Hamburger SV

Vom Können und Müssen beim Hamburger SV

Guido Müller
Mikkel Kaufmann hätte gegen Kiel zum Matchwinner der Rothosen werden können
Mikkel Kaufmann hätte gegen Kiel zum Matchwinner der Rothosen werden können / Martin Rose/GettyImages
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"Wir müssen nicht aufsteigen, aber wir können!" Diese Worte hätten auch von einem HSV-Spieler kommen können. Oder von irgendeinem Funktionär. Und zwar schon weit vor der Saison. Denn als Top-Favorit auf den Aufstieg ist der Traditionsklub vom Hamburger Volkspark ganz sicher nicht in diese Zweitliga-Spielzeit gestartet. Zwölf Spieltage später steht er dann auch ziemlich genau da, wo man es erwarten durfte.


Tabellarisch weiterhin im Grünen Bereich

Nämlich mit Tuchfühlung zur Tabellenspitze. Spitzenreiter St. Pauli (26 Punkte) und der Zweite Regensburg (25) sind zwar schon zwei Spiele enteilt, der momentane Dritte (Schalke) ist mit 22 Zählern aber nur drei Punkte, und somit in Schlagdistanz, entfernt.

Ach, die oben zitierte Aussage stammt übrigens vom gestrigen Sonntag. Und ausgesprochen hat sie der Paderborner Sven Michel. Kurz zuvor hatte dieser einen lupenreinen Hattrick im Karlsruher Wildpark geschnürt und mit seinem SCP 4:2 gewonnen.

Mit nur einem Punkt hinter den Knappen liegen die Ostwestfalen auf dem Platz, den der HSV in seinen bisherigen drei Zweitliga-Jahren am Ende stets eingenommen hat.

Eine Woche zuvor wiederum hatte der HSV noch bei eben diesen Paderbornern, laut einigen Experten ein "echtes Spitzenteam der 2. Liga", zwar nicht vom Ergebnis (2:1) aber doch vom Spielverlauf her sehr überzeugend gewonnen.

Man könnte auch sagen: man hatte die Paderborner in ihrer eigenen Arena über das Gros der Partie hinweg ziemlich gut im Griff.

Dass es dann am Ende eines Treffers in der Nachspielzeit eines erst vier Minuten zuvor eingewechselten Jokers (Doyle) bedurfte, um die drei Punkte mitzunehmen, mag an sich glücklich erscheinen - ändert aber nichts daran, dass der Sieg hochverdient war.

Moritz Heyer
Beim SCP feierte der HSV einen Lucky-Punch-Sieg durch das späte Tor von Tommy Doyle (nicht im Bild) / Martin Rose/GettyImages

Statt also mit der Michel'schen Devise (nichts muss, aber alles kann) in den weiteren Saisonverlauf zu gehen, verliert sich ein Teil der HSV-Anhängerschaft schon jetzt wieder im Frust darüber, auch diese 2. Liga nicht von Beginn an in Grund und Boden zu schießen.

Anlass dafür ist wieder einmal ein nicht gewonnenes Heimspiel. Das fünfte von insgesamt sechs. Aber nicht gewonnen heißt in diesem Fall eben auch nicht verloren. Doch in der hochhysterischen Hamburger Medienlandschaft werden fünf Heimremis eben mehr als Heimniederlagen angesehen.

Was rein rechnerisch ja auch richtig ist. Ein Punkt ist nun mal näher an der Null dran als drei Punkte. Doch mit der angedeuteten überzogenen Erwartungshaltung ist gleichzeitig auch schon ein Faktor für die ständige Unruhe im Umfeld des Vereins benannt.

Diskrepanz zwischen Heim-und Auswärtsspielen

Die Situation ist eigentlich immer die gleiche: vor einem Heimspiel wird latent die Erwartung geschürt, dass "der große HSV" ja eigentlich jedes Heimspiel in dieser Liga gewinnen müsse. Und erst recht gegen Teams, wie Dresden, Darmstadt oder Kiel, denen die Qualität für den Aufstieg zuvor (und wenn auch nur situativ) abgesprochen wurde.

Regelmäßig jedoch "scheitert" die Truppe an dieser Vorgabe. Zumindest teilweise. Denn wie gesagt: zuhause verloren hat dieser HSV 2021/22 ja auch noch nicht.

Bei Auswärtsspielen hingegen wird regelmäßig der Teufel an die Wand gemalt und der Mannschaft nicht zugetraut, bei X oder bei Y zu gewinnen. So war es vorm Spiel auf Schalke, so war es vor dem Nordderby bei Werder - und so war es auch vor dem Spiel in Paderborn.

Doch gerade in der Fremde tut sich diese recht junge HSV-Mannschaft bislang viel leichter als von vielen erwartet. Einer einzigen Niederlage (beim Stadtderby am Millerntor) stehen drei Siege (bei Schalke, in Bremen und in Paderborn) sowie zwei Unentschieden (in Heidenheim und in Aue) gegenüber.

Bis zum Jahresende noch viermal im Volkspark

Von den sechs noch ausstehenden Partien bis zum Jahreswechsel hat der HSV nun vier davon in eigener Arena auszutragen (Regensburg, Ingolstadt, Rostock und Schalke), während er noch zweimal beim Gegner (beim KSC und in Hannover) antreten muss.

Den eher pessimistisch ausgerichteten Fans, die daraus eine maximale Ausbeute von vielleicht zehn Zählern (zwei Auswärtssiege, vier Heimremis) ableiten, sei gesagt: selbst wenn es so käme, wäre der HSV eigentlich noch im Plan.

Und es ist ja auch nicht in Stein gemeißelt, dass der HSV keine Heimspiele mehr gewinnen wird. Zumal er ja schon bei den letzten Auftritten im Volkspark (gegen Nürnberg, Düsseldorf und Kiel) jeweils nahe dran war.

Am weitesten weg von einem Heim-Dreier war er wohl gegen Kiel. Wenn man das gesamte Spiel und die Qualität der Torchancen beider Teams in Betracht zieht. Nach guter erster Halbzeit gab es im zweiten Durchgang leider gleich von der ersten Minute an einen Kontrollverlust (Ausgleichstor inklusive) - der bis zum Ende der Partie anhielt.

Und trotzdem hätte der HSV selbst diese Partie gegen stetig frecher werdende Störche für sich entscheiden können.

Wenn beispielsweise Mikkel Kaufmann seine Monsterchance aus der 72. Minute nutzt, reden wir heute vielleicht vom ersten Heimdreier seit dem Sandhausen-Spiel Mitte September. Und darüber, wie schön sich der momentane Blick auf die Tabelle gestaltet.

Mikkel Kaufmann
Ließ die Großchance zur 2:1-Führung liegen: Mikkel Kaufmann / Martin Rose/GettyImages

So jedoch wird von den Medien (fast in Gänze) und den Fans (zum Teil) weniger darauf hingewiesen, dass der HSV seit nunmehr neun Liga-Spielen ungeschlagen ist, sondern der Akzent darauf gelegt, dass er eben seit dem Sandhausen-Spiel kein Heimspiel mehr gewinnen konnte.

Doch wie gesagt: wirklich viel fehlt nicht mehr, damit sich auch jeder beliebige HSV-Spieler, ohne Gefahr zu laufen, sich lächerlich zu machen, vor die Kameras stellen und prognostizieren kann: wir müssen nicht aufsteigen - aber wir können.

Was dieses Wenige ist, das noch fehlt, ist offensichtlich: Killerinstinkt und Effektivität. Wie schon im Spiel gegen frühzeitig rotdezimierte Düsseldorfer hätte der HSV auch gegen elf Kieler in der ersten Halbzeit merken müssen, dass da mehr drin war, als nur mit einer Minimalführung in die Pause zu gehen.

Hätte man nach den frühen Führungstreffern (gegen Fortuna in der 19., gegen Kiel in der 12. Spielminute) den Fuß auf dem Gaspedal gelassen, wäre man beide Male sicherlich mit einer komfortableren Führung in die Kabine gegangen.

Doch mangelnde Intensität (veranschaulicht durch den unschönen Hang, bei eigener Führung einen Gang zurückzuschalten) gepaart mit ungenügender Chancenverarbeitung, ergeben zusammen das Ideal-Rezept, um einen spielerisch eigentlich unterlegenen Gegner (was auf die meisten HSV-Rivalen zutrifft, ob auswärts oder zuhause) im Spiel zu halten.

Der kommt dann irgendwann über den Kampf zurück ins Spiel, welches den HSV-Spielern, gelähmt durch das sogenannte Kopf-Kino (nach dem Motto: was könnte jetzt noch alles schief laufen?), gleichzeitig immer mehr entgleitet.

Die Parallelen sind ja nicht von der Hand zu weisen. Dynamo Dresden, Darmstadt, Düsseldorf, Kiel - sie alle lagen zu einem bestimmten Zeitpunkt im Volkspark zurück - und alle konnten sie doch noch einen Punkt aus Hamburg entführen.

Genau daran muss Tim Walter mit seiner Mannschaft noch arbeiten. Einer frühen Führung möglichst ein zweites und drittes Tor folgen lassen - dann erspart man sich (im Normalfall) das Zittern in Durchgang zwei. Dass der HSV das kann, hat er in den meisten seiner Auswärtsspiele ja schon zur Genüge gezeigt.

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