sie bereits seit 2015, in sieben Saisons trug sie vor diesem Sommer das Freiburger Trikot. Dabei kam sie auf 120 Bundesliga-Einsätze, traf im Schnitt alle zwölf Spiele. Und nun fast jedes Spiel ein Tor. Neben geheimen Tricks stechen als Erklärung zwei Faktoren ins Auge:

Freiburger Teamerfolg: Neuer Torhunger unter Merk

Der erste ist der Erfolg von Freiburg in dieser Saison. Der SC steht mit nur zwei Punkten Rückstand auf Eintracht Frankfurt auf dem vierten Platz, nur der VfL Wolfsburg übertrifft Freiburgs Wert von 25 Toren. Zum Vergleich: Letzte Saison nach neun Spieltagen waren es nur halb so viele. Defensiv ist Freiburg dagegen nicht immer sattelfest, nur drei Teams haben mehr als die 17 Gegentreffer des SC kassiert. Unterhaltsam sind die Spiele von Merks Team auf jeden Fall, und der Erfolg gibt ihr Recht.

Unter der im Sommer gekommenen Theresa Merk spielt Freiburg offensiver und direkter als noch in den letzten Saisons unter Vorgänger Daniel Kraus. Der SC setzt weniger auf lange Bälle, sondern versucht, sich direkt und flach nach vorne zu kombinieren. Auch gegen den Ball hat sich Freiburg verbessert, läuft die Gegnerinnen nun aggressiver an. Nach Wolfsburg ist der SC das Team, das das Pressing am höchsten aufzieht. Besonders das Gegenpressing ist eine Stärke der Freiburgerinnen in dieser Saison, viele zweite Bälle werden so gewonnen. Dass gute Teamleistungen auch Einzelspielerinnen zugute kommen, liegt auf der Hand.

Neue, offensivere Position für Minge

Andererseits ist Freiburg nicht erst seit dieser Saison ein starkes Team. In der Spielzeit 2017/18 spielte der SC zum Beispiel auch offensiv und erfolgreich, landete am Ende auf dem dritten Platz. Die einzige Erklärung kann die Stärke des Teams für Minges Leistungsexplosion nicht sein. Dazu kommt eine offensivere Position mit mehr Freiheiten, was auch Trainerin Theresa Merk als einen Grund für die vielen Tore sieht.

In den vergangenen Jahren wurde Minge meist als Verteidigerin oder im defensiven Mittelfeld eingesetzt. Im Mittelfeld war die 23-Jährige hauptsächlich dafür zuständig, der Abwehr den Rücken freizuhalten und das Zentrum dichtzumachen. Dank ihrer Kopfballstärke machte Minge das auch recht gut, viel Zug zum Tor konnte sie in der Position aber nicht entwickeln. Auch trotz der Rückennummer 9 - damals schon eine Vorahnung für das schlummernde Potenzial zum Toreschießen? Minge verriet neulich im Freiburger "Spodcast", dass sie früher bereits als Stürmerin aufgelaufen ist - und das Toreschießen verlernt man nicht.

Selbstvertrauen und der Instinkt für den richtigen Moment

Das Selbstvertrauen einer echten Nummer Neun hat Minge inzwischen definitiv - einer der Gründe für ihre vielen Tore, wie sie selbst meint. Einige ihrer Treffer diese Saison sind echte Traumtore aus der Distanz, aus Positionen, aus denen sie vorher eher nicht geschossen hatte. Beispielhaft dafür der jüngste Volley gegen Duisburg:

Trainerin Theresa Merk attestiert ihr auch den Instinkt für den richtigen Moment: "Jani hat jetzt auch das Selbstvertrauen entwickelt, die entscheidenden Situationen im Spiel für sich zu nutzen, das zeichnet sie gerade besonders aus", erklärt sie 90min. Minges Gefühl für Torgefahr scheint mit jedem Treffer größer zu werden. So bringt sie sich immer öfter in gute Situationen, nutzt dabei geschickt Lücken in der gegnerischen Abwehr. Und ihre Mitspielerinnen wissen inzwischen: Wenn Minge im und um den Strafraum herum den Ball will, dann weiß sie damit etwas anzustellen.

Für solche Traumtore braucht es natürlich eine gute Technik. Die war in Freiburg auch schon vor dieser Saison bekannt, Minge war in den letzten Jahren ebenfalls eine Leistungsträgerin beim Sportclub. Auch Kapitänin Hasret Kayikci weiß um die Stärken ihrer Mitspielerin: "Sie ist seit längerer Zeit eine unserer wichtigsten Spielerinnen", sagt sie. In den letzten Jahren machte sich Minge aber weniger durch ihren feinen Fuß, als durch Abräumerqualitäten im Mittelfeld und der Verteidigung unverzichtbar. "Jani ist eine physisch sehr starke Spielerin", meint auch Kayikci.

Vielseitigkeit und fast schon unheimliche Effizienz

Ihr Kopfballspiel war schon immer eine der großen Stärken von Minge. Da ist es wenig verwunderlich, dass sie das nun auch offensiv einbringen kann. Bei Standardsituationen und Flanken sind die Gegner inzwischen sicherlich vor der Nummer Neun gewarnt. Minge hilft auch ihre Vielseitigkeit vor dem Kasten: Sie hat diese Saison bereits mit links, rechts oder per Kopf getroffen.

Neben dem Gespür für gute Positionen für den Abschluss sticht besonders Minges Effizienz heraus, die fast schon unheimlich wirkt. Aus 18 Schüssen in der Bundesliga machte sie acht Tore - zum Vergleich: Ewa Pajor, mit der sie sich Platz eins auf der Torschützenliste teilt, setzte 32 Mal zum Abschluss an. Mit dem xG-Modell wird die Qualität der Chancen einer Spielerin gemessen, Minge hat hier einen Wert von 3,2: Statistisch gesehen wären aus ihren Schusspositionen nicht einmal halb so viele Tore zu erwarten gewesen. "Wenn's läuft, dann läuft's", sagte Minge neulich in einem Magenta-Sport-Interview, und treffender kann man ihre Saison bisher kaum beschreiben.

Nicht nur Torschützin: Mittelfeld-Motor und immer präsent

"Wenn's läuft, dann läuft's" - das liegt aber auch daran, dass Minge selbst viel läuft. Im Spiel ist die 23-Jährige "unser Motor im Mittelfeld", wie Theresa Merk es sagt. Ob vorne oder hinten, Minge ist aktuell an fast allen Freiburger Aktionen beteiligt und das wichtige Bindeglied zwischen Abwehr und Sturm. Ihre Spielintelligenz zeigt sich besonders daran, dass sie die Schlüsselszenen erkennt und eingreift. "Jani ist in jedem Training und in jedem Spiel unglaublich präsent. Sie hat viele Aktionen im Spiel, die sehr entscheidend sind", sagt auch Theresa Merk.

Minge läuft nicht nur viel, sondern auch oft die richtigen Wege. Offensiv sind ihre Tore sicherlich ihr größter Beitrag, aber Minge kreierte auch schon elf Chancen für ihre Mitspielerinnen. Besonders gerne nimmt sie den Ball mit und bringt Freiburg damit in die gefährlichen Zonen des Platzes, im Durchschnitt macht Minge das achtmal pro Spiel.

Und alldem zum Trotz vernachlässigt sie auch ihre defensiven Aufgaben nicht. Minge hat etwa von allen Frauen-Bundesliga-Spielerinnen diese Saison die fünftmeisten Luftduelle gewonnen und die fünftmeisten Schüsse blockiert. Schon 17 Torchancen machte sie so zunichte, und damit fast so oft, wie sie selbst schoss - ein Wert, der die einzigartige Rolle von Minge beim Sportclub derzeit verdeutlicht.

Kommt bald die Torjägerkanone nach Freiburg?

Aktuell ist es schwierig, größere Schwächen im Spiel von Minge auszumachen. In manchen Situationen könnte sie sich mehr Zeit lassen. Und ab und an unterläuft ihr ein Fehlpass - aber unter Berücksichtigung von dem, was sie ansonsten auf beiden Enden des Platzes leistet, ist das Meckern auf hohem Niveau. "Präsent", das ist wohl das treffendste Wort, um Janina Minge und ihren Einfluss auf das Spiel des SC aktuell zu beschreiben.

Das entging auch Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg nicht, und Minge wurde für ihre starken Leistungen mit ihrer ersten Nominierung in die DFB-Elf belohnt. Auch wenn die USA-Reise für Minge nicht mit einem Debüt endete, war es sicherlich ein weiteres Highlight in einem mit Highlights nicht armen Monat.

In Freiburg hoffen sie natürlich, dass der Lauf von Minge so lange wie möglich weitergeht. Trotz ihres guten Instinkts ist ihre Torausbeute mehr als überdurchschnittlich, auf den Überraschungseffekt kann Minge inzwischen wohl auch nicht mehr zählen. Trotzdem spricht einiges dafür, dass es nicht bei den acht Treffern bleibt, und vielleicht gelingt ja sogar Historisches: Noch nie spielte die beste Torschützin der Frauen-Bundesliga bei den Badenerinnen. Hasret Kayikci hätte nichts dagegen, dass sich das diese Saison ändert: "Wir alle hoffen jetzt natürlich, dass sie die Torjägerkanone nach Freiburg holt."


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