Geschichten der WM 2023: Eine sechste und letzte WM für Marta - und der erste Titel?

Mit Martas 6. und letzter WM endet eine Ära. Kann Brasilien den ersten Titel der Geschichte gewinnen?
Mit Martas 6. und letzter WM endet eine Ära. Kann Brasilien den ersten Titel der Geschichte gewinnen? / Eurasia Sport Images/GettyImages
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"Marta ist die Königin, die Ikone, es ist einfach ansteckend, in ihrer Nähe zu sein", sagte Pia Sundhage in der WM-Vorbereitung. Aus ihrem Mund sind das große Worte, denn die Schwedin ist eigentlich nicht für Gefühlsduselei oder Lobhudelei bekannt. Die 63-Jährige feierte mit den USA und Schweden bereits große Erfolge, nun ist sie seit 2019 Brasiliens Trainerin. Die Mission ist klar: Der erste Titel für die Selecao - für Marta im sechsten Anlauf.

Für Marta sind solche Worte freilich nichts Neues: Unter Fans gilt sie als eine der besten, wenn nicht die beste Spielerin der Historie. Mit inzwischen 37 Jahren ist Marta Vieira da Silva, wie sie mit vollem Namen heißt, zwar schon über ihren Zenit heraus. Mit ihrer Erfahrung und ihrer Übersicht ist sie aber immer noch eine wichtige Stütze für Brasiliens Team, ob von der Bank oder in der Startelf.

Martas Stärken - einzigartige Technik und ein Auge für den letzten Pass

Und Martas größtes Talent hat sie sich noch bewahrt. Dabei ist das etwas versteckt: Wer an Brasiliens Nummer 10 denkt, denkt als erstes an eine fabelhafte Ballkontrolle, an schwindelerregende Dribblings, an Finten und Tempo, an den puren Instinkt und das Unberechenbare. An das, was gerne "typisch brasilianisch" genannt wird, an die Art von Spielstil, den nur die haben, die Stunden und Tage auf der Straße mit dem Ball verbracht haben.

All das lässt sich auf unzähligen Highlight-Videos nachschauen und machte Marta zu einem Unikat: Anders als viele andere Spielerinnen, die eine Ära dominierten, war sie nicht physisch und athletisch einen Schritt voraus, sondern mental und technisch. Wo ihre nächste Bewegung hingehen würde, konnte niemand erahnen, auch die besten Verteidigerinnen nicht. Marta war Magie, jogo bonito, eine Künstlerin zu einer Zeit, als noch eher das grobe Handwerk geschätzt wurde.

Heute ist diese Magie etwas weniger stark, Martas Antritt weniger explosiv. Aber die 37-Jährige war nie nur eine herausragende Technikerin. Sie hatte vor allem das Auge für den letzten Pass, für die eine kleine Lücke. Marta kann eine Abwehr austänzeln, aber sie kann sie ebenso leicht mit einem Pass in die Schnittstelle sezieren. Diese Fähigkeit, gepaart mit ihrer Torgefahr und ihrer Technik, machte sie zu einem der ersten Weltstars und brachte ihr sechsmal den Titel der Weltfußballerin ein.

Und sie hat diese Fähigkeit noch immer, wie es auch Pia Sundhage betont. "Marta ist nicht mehr die Spielerin, die ein Spiel von Anfang bis Ende dominiert, wie sie es früher konnte", sagt sie, aber in den entscheidenden Momenten ist sie immer noch da. Ein Kreuzbandriss hätte sie fast das Turnier gekostet, aber nun hat Marta die Chance, auf ihre bereits beeindruckenden 17 WM-Tore - ein Rekord, der so schnell nicht gebrochen werden wird - noch mehr draufzulegen.

Martas letzte WM - das Ende einer Ära und einer Generation

Die WM wirkt zugleich auch wie eine Abschiedstour für Marta, eine Würdigung ihrer großen Karriere. Mit 14 gegen den Willen der Familie ausgezogen, um Fußballerin zu werden, mit 18 nach Europa gegangen, als Superstar zurückgekehrt - Martas Geschichte liest sich wie ein Cinderella-Märchen, wie sie in Brasilien geliebt werden. Sie ist längst auch Botschafterin und nicht nur Spielerin, und ihre starke Stimme wird das Team auch neben dem Platz vermissen.

Mit ihrem Karriereende schließt sich eine Ära: Marta verkörpert Brasilien und ist immer noch mit weitem Abstand die bekannteste Fußballerin des Landes. Ihre langjährige Sturmpartnerin Cristiane und die Mittelfeldspielerin Formiga, die sogar bei sieben WMs antrat, eine mehr als Marta, sind schon nicht mehr dabei.

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Jahrelang die Gesichter der Selecao: Marta, Formiga und Cristiane / NICHOLAS KAMM/GettyImages

Mit Marta verabschiedet sich das letzte Gesicht einer großen, aber doch unvollendeten Generation. 2007 waren sie ganz nah dran, aber verloren das Finale gegen Deutschland. Danach kamen die Brasilianerinnen nicht mehr über das Viertelfinale heraus, scheiterten an individuell schwächeren Teams, an sich selbst, an den Erwartungen, an der fehlenden Balance zwischen Zauberei im Sturm und wackliger Defensive.

2019 schien Marta den Traum eines Titels nach einer Niederlage im Achtelfinale gegen Frankreich schon aufgegeben zu haben. Nach dem Spiel hielt sie unter Tränen eine emotionale Rede, an alle jungen Mädchen in Brasilien gerichtet: "Es wird nicht immer eine Formiga geben, eine Marta und eine Cristiane", sagte sie damals. Es wirkte wie ein Abschied, aber Marta blieb. Auch bei dem nächsten Turnier, den Olympischen Spielen 2021, erlebte sie eine Enttäuschung.

Auch 2021 hätte sie ihren Hut nehmen können, aber Marta machte weiter, immer noch. Warum? Pia Sundhage sagt, Marta habe nach Olympia erklärt, sie können es doch eigentlich viel besser machen. Marta glaubt an das Potenzial im brasilianischen Team, an den großen Wurf. Aber ist der wirklich realistisch?

Brasiliens Chancen bei der WM: Zwischen Offensivkraft und fehlender Resistenz

Bei der WM zählt Brasilien zum erweiterten Favoritenkreis. Zumindest auf dem Platz muss sich Sundhage nicht zu viele Sorgen um die Nachfolge von Marta machen. An Top-Spielerinnen im Sturm mangelt es nicht: Da ist einmal Debinha mit ihrem cleveren, trickreichen und torgefährlichen Spielstil. Barcelonas Geyse Ferreira ist mit ihrer Schnelligkeit und ihren Dribblings die perfekte Anspielstation für Konter. Und die 23-jährige Kerolin findet die Lücken in gegnerischen Abwehrreihen und trifft sehr oft die richtige Entscheidung.

Aber gute Dribblerinnen hatte Brasilien schon oft, und vielleicht erklärt eine alte Fußballweisheit die Enttäuschungen der letzten WMs: "Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt Turniere." Da hakt es noch immer bei Brasilien. Zwar können sie ein starkes Pressing aufziehen, was auch Deutschland bei der Testspiel-Niederlage erfahren musste. Aber gegen starke Gegner klaffen in den Halbräumen auch beachtliche Lücken, oder die Koordination der Verteidigung stimmt nicht.

Pia Sundhage
Brasilien-Coach Pia Sundhage / Adam Pretty/GettyImages

Genauso wichtig ist wohl eine mentale Frage: Sundhage hat immer wieder betont, dass ihr Team resistenter und fitter werden muss, und dass sie lernen müssen, bei Rückschlägen zurückzukommen. Zu oft ist Brasilien bei den letzten Turnieren nach Gegentoren in Passivität verfallen, und zu oft konnten sie physisch nicht mithalten. Gerade gegen den Top-Favoriten USA, der genau diese Stärken verkörpert, könnte das wichtig werden.

Zunächst einmal geht es aber um den Gruppensieg. Das Spiel gegen Frankreich wird wohl entscheidend: Falls Brasilien die Gruppe gewinnt, treten sie gegen den Zweiten aus Deutschlands Gruppe an, was wohl ein machbares Los wäre. Verlieren sie aber gegen Les Bleues, ist ein Achtelfinale gegen das DFB-Team gut möglich, was wohl ein Spiel auf Augenhöhe wäre.

Zumindest spielerisch - wörtlich genommen eher weniger, denn Marta ist mit ihren 1,62 Metern wahrlich keine Gigantin. Die "GOAT" - Greatest of all time - ist sie für viele Fans trotzdem. In Australien und Neuseeland hat sie nun zum letzten Mal die Chance, ihr Team zum ganz großen Triumph zu führen. In dem Fall gäbe es von Pia Sundhage wohl noch mehr überschwängliche Worte.


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