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Gibt es einen HSV-Fanclub in Punxsutawney (USA)?

Bakery Jatta, Adrian Fein, Louis Schaub
Wieder in die Pfütze getreten: Jatta, Fein und Schaub nach der unnötigen Niederlage | Matthias Hangst/Getty Images

Man fasst es nicht, man traut seinen Augen nicht, man ist völlig perplex - ja, der HSV hat sich tatsächlich wieder in den Schlussminuten ein Tor gefangen und ein Spiel abgeschenkt, das er über Teile gut bis sehr gut im Griff hatte. Aber wenn man genau hingeguckt hat, ist es halt dann doch nicht so unfassbar, und kann man seinem Sehvermögen sehr wohl trauen. Wer Augen hatte, hätte es schon im ersten Durchgang sehen können. Ohne wichtigtuerisch daherkommen zu wollen: Ich ahnte es schon in der Halbzeitpause.

Und wöchentlich grüßt das späte Gegentor

Da fiel mir nämlich Darmstadt ein. Also das Heimspiel des HSV gegen diesen Gegner in der vorigen Saison. Für viele (auch für mich) ein Knackpunkt der letztjährigen Spielzeit. Auch damals: 2:0-Halbzeitführung, über weite Strecken alles im Griff und dann der fatale Leistungsabbau nach der Pause. Im Wesentlichen haben sich die damaligen Verhaltensmuster der Mannschaft (obwohl personell fast komplett anders besetzt und von neuem Trainer befehligt) heute fast 1 zu 1 wiederholt.

Und so sitze auch ich heute Abend wieder hier an meinem Schreibtisch und darf, muss, soll, will (?) über ein HSV-Spiel berichten, dessen Verlauf und finaler Schlussakkord so schmerzlich daherkommt, das sich aber gleichzeitig so frappierend in eine Reihe von ich weiß nicht wie vielen Spielen exakt gleichen Ablaufs einfügt, dass einem unwillkürlich Assoziationen zum Film kommen müssen. Und man fragt sich: Gibt es in Punxsutawney eigentlich einen HSV-Fan-Club? Die HSV-Fans meiner Generation müssten ihn sonst gründen.

Zum Spiel selbst nur so viel: Nach gutem Start, man hat alles im Griff, spielt den Gegner phasenweise an die Wand - aber schon hier: Es fehlt die Geradlinigkeit zum Tor. Da wird gerne mal geschnörkelt, wie wir früher auf dem Platz gesagt haben, hier noch mal ein Kürvchen und da noch mal ein cooler (aber in sich unnötiger) Außenrist-Pass und schon verpuffen viele vielversprechende Ansätze. Viele weitere werden einfach verstolpert, wie ein paar Mal von Jatta. Aber nicht nur von ihm.

Was Fein genau beim FC Bayern will, erschließt sich mir seit einiger Zeit auch immer weniger. Da muss viel mehr kommen im Spiel nach vorne. Teilweise auch mit zu sorgloser Körpersprache und bedenklich riskantem Spiel in der eigenen gefährlichen Zone. Ähnlich wie bei Hunt. In seinen genialen Momenten hat er es immer noch drauf - aber die werden leider von Spiel zu Spiel immer weniger. Als der VfB in der zweiten Hälfte aufdrehte, war auch er leider kein Faktor mehr, um das Spiel a) zu beruhigen und b) konstruktiv in die gegnerische Zone zu tragen.

Dudziak war zu dem Zeitpunkt leider auch schon platt und hätte vielleicht schon ein paar Minuten eher ausgewechselt werden können. Doch leider waren die eingewechselten Schaub und Jairo überhaupt kein Faktor mehr.

Timo Letschert
Hatte González´Sprint in der letzten Minute nichts mehr entgegenzusetzen: Timo Letschert | Matthias Hangst/Getty Images

Aber das sind alles nur Details. In der Summe muss man dem HSV seit viel zu langer Zeit den Vorwurf machen, eine Führung nicht konsequent genug ausbauen zu wollen. Man ruht sich sichtbar auf dem Erreichten aus, setzt ab und zu, und wenn man mal Lust hat, einen Konter, und wenn nicht - auch egal. Und baut so regelmäßig die Gegner wieder auf. Kein einziger Gegner muss heute bei Rückstand gegen den HSV fürchten, dass schon alles gelaufen ist. Ohne Vergleiche mit den großen Teams der Fußball-Historie bemühen zu müssen: Selbst in dieser Zweiten Liga gibt es Teams, die dafür bekannt sind, bei Führung extrem schwer bespielbar zu sein, und gegen die die Führung auszugleichen einer Herkulesaufgabe gleichkommt.

Ein Muster seit langer Zeit: Man bringt ein Spiel zu häufig nicht seriös ins Ziel

Beim HSV passiert leider das Gegenteil: Solange er nicht mindestens mit drei Toren führt, ist gegen ihn eigentlich immer noch was drin. Das haben Darmstadt im März 2019 und der VfB am Donnerstagabend gezeigt. Von den unzähligen Ein-Tore-Führungen, die der HSV in diesem Zeitraum verdaddelt hat, auch gerne in den Schlussminuten, weil sich die Gegner dann immer ihrer starken Phase nach der Halbzeitpause erinnerten, will ich gar nicht erst anfangen zu schreiben. Ich habe noch heute Nachmittag im Supermarkt zu meinem Spezi dort gesagt: Wenn mir mal bloß nicht wieder zum Aufbaugegner für einen kriselnden Gegner werden. Darin sind wir ja auch inoffizieller Weltmeister. Klubs in der Krise wieder auf die Beine zu helfen. Entsprechend wird sich auch der SV Wehen Wiesbaden was ausrechnen, wenn er am Sonntag im Volkspark antritt. Und ganz ehrlich: Keine Ahnung wie das ausgeht. Vielleicht liebe ich diesen Verein ja genau deshalb.

Dennoch bleibt trotz allen Frustes über die Niederlage die Hoffnung. Hoffnung, dass sich das durchaus vorhandene und in Teilen sichtbare Talent und Potential der Mannschaft am Ende noch in entsprechenden Resultaten niederschlägt. Hoffnung, die bei mir auch von der Erfahrung des Coaches gespeist wird, der mit solchen Drucksituationen umzugehen weiß. In der Mannschaft scheint es keine Unruhe oder Ähnliches zu geben. Auch ein Vorteil gegenüber dem vergangenen Jahr. Und man hat Heidenheim, als derzeit stärksten Verfolger auch noch im direkten Duell vor der Brust. Wenngleich auch spät in der Saison.

Und ich sage sogar heute Abend schon: Wenn der HSV in den nächsten vier Spielen seinen Job macht, sollte dieses Spiel beim aktuellen Tabellenvierten eigentlich (ja, dieses Wort fällt im Zusammenhang mit dem HSV immer wieder) keine Bedeutung mehr haben. Eigentlich: Wenn nicht, machen wir es halt über die Relegation. Nur ob Werder dann mein Wunschgegner wäre? Und selbst wenn alle Stricke reißen und das anstehende Saison-Finale wieder auf dem vierten Platz endet: Dann sitze ich halt wieder da und schreibe über den HSV und denke an Punxsutawney.