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Ittrichs guten Erklärungen zum Trotz: Die Umsetzung des VAR ist schlecht

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Seit 2017 gibt es bei jedem Bundesligaspiel den Video Assistant Referee (VAR) in Köln | INA FASSBENDER/Getty Images

Patrick Ittrich hat am Sonntag mit einem guten Auftritt bei Sky versucht noch einmal zu erklären, wann der VAR eingreift und wieso. Doch obwohl der Video Assistant Referee den Fußball gerechter macht und viel Kritik ungerecht ist, weil manch einer Erklärungen wie denen von Ittrich nicht zuhören, ist die Umsetzung des VAR insgesamt deutlich ausbaufähig. Einfachste Lösungen könnten das System transparenter und verständlicher machen.

Deniz Aytekin und Patrick Ittrich sind momentan die beiden DFB-Schiedsrichter, die am meisten in der Öffentlichkeit stehen. Das liegt nicht etwa an ihren Leistungen auf dem Rasen (wenn ein Schiedsrichter gute Arbeit leistet, spricht bekanntlich niemand darüber), sondern viel mehr an ihrer Aufklärungsarbeit. Aytekin war Anfang des Jahres der Protagonist in einer Dokumentation, die den 41-Jährigen privat und auf dem Fußballplatz begleitete und viele interessante Einblicke bot. Danach war er auch im Podcast kicker meets DAZN zu Gast, ebenso wie Kollege Ittrich erst kürzlich. Letzterer war zudem am vergangenen Sonntag bei Sky90.

Dort ging es selbstverständlich auch mal wieder um den VAR, den Video Assistant Referee. Konkret ging es um die Szene des vermeintlichen Handspiels von Jerome Boateng beim Gastspiel des FC Bayern bei Borussia Dortmund. Der Schiedsrichter entschied damals auf Ecktstoß, der VAR griff zum Unverständnis vieler nicht ein. "Ein Eingriff des VAR war nicht erforderlich", verteidigte Ittrich aber die Entscheidung seiner Kollegen. Zwar war es seiner Ansicht nach durchaus eher ein Handspiel als nicht, eine klare Fehlentscheidung habe aber nicht vorgelegen.

Patrick Ittrich
Patrick Ittrich erklärte am Sonntag ein paar Hintergründe zum VAR | DeFodi Images/Getty Images

"Wenn sich der Eindruck des Schiedsrichters mit dem deckt, was der Videoassistent sieht, dann ist die Hürde für einen Eingriff enorm hoch", erklärte Ittrich. Man müsse bedenken, dass der Fußball eine gewisse Dynamik habe und man nicht anhand einer einzigen Zeitlupe, in der es dann klar nach einem Fehler aussieht, entscheiden könne. "Dem Schiedsrichter wird das Ermessen abgesprochen und das stört mich ungemein. Die Messlatte ist da oben und da oben soll sie bitte auch bleiben." Wenn über 80:20- oder 70:30-Entscheidungen diskutiert würde, dann gebe es sehr viele Debatten darüber, wo der VAR eingreifen soll und wo nicht.

Das Problem an dieser Sache: Die gibt es sowieso. Patrick Ittrich hat versucht zu erklären, was eine klare Fehlentscheidung ist und was nicht und dass dabei eben auch Faktoren wie die Dynamik eines Spiels und die Wahrnehmung eines Schiedsrichters eine entscheidende Rolle spielen. Wenn der Schiedsrichter also eine bestimmte Aktion sieht und bewertet, ist die Hürde für einen Eingriff aus Köln besonders hoch. Doch für den Außenstehenden ist es trotzdem weiterhin nicht nachvollziehbar, wo der VAR eingreift und wo nicht. Beispiele könnte man aus dieser Saison einige anbringen. Manchmal ist die Messlatte tatsächlich extrem hoch, manchmal aber auch nicht.

Ein "klarer und offensichtlicher" Fehler ist weiterhin subjektiv

Das ganze System mit der "klaren und offensichtlichen" Fehlentscheidung war von Beginn an zum Scheitern verurteilt und trotz aller aufklärerischen Arbeit, die Ittrich, Aytekin und Co. auch versuchen zu leisten, bleibt es intransparent und häufig unverständlich. Es ist einfach zu oft nicht nachvollziehbar, warum der VAR eingegriffen und warum nicht. Erklärungen kann man immer finden, zufriedenstellend sind diese aber selten. "Klar und offensichtlich" ist eben immer noch subjektiv.

Dabei gebe es eigentlich einfache Mittel, um die Schiedsrichter aus der Schusslinie zu nehmen und das System zu vereinfachen. Ittrich erklärte bei Sky, dass es vier Säulen gebe, die ohnehin überprüft würden, oft so, dass der Zuschauer es gar nicht mitbekommt. Wenn man diese Säulen nun öffentlich klar definiert und ansonsten seine Finger aus dem Spiel lässt, wäre es schon erheblich einfacher.

Heißt: Eine Säule wird garantiert ein erzieltes Tor sein. Alle Tore werden im Hintergrund gecheckt, das sollte jedem klar sein. Selbiges sollte für einen gepfiffenen Elfmeter und einen erteilten Platzverweis gelten. Dies reicht eigentlich schon. Bei allen anderen Situationen, also einem nicht gegebenen Elfmeter zum Beispiel, hält sich der VAR komplett zurück - egal, ob er einen Fehler erkennt oder nicht und egal wie klar oder nicht dieser ist.

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Spieler, Trainer, Zuschauer (vor dem Fernseher) wissen oftmals nicht, was überhaupt geprüft wird und warum | STUART FRANKLIN/Getty Images

Und das kann dann die Vereine ins Spiel bringen: Wie oft standen Trainer nach dem Spiel vor den Kameras und fragten verzweifelt, wieso der VAR denn hier nicht eingegriffen hat? Gebt doch den Trainern ein oder zweimal pro Spiel die Chance, um eine Überprüfung zu bitten. Länger dauert das Spiel dann auch nicht. Vor allem aber weiß dann ein jeder, was überprüft wird und was nicht. Damit eine vom Trainer geforderte Überprüfung auch zu einer Änderung führt, muss der Fehler dann natürlich klar sein und der Schiedsrichter hat weiterhin seinen Ermessensspielraum. Aber die Diskussionen darüber, wann nun gecheckt wird und wann nicht, könnten so beendet werden. So, wie es in anderen Sportarten längst Usus ist.

Der DFB kann daran freilich nichts so einfach ändern. Regeländerungen beschließt das International Football Association Board (IFAB) - und die Herren dort sind jetzt nicht gerade für revolutionäre Anpassungen der Regeln bekannt. Dass es den VAR überhaupt gibt, ist schon ein kleines Wunder. In der Form wird er aber weiterhin für Unverständnis und Ärger sorgen, auch wenn er den Fußball insgesamt durchaus gerechter gemacht hat. Und so müssen Ittrich und seine Kollegen weiterhin gebetsmühlenartig versuchen zu erklären, was nun eine klare Fehlentscheidung ist und was nicht. Die aktuelle Umsetzung des VAR jedenfalls ist eine.