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Ist Kai Havertz die Antwort auf Deutschlands Sturmproblem?

Dominik Hager
May 2, 2021, 1:13 PM GMT+2
Mit seinem Doppelpack gegen den FC Fulham hat sich Kai Havertz endlich wieder als Torjäger zurückgemeldet,
Mit seinem Doppelpack gegen den FC Fulham hat sich Kai Havertz endlich wieder als Torjäger zurückgemeldet, | Justin Setterfield/Getty Images
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Mit zwei Toren gegen den FC Fulham hat sich Chelsea-Star Kai Havertz endlich mal wieder von seiner torgefährlichen Seite gezeigt. Trotz des Doppelpacks hat der frühere Leverkusener schließlich erst vier Tore in der Premier League erzielt. Es wäre jedoch nicht nur für die Blues überaus lukrativ, wenn der 21-Jährige sein Killer-Gen wieder gefunden hätte, sondern auch für das DFB-Team. Aufgrund der fehlenden Alternativen ist Kai Havertz jedenfalls definitiv eine Option für die vakante Mittelstürmer-Position.

Die "Falsche Neun" ist eine umstrittene Position im Fußball. Während manche behaupten, dass es einen echten Stürmer braucht, um Spiele zu gewinnen, setzen andere Trainer auf ballgewandte offensive Mittelfeldspieler wie Lionel Messi oder zeitweise Mario Götze im Zentrum der Offensive.

In der deutschen Nationalmannschaft wird es wohl zwangsläufig auf zweiteres hinauslaufen, wobei ein Kai Havertz auf der neun eigentlich gar nicht so falsch wäre.

Darum passt Havertz besser ins Zentrum als auf den Flügel

Kai Havertz ist im Grunde ein polyvalenter Offensivspieler, der in seiner Karriere als Zehner, Außenbahnspieler und Angreifer gespielt hat. Mit einem Blick auf die Maße des 21-Jährigen fällt sofort auf, dass er eigentlich mehr für die Spitze als für die Außenbahn erschaffen wurde.

Mit einer Größe von 1,89 Meter und 82 Kilogramm sollte er prinzipiell die Strafraumpräsenz mitbringen, die es im Spitzenfußball benötigt. Auf dem Flügel sind dagegen eher kleine und flinke Spieler gefragt, die permanent das Eins-gegen-Eins suchen. Die Ansprüche eines modernen Flügelstürmers erfüllt Havertz also nicht wirklich.

Die Karriere von Havertz zeigt: In ihm steckt ein Torjäger

Dementsprechend sollte der frühere Leverkusener auch im DFB-Team eine zentrale Position einnehmen. Hierbei käme die Rolle als Zehner oder als Mittelstürmer in Frage. Im Verlaufe seiner Karriere fiel der Youngster eigentlich mehr durch seine Tore als durch kreative Anspiele und Vorlagen auf.

In seiner U17- und U19-Zeit erzielte er beispielsweise 28 Tore und gab nur drei Vorlagen. Demnach scheint klar, dass das Stürmer-Gen schon immer in Havertz verankert war. Zwar trat er in der Bundesliga auch zunehmend als Assist-Geber auf, jedoch übertrafen die 46 Tore noch immer die 31 Vorlagen. Insbesondere in seinen letzten beiden Saisons bewies der Offensivstar mit 29-Bundesligatreffern, dass er Zahlen auflegen kann wie ein Angreifer.

Havertz besitzt das Skill-Set eines Stürmers

Betrachten wir das Skill-Set des 21-Jährigen, ist dies nicht weiter verwunderlich. Havertz fühlt sich wohl im Strafraum und verfügt über einen guten Instinkt und Torabschluss. Dank seiner guten Körperbeherrschung und Technik besitzt er auch die Fähigkeiten, sich mit einer kurzen Täuschung eine freie Schussbahn zu sichern. Solche kurzen Dribblings in Tornähe liegen ihm deutlich besser als weit weg vor dem gegnerischen Gehäuse, wo er an mehreren Gegenspielern vorbei muss.

Was einige unterschätzen, ist auch seine Geschwindigkeit. Zwar sieht der Laufstil von Havertz etwas staksig aus, jedoch verfügt er über ein gutes Tempo, was für einen Angreifer entscheidend ist.

Kai Havertz
Alex Grimm/Getty Images

Wie bereits oben angesprochen bringt Havertz auch die passenden körperlichen Maße mit. Dank seiner 1,89 kann er den Ball auch mit dem Rücken zum Tor abschirmen und an seine Mitspieler weiterleiten. Trotz allem bleibt dabei auch festzuhalten, dass der Nationalspieler noch lernen muss, seinen Körper besser einzusetzen. Zu häufig lässt sich der 21-Jährige von eigentlich kleineren und leichteren Spielern wegdrängen, wodurch Bälle verloren gehen. Dadurch schafft er es auch noch zu selten, sein Kopfballspiel zu einer echten Waffe werden zu lassen.

All das sind Dinge, die er auf der Insel sicher noch lernen und verfeinern muss. Dennoch bringt er auch jetzt schon eine ganz andere Präsenz als ein 1,70 Meter großer Spieler im Sturmzentrum mit.

Richtig eingesetzt kann Havertz zur Waffe werden

Aus Sicht der DFB-Elf muss man mit den Macken von Havertz leben können. Ein kompletter Weltklasse-Mittelstürmer steht nun mal nicht zur Verfügung. Richtig eingesetzt kann er die Lücke aber trotzdem ganz gut schließen. Der Ex-Leverkusener ist natürlich kein klassischer Stoßstürmer, der im Strafraum darauf wartet mit einem langen Ball oder einer Flanke erreicht zu werden. Vielmehr ist er ein mitspielender Stürmer, der sich im Zusammenspiel seine Chancen erarbeitet.

Es ist jedoch auch gar nicht nötig, dass Havertz den Strafraum zu jeder Zeit besetzt. Mit Serge Gnabry, Timo Werner oder Thomas Müller gäbe es zahlreiche Optionen, die sich als Sturmpartner oder hängende Spitze perfekt eignen. Alle vereint, dass sie ebenfalls den Weg in den Strafraum suchen, ohne sich dort pausenlos aufhalten zu müssen.

Kai Havertz, Timo Werner
Gegen den FC Fulham bildeten Havertz und Werner ein Angriffsduo: Dies könnte auch für das DFB-Team zur Option werden. | Julian Finney/Getty Images

Findet Joachim Löw hierbei ein funktionierendes Konzept, braucht sich der deutsche Fußball eigentlich keine zu großen Sorgen zu machen. Wichtig wird dabei sein, dass jeder Spieler weiß, welche Räume er zu besetzen hat und kein Akteur isoliert vom Spielgeschehen agiert. Dann klappt es auch mit Havertz als gar nicht so falsche "Falsche Neun".



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